Romeo Alexander
Cover: Nur ein bisschen bi von Romeo Alexander

Kostenlose Geschichte

Nur ein bisschen bi

Eine Bonusnovelle aus „Fort Dale – Männer in Uniform“

John, 19, schiebt Wache am Tor von Fort Dale. Lance, 21, ist Lieferfahrer. Ihre Geschichte „Nur ein bisschen bi“ kannst du gleich hier auf der Seite lesen oder kostenlos herunterladen.

Jetzt hier lesen
EPUB herunterladen

Am besten für Tolino, Kindle (über „Send to Kindle“), Apple Books, Kobo und die meisten Lese-Apps.

PDF herunterladen

Zum Lesen am Computer oder zum Ausdrucken.

Im Zweifel nimm die EPUB-Datei. Du liest auf dem Kindle? So geht’s ↓

Online lesen

Nur ein bisschen bi

9 Kapitel und ein Epilog · knapp zwei Stunden Lesezeit

Schriftgröße

Kapitel 1

John

„Fragst du dich manchmal, ob er irgendwann durchdreht und jemanden umbringt?“, fragte John, während er zusah, wie der mürrische Hüne am Zaun entlangstapfte.

Trisha strich sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht und schnaubte. „Höchstens dich.“

John schnaubte ebenfalls und schob sein Handy über den Schreibtisch, während er Sloane draußen beim Herumstapfen beobachtete. Erst als Sloane außer Sicht war, lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. Der Kerl hatte nie etwas getan, das John ernsthaft hätte glauben lassen, er würde jemandem etwas antun. Ein paar knurrend vorgebrachte Drohungen hatte es allerdings schon gegeben. Eigentlich glaubte John nicht, dass Sloane ihm je etwas tun würde, aber es war schwer, sich von einem Kerl nicht einschüchtern zu lassen, der einen mit seinen knapp zwei Metern überragte und wirkte, als wäre er aus einem Berg gehauen.

Andererseits hatte John den größten Teil seines Lebens mit Leuten verbracht, die größer und einschüchternder waren als er. Obwohl er nicht gerade klein war, stellten ihn seine älteren Brüder und sein Vater allesamt in den Schatten. Seine Mutter war die Einzige in der Familie, die kleiner war als er, aber das machte sie mit ihrer gewaltigen Persönlichkeit wett. Was vielleicht auch daran lag, dass sie fünf Jungs hatte großziehen müssen.

John musterte Trisha. „Warum kommt er mit dir eigentlich so gut klar?“

Trisha blätterte um, ohne von ihrem Buch aufzusehen. „Wahrscheinlich, weil ich ihn nicht wahnsinnig mache.“

„Unfair. Ihn machen doch alle wahnsinnig.“

„Außer mir, anscheinend. Und Dean.“

„Doc ist sein Freund, das zählt nicht. Moment mal …“ John hielt inne und sah Trisha prüfend an.

Trisha blickte auf und kniff die Augen zusammen. „Wir haben nicht miteinander geschlafen und werden es auch nie. Denk gar nicht erst dran.“

John hob die Hände und lachte nervös. „Hab ich doch gar nicht.“

„Du lügst, dass sich die Balken biegen.“

Na gut, vielleicht war ihm der Gedanke gekommen. Nicht, dass es ihn kümmerte, aber Sloane hätte eine Eroberung mehr auf seiner Liste gehabt, während auf Johns eigener gähnende Leere herrschte. Trisha war eine attraktive Frau, und wenn sie sich mal unter Leute mischte, war sie angenehme Gesellschaft. Sloane mochte der mürrischste Mensch sein, den John je getroffen hatte, doch bei seiner Größe und seinem markanten Aussehen liefen ihm die Frauen scharenweise hinterher.

John nahm sein Handy, schaltete die Frontkamera ein und legte den Kopf schief. „Meinst du, es liegt an meinen Haaren?“

„Ich glaube nicht, dass deine Haare etwas damit zu tun haben, dass du Sloane auf die Nerven gehst“, sagte Trisha.

John verdrehte die Augen. „Nein, ich meine, glaubst du, dass ich deshalb bei Frauen kein Glück habe?“

Trisha seufzte. „Weißt du, als du hierher versetzt wurdest, warst du nicht so besessen davon, ständig jemanden ins Bett zu kriegen.“

„Da war ich ja auch noch nicht lange genug hier, um mir deswegen Gedanken zu machen. Ich meine, ein Stützpunkt an der Küste, eine Touristenstadt nicht weit weg. Ich dachte, mir stehen alle Möglichkeiten offen. Und jetzt scheint jeder Versuch nach hinten loszugehen. Währenddessen kriegt Mister Stinkstiefel die ganze Aufmerksamkeit.“

Trisha verzog den Mund. „Weißt du, vielleicht ist es ja dein Gejammer, das ihn wahnsinnig macht. Nur so eine Idee.“

John sah sie an. „Also nicht die Haare?“

Trisha verdrehte die Augen. „Herrgott noch mal.“

John wandte sich wieder der Kamera zu und kniff die Augen zusammen, während er sein Spiegelbild betrachtete. Klar, er sah nicht so umwerfend aus wie Sloane, aber er hatte ein markantes Kinn, und dank seiner Zeit in Fort Dale hatte er genug Sonne abbekommen, um nicht mehr geisterbleich zu sein. Mit seinem hellblonden Haar, das er vorschriftsmäßig kurz trug, und den ebenso strahlend blauen Augen hätte er eigentlich mehr Glück haben müssen. Er blickte an seinen Armen und Beinen hinunter. Obwohl er sich für ziemlich muskulös hielt, sollte er vielleicht noch mehr trainieren, um weiter zuzulegen.

Als er damit fertig war, sich selbst zu begutachten, und bereits einen neuen Trainingsplan austüftelte, kam Sloane zurück. Der große Mann schnappte sich die Checkliste von der Wand neben der Tür und begann, Punkte abzuhaken. John fand das ein bisschen unfair, schließlich bestand Sloane normalerweise darauf, dass John die Liste bei seinem Kontrollgang mitnahm.

Sloane hielt inne, blätterte um und sah auf das nächste Blatt. „Was zum Teufel … Warum hast du früher Schluss, Simmons?“

John zuckte mit den Schultern. „Ich hab heute einen Check-up. Ich soll zum Doc.“

„Warum?“

„Ich hatte noch keinen. Na ja, zumindest nicht, seit ich hierher versetzt wurde. Also geh ich hin. Anweisung vom Doc. Willst du dich etwa mit dem Doc anlegen?“

Sloane brummte, hängte das Klemmbrett mit einem Klatschen zurück und nahm seinen üblichen Platz am anderen Schreibtisch ein. Trisha gluckste und erntete dafür einen finsteren Blick von Sloane, bevor er sich auf seinen Stuhl fallen ließ. Wenn es jemanden gab, den Sloane mochte, dann war es Dean, der Sanitäter, der die Klinik des Stützpunkts leitete. Der Doc war der Einzige, in dessen Nähe Sloane tatsächlich einigermaßen umgänglich wurde.

Als hätte er Johns Gedanken gespürt, blickte Sloane auf und musterte ihn. „Sei kein Arsch.“

John blinzelte. „Was?“

„Dean gegenüber.“

John sah sich verwirrt um. „Ich … warum sollte ich?“

„Nachdem du neulich so die Klappe aufgerissen hast, geh ich lieber auf Nummer sicher. Wenn du ihm irgendwas an den Kopf wirfst oder dich wie ein Arsch benimmst, lernt deiner meinen Stiefel kennen“, knurrte Sloane.

John wurde blass, als ihm vielleicht zum ersten Mal klar wurde, dass Sloane seine Drohung ernst meinte. Schlimmer noch: Dass Sloane auf den Moment anspielte, in dem John ihre Freundschaft allein deshalb infrage gestellt hatte, weil Dean schwul war, machte ihm die Sache noch unangenehmer.

John rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. „Echt, ich hab mir nichts dabei gedacht.“

Sloane zog eine Augenbraue hoch. „Du hast mich verstanden.“

„Ja, schon, aber komm, ich wollte dich nur aufziehen. Es kam bloß … falsch rüber. Mir ist egal, dass Doc schwul ist, Mann.“

„Feil mal an deinen Witzen, Simmons“, murrte Sloane und wandte sich ab.

Für eine Unterhaltung mit Sloane war das noch eine der besseren gewesen. Klar, John wusste, dass er öfter Dampf abließ, als nötig war. Aber es waren nicht nur seine Beschwerden, die Sloane nervten. Manchmal hätte John schwören können, dass er in der Nähe des Kerls nur atmen musste und Sloane schon anfing zu bellen.

Ein Auto fuhr vor, und bevor John etwas sagen konnte, war Sloane schon auf den Beinen und unterwegs zum Fahrer. Als Dienstjüngster im Wachhäuschen wurde sonst meist John losgeschickt, wenn jemand am Tor auftauchte.

„Der hats ja plötzlich eilig“, bemerkte John.

Trisha blickte auf. „Nein, da kommt die Familie des Generals.“

„Ich dachte, General Winter wäre nicht verheiratet?“

„Man kann auch ohne Ehepartner Familie haben. Das ist seine Schwester Caroline.“

„Nur ein Geschwisterkind? Muss schön sein“, schnaubte John.

„Wieso, wie viele hast du denn?“

„Vier Brüder, alle älter als ich.“

„Ach, du bist das Nesthäkchen.“

John warf ihr einen bösen Blick zu. „Fang nicht damit an.“

Trisha sah ihn aufmerksam an. „Wunder Punkt?“

John zuckte mit den Schultern. „Ich hatte vier Brüder, die alle irgendwas besonders gut konnten. Bis ich mal die Gelegenheit bekam, etwas auszuprobieren, hatte gefühlt schon einer von ihnen alles gemacht. Ich konnte also nur in die Fußstapfen von jemand anderem treten. Da macht es nicht gerade Spaß, sich zu messen, auch wenn meine Familie nichts anderes tut.“

Mit neunzehn stand John noch immer vor genau diesem Problem. Einer seiner Brüder war Arzt geworden, ein anderer Ingenieur. Der nächstälteste stand kurz vor seinem Masterabschluss und bemühte sich bereits um eine begehrte Stelle als Lehrer. Alle drei waren in festen Beziehungen; die beiden Ältesten waren glücklich verheiratet und hatten ein paar Kinder, die bei ihnen herumtobten.

Und dann war da John: ein einfacher Soldat auf irgendeinem unbekannten Stützpunkt.

Trisha brummte verständnisvoll. „Muss hart sein.“

John winkte ab. „Ich hab noch ein paar Jahre, bevor meine Eltern anfangen, mich damit zu nerven, dass ich ein nettes Mädchen finden und sesshaft werden soll.“

„Und bis dahin willst du jede heiße Schnitte flachlegen, die vorbeikommt oder sich auch nur in dein Blickfeld verirrt“, stellte Trisha trocken fest.

„Irgendwann muss ich sesshaft werden. Da kann ich doch vorher noch meinen Spaß haben, bevor der Ernst des Lebens losgeht, oder?“, fragte John grinsend.

„Dann solltest du vielleicht an deiner Masche arbeiten.“

Dazu konnte er wenig sagen. Sein Verhältnis zu Sloane bei der Arbeit war das beste Beispiel dafür, wie andere Leute gewöhnlich auf John reagierten. Egal, ob er nett sein oder witzig sein wollte: Alles, was er sagte, verpuffte wirkungslos oder ging nach hinten los. Er wusste nicht so recht, was er falsch machte, aber nur wenige Frauen hielten es lange mit ihm aus.

Sloane tauchte wieder auf und warf einen Blick auf die Uhr. „Musst du nicht langsam los?“

John sah ebenfalls auf und seufzte. „Ja, schätze schon. Zeit, mich abtasten und durchchecken zu lassen. Ich sag Doc, du lässt grüßen.“

„Dafür haben wir Handys.“

John seufzte und stemmte sich aus seinem Stuhl, bevor sein Mund noch etwas herausposaunte und er wieder Ärger bekam.

Dean blickte zu ihm auf. „Schläfst du gut?“

John zuckte mit den Schultern. „Geht schon.“

„Also eher nicht.“

„Besser als manch anderer“, brummte John.

Dean legte seine Finger um Johns Handgelenk. „Will ich überhaupt wissen, wie schlecht du dich ernährst?“

„Mehr Junkfood, als meiner Mom lieb wäre, aber insgesamt ernähre ich mich ganz ordentlich. Gegen Grünzeug bin ich jedenfalls nicht allergisch.“

Dean schnaubte. „Damit wärst du hier eine Seltenheit. Isst du regelmäßig?“

„Jeden Tag, zwei- oder dreimal.“

Dean nickte und legte ihm die Finger an den Hals. „Solange du das Essen nicht vergisst.“

Dean war vermutlich der jüngste Arzt, mit dem John je zu tun gehabt hatte. Eigentlich war er sich sicher, dass Sanitäter auf Stützpunkten auch keine Kliniken leiteten, aber er hatte nie nachgefragt. Dean ging ziemlich locker an die Sache heran, doch während er John abtastete und ihm Fragen stellte, strahlte er zugleich eine gewisse Professionalität aus.

Das machte die Situation weniger seltsam. In Unterwäsche vor irgendeinem alten Kerl zu sitzen, während der sein Untersuchungsprogramm abspulte, war das eine. Aber der Doc war kaum älter als er. Vor den anderen Soldaten fast nackt zu sein, war kein Ding. Das war ganz normal. Bei Dean dagegen fühlte John sich unbehaglich.

Dean sah ihn sich an und nickte. „Du hast dein Training offensichtlich durchgezogen, also muss ich danach nicht fragen. Laut der Akte warst du bei deinem letzten Check-up gut neun Kilo leichter, aber Fett hast du nicht zugelegt. Achte nur darauf, dass du auch dein Ausdauertraining beibehältst. Die ganzen Muskeln bringen dir nichts, wenn du damit nicht weit laufen kannst.“

Angesichts von Deans Aufgabe war das eine völlig harmlose Bemerkung, trotzdem wurde John befangen. Vielleicht hatte es doch nicht ganz gestimmt, als er Sloane gesagt hatte, es sei ihm egal, mit wem Dean schlief. Wäre ihm auch unwohl gewesen, wenn ein anderer Sanitäter oder Arzt so etwas zu ihm gesagt hätte? Er wollte sich nicht eingestehen, dass er in der Nähe schwuler Männer nervös wurde. Das warf kein gutes Licht auf ihn. Trotzdem war es ein wenig unangenehm, von jemandem gemustert zu werden, der ihn unter anderen Umständen womöglich als potenziellen Partner ansehen könnte.

Dean drehte sich um und griff in eine Schublade neben der Untersuchungsliege. „Sex?“

John richtete sich auf. „Was?“

Dean sah auf und hob eine Augenbraue. „Bist du sexuell aktiv?“

John unterdrückte einen erleichterten Seufzer, weil der ziemlich auffällig gewesen wäre. Im Stillen schalt er sich für seine kindische Reaktion und rief sich in Erinnerung, dass Dean sich durchweg professionell verhalten hatte. Das hielt seine Gedanken nicht davon ab, im Hinterkopf weiterzukreisen, verringerte aber wenigstens die Gefahr, dass er etwas Dummes sagte.

„Äh, eher nicht“, gab John zu.

Dean nickte. „Also keine Freundin, keinen Freund, niemanden?“

„Nein, ich habe keine Freundin“, sagte John.

Dean nickte, holte eine Tube heraus und hielt sie hoch. „Falls du demnächst doch mit jemandem im Bett landest, tu uns beiden einen Gefallen und benutz ein Kondom. Noch eine Geschlechtskrankheit ist das Letzte, was wir brauchen.“

John beäugte die verdächtige Tube. „Was ist das?“

„Gleitgel.“

John riss die Augen auf. „Wozu brauchst du das?“

Dean sah ihn an; seine Mundwinkel zuckten. „Mach ich dich etwa nervös, Private Simmons?“

John schüttelte den Kopf. „Nein, wieso solltest du?“

Dean lachte leise, warf die Tube zurück in die Schublade und holte ein digitales Thermometer und eine frische Schutzhülle heraus. „Ich glaube, wir wissen beide, warum.“

John verzog das Gesicht. „Ich schwöre, es liegt nicht … daran, dass … na ja, vielleicht schon. Scheiße, bitte sag Sloane nichts.“

Dean lachte und schob die Hülle über das Thermometer. „Ich werde nicht gleich zu Sloane rennen, nur weil jemand Angst hat, er könnte sich bei mir mit Schwulsein anstecken.“

„Musst du das so sagen?“, murmelte John und sah auf seine Hände hinunter.

Dean lächelte. „Hattest du noch nie mit Schwulen zu tun?“

John schielte zu ihm hoch. „Eigentlich nicht.“

„Kommst du aus einer Kleinstadt?“

John lächelte. „Maisfelder, so weit das Auge reicht.“

„Na ja, eins muss ich dir lassen: Vielleicht ist es dir unangenehm, dass ich auf Männer stehe, aber du hast dich nicht wie ein Arsch benommen und auch nicht versucht, jemand anderen für die Untersuchung zu bekommen. Klar, vielleicht fühlst du dich nicht wohl dabei, aber du bist kein komplettes Arschloch. Das kann ich über ein paar der Kerle, die hier schon durchgekommen sind, nicht sagen.“

„Weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll, kein Arschloch zu sein. Klingt für mich eher nach dem absoluten Minimum.“

„Ein Minimum, das viele offenbar nicht erreichen. Wer anständig ist und sich Mühe gibt, verdient ein Lob, auch wenn das für andere nicht nach viel aussieht. Und jetzt sei ein braver Junge und steck dir das in den Mund“, sagte Dean und hielt ihm das Thermometer hin.

„Ich wette, das sagst du zu allen Kerlen, die in Unterwäsche vor dir sitzen“, sagte John, ohne nachzudenken, als er das Thermometer nahm. Er verzog das Gesicht und fragte sich, ob sein Witz zu weit gegangen war.

Dean schnaubte. „Oder sie sagen’s zu mir.“

John wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, also schob er das Thermometer unter die Zunge, während Dean sich anderweitig beschäftigte.

„Und lass dich von Sloane nicht zu sehr verrückt machen. Er ist manchmal ein mürrischer Mistkerl, aber er meint es gut. Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst, aber verdammt, manchmal macht es ihn eben glücklich. Also scheiß drauf.“

„Ihn vielleicht“, nuschelte John.

Dean zeigte auf ihn. „Schön im Mund behalten.“

Der Vorhang um den Untersuchungsbereich raschelte, und ein rothaariger Mann streckte den Kopf herein. „Hey, Dean, das Essen ist unterwegs.“

Dean nickte. „Alles klar. Ich bin hier gleich fertig. Danke, Troy.“

Troy sah auf und musterte John. „Ach, schon gut. Wie ich sehe, hast du schon was zum Vernaschen.“

Dean reagierte verblüffend schnell: Er griff nach einem Notizblock auf dem Tisch und schlug Troy damit gegen die Stirn. „Schaff deinen Arsch aus meinem Untersuchungsraum, bis du gelernt hast, dich professionell zu benehmen.“

Troy verschwand mit einem dreckigen Lachen. John blieb verlegen zurück, während Dean den Vorhang böse anstarrte. John schätzte sich glücklich, dass Dean ihn untersucht hatte. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie es mit dem anderen Kerl gewesen wäre. Auf jeden Fall deutlich unangenehmer.

Dean sah ihn an und seufzte. „Eigentlich ist er ein Profi, ehrlich.“

John konnte ihm nur ein gequältes Lächeln schenken.

Ja, klar.

Kapitel 2

Lance

„Und was war mit dem jetzt wieder?“

Bei der Frage seiner Schwester seufzte Lance. Er musste dem Drang widerstehen, sich mit der Stirn gegen das Lenkrad zu schlagen. Dieses Gespräch konnte nur in eine Richtung gehen, und auf das unausweichliche Ende freute er sich nicht. Natürlich konnte er einfach auflegen, aber dafür kannte er seine Schwester zu gut. Sie würde ihn später aufspüren und sich auf ihn stürzen – und dann würde es doppelt so schlimm, als wenn er es jetzt gleich hinter sich brachte.

Lance straffte sich und wappnete sich für das, was kam. „Er war Banker.“

„Und was, verdammt noch mal, hat das damit zu tun?“

„Lacie, hast du eine Ahnung, wie langweilig Banker sind?“

„Nicht langweiliger als andere Leute, würde ich sagen.“

„Ja, also der hier schon. Der war genauso, wie man sich einen Banker vorstellt.“

Lance hatte gezögert, als er erfahren hatte, was der Typ beruflich machte. Aber er war bereit gewesen, dem Klischee eine Chance zu geben. Der Typ, Dan, hatte sich dann als die Verkörperung dieses Klischees erwiesen. Lance hielt es für ein Wunder, dass er bei dem Date nicht mit dem Gesicht im Essen eingeschlafen war. Warum jemand mit einem einschläfernden Job, bei dem es im Grunde nur darum ging, Zahlen hin und her zu schieben, einem Fremden, den er beeindrucken wollte, ohne Unterlass von seiner Arbeit erzählte, würde Lance nie begreifen.

„Du warst einmal mit dem Typen aus und hast beschlossen, dass er dir zu langweilig ist? Wow. Fast könnte man meinen, das hat bei dir System.“

Lance runzelte die Stirn. „Bei dem war es aber wirklich anders.“

„Das sagst du jedes Mal.“

„Ich habe mehr über Darlehensbeträge und Kredite erfahren, als ich je wissen wollte. Mindestens zwanzig Minuten hat er über sein Portfolio geredet, denn wusstest du schon, dass er auch mit Aktien und Anleihen handelt?“

Lacie zögerte und brummte dann. „Okay, das klingt tatsächlich nach einem der Kreise der Hölle.“

„Mindestens nach dem dritten.“

Lacie seufzte. „Trotzdem bleibt es dabei: Bei den Männern, die du triffst, ist immer irgendwas.“

„Weil meine Gründe absolut berechtigt sind?“

„Echt jetzt? Der Typ, dessen Socken dir nicht gefallen haben – das war ein berechtigter Grund?“

„Die eine war eine lange schwarze Anzugsocke und die andere eine weiße Sneakersocke! Wer zwei unterschiedliche Socken trägt, ohne dass sie bunt sind und das Ganze Absicht ist, ist niemand, mit dem ich zusammen sein will!“

„Und der Typ mit dem Blutdruckproblem?“

„Nein, das dachte ich ja auch, als er sein Essen ohne Salz bestellt hat. Er ist kerngesund. Er mag bloß … kein Salz und keinen Knoblauch. Knoblauch, Lacie! Wie zum Teufel soll ich überhaupt daran denken, mit jemandem zusammen zu sein, der weder ein Gewürz zu schätzen weiß, das an praktisch jedes Essen gehört, noch ein Kraut, ohne das unzählige andere Gerichte nicht auskommen? Wer hasst denn Knoblauch? Monster, wer sonst.“

„Socken und Knoblauch. Das sind also deine Ansprüche.“

Lance rümpfte empört die Nase. „Das sind völlig vernünftige Ansprüche.“

Lacie stöhnte auf. „Du bist unmöglich. Weißt du das?“

„Ich weiß, dass du das nicht als Kompliment meinst, aber ich nehm es trotzdem als eins.“

„Mal im Ernst, Lance, wann bist du zuletzt über ein erstes Date hinausgekommen?“

„Meinst du damit ein zweites Date oder –“

„Du weißt verdammt genau, dass ich nicht frage, wie oft du mit jemandem geschlafen hast. Ich hab dich lieb, Lance, aber manches will ich einfach nicht wissen.“

Lance lachte. „Ich wollte nur sichergehen, dass wir vom Gleichen reden.“

„Wolltest du nicht.“

Vielleicht nicht, aber es machte trotzdem Spaß, seine große Schwester gelegentlich zu piesacken. Er war ihr dankbar dafür, dass er das Leben führen konnte, das er führte. Das hieß aber nicht, dass er sich eine Gelegenheit entgehen ließ, sie aufzuziehen.

„Ich weiß ja, dass du das langsam nicht mehr hören kannst, aber ich versuche doch nur zu helfen.“

Einen Moment lang überlegte er, ihr zu sagen, dass ihre Nörgelei nicht half, behielt es aber für sich. Sie nörgelte nicht wirklich. Sie war einfach nur genervt. Wenn jemand im Umgang mit ihm geübt war und allen Grund hatte, sich über ihn zu ärgern, dann sie. Das musste er akzeptieren, ob es ihm gefiel oder nicht. Lacie tat nur, was sie für das Beste hielt.

Auch wenn das hieß, an ihm herumzunörgeln.

„Ein Mann muss Ansprüche haben. Ich bin schließlich zum Anbeißen!“

Na ja, er fand, dass er sich ganz gut sehen lassen konnte. Er war eindeutig klein und erreichte nicht mal die Durchschnittsgröße, aber er achtete auf sich und hielt sich fit. Seine flammend roten Haare hatte er im Lauf der Jahre abwechselnd geliebt und gehasst, doch sie waren noch immer sein auffälligstes Merkmal, und er kümmerte sich um sie – selbst damals, als er sie extrem kurz getragen hatte. Auch bei der Arbeit saßen die paar Zentimeter rotes Haar immer ordentlich gestylt, mit einer einzelnen Strähne, die ihm über die Stirn fiel und kurz vor seinen dunkelgrünen Augen endete.

„Du kannst mir doch nicht vorwerfen, dass ich jemanden will, mit dem es einfach passt, Lacie. Jemanden, bei dem es funkt, der mich interessiert und mein Leben nicht völlig auf den Kopf stellt.“

Lacie schnaubte. „Den letzten Typen lasse ich dir durchgehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr auf Dauer gut miteinander ausgekommen wärt.“

„Der Typ ohne Salz und Knoblauch kam auch nicht infrage. Ich koche gern und verzichte doch nicht auf beides, nur weil er es nicht mag. Gesundheitliche Probleme? Klar, verstehe ich. Aber weil es ihm einfach nicht schmeckt? Weiß der Himmel, was da noch alles gekommen wäre.“

„Und der mit den Socken?“

Lance seufzte. „Na gut, bei dem hast du vielleicht recht.“

„Und bei ein paar anderen auch.“

„Ja, vielleicht.“

„Du wirst niemanden finden, wenn du jeden gleich abschreibst, Lance. Diesen Typen in deinem letzten Schuljahr mochtest du doch. Was zur Hölle hat sich in den letzten drei Jahren geändert?“

„Ich mochte ihn, weil er der erste Typ war, mit dem ich je zusammen war, und ich so etwas vorher nicht gekannt hatte. Und ich meine … ich war ziemlich verloren, verletzt und an einem neuen Ort. Es war schön, jemanden zu haben, bei dem ich mich besser fühlte, so beschissen das auch klingt.“

„Tut es … nicht. Du hast ihn nicht ausgenutzt und dann fallen gelassen, Lance. Und nach allem, was passiert war, ist es nicht verkehrt gewesen, sich ein bisschen Trost zu wünschen“, sagte Lacie und verstummte.

Gespräche zwischen ihnen wurden immer unangenehm, sobald Lance’ vorletztes und letztes Highschooljahr zur Sprache kamen. Seine Schwester hatte überhaupt kein Problem damit, dass Lance schwul war, aber seine Eltern hatten es weit weniger gut aufgenommen. Dass sie die Wahrheit herausgefunden hatten, weil sie ihn dabei erwischt hatten, wie er einen anderen Jungen küsste, hatte nicht geholfen. Letztlich spielte das aber keine Rolle.

Lance wusste noch immer nicht, was mehr wehtat: dass sie nicht einmal versuchen wollten, ihren einzigen Sohn so zu akzeptieren, wie er war, oder dass sie nur zu gern alle Verantwortung für ihn losgeworden waren. Lacie war mehr als sechs Jahre älter als er, also war Lance das einzige Kind, das noch zu Hause lebte. Trotzdem wollten sie ihn aus ihrem Leben haben, erst recht, weil er keinerlei Anzeichen zeigte, dass er sich ‚ändern‘ würde.

So war es dazu gekommen, dass Lacie während seiner letzten beiden Highschooljahre seine gesetzliche Vormundin gewesen war.

Lacie räusperte sich. „Arbeitest du gerade?“

Lance blickte durch das Fenster auf der Fahrerseite zu dem hell blinkenden Restaurantschild ganz in der Nähe. „Ja, ich warte, bis die von dem Laden anrufen und ich das Essen abholen kann. Vielleicht sagen sie diesmal Bescheid, bevor es nur noch lauwarm ist, und ich kriege ein ordentliches Trinkgeld.“

Im Ernst, es war nicht seine Schuld, wenn das Essen nicht in Ordnung war. Er nahm lediglich die Bestellung der Kunden entgegen, gab sie weiter, holte das Essen ab und lieferte es aus. Lance durfte die Tüten nicht einmal öffnen; normalerweise waren sie zugetackert oder zugeklebt. Mehr als vor der Lieferung nachfragen, ob es die richtige Bestellung war, konnte er nicht tun. Trotzdem beschwerten sich die Leute bei seinem Vorgesetzten oder kürzten sein Trinkgeld, wenn das Restaurant eine Bestellung vermasselt hatte, ohne dass er es merkte.

„Wohin lieferst du diesmal?“, fragte Lacie.

„Zum Militärstützpunkt.“

„Wieder in die Klinik?“

„Ja. Man sollte meinen, in einem Laden, in dem sich alles um Gesundheit dreht, würden sie bei besseren Restaurants bestellen. Keine Ahnung, was mit den Sanitätern los ist, aber die stehen total auf scharfes Essen. Letztes Mal gab’s Thai, jetzt Mexikanisch.“

Lacie lachte. „So oft, wie du davon schwärmst, dass du gern zum Stützpunkt rausfährst: Warum tust du überhaupt so, als würdest du dich beschweren?“

Lance runzelte die Stirn. „Du tust ja so, als würde ich jedes Mal sabbern, wenn eine Bestellung von dort reinkommt.“

„Ich bin zwar nie dabei, wenn du davon erzählst, aber es klingt ganz danach.“

„Ich sabbere nicht.“

„Vielleicht nicht, aber bei starken Männern in Uniform wirst du schwach.“

Darauf ließ Lance sich nicht ein. Hauptsächlich, weil sie ihm alles, was er sagte, entweder als übertriebenen Protest oder als Bestätigung ihrer Vermutung auslegen würde. Außerdem ließ sich gegen die Wahrheit schlecht argumentieren. Als Lance zu seiner Schwester gezogen war, hatte er sich riesig gefreut, war aber noch zu jung gewesen, um den nahe gelegenen Stützpunkt wirklich genießen zu können. In den fünf Jahren seitdem war er außer beruflich kaum dort gewesen.

Sein Handy piepte ihm ins Ohr, und er sah nach. „Ah, das sind sie. Ich gehe besser rein und hole das Essen ab.“

„Viel Glück. Und benimm dich.“

„Ich? Ich benehme mich immer.“

Er war sich nicht sicher, ob er es gut fand, dass sie lachend auflegte.

Lance wusste nicht, ob der Empfang am Haupttor wirklich so einschüchternd sein sollte oder ob der Kerl einfach von Natur aus so charmant war. Die Befragung am Wachhäuschen hätte eine furchteinflößende Erfahrung sein können, doch der Typ, der seine Angaben überprüft hatte, war schroff und heiß. Lance war mit einem Ständer auf den Stützpunkt gefahren, der ihn so ratlos machte wie noch keiner zuvor. Selbst als er sich der Klinik näherte, wusste er noch nicht, ob er bei seinem nächsten Besuch lieber demselben Typen begegnen wollte oder doch der deutlich harmloseren Frau, die sonst am Tor saß.

Lance schüttelte den Kopf, stieg aus und nahm die Tüte mit dem Essen. Anders als die nahe gelegene Stadt, in der es nach Abgasen und den Gerüchen roch, die gerade aus irgendeinem Laden oder Restaurant wehten, roch es auf dem Stützpunkt immer nach Meer. Er lag am Ende einer Halbinsel, umgeben von salziger Seeluft und Wellenrauschen. Leider konnte Lance die Wellen nicht hören, weil Lastwagen, Maschinen und etwas, das wie eine große Übung in der Nähe klang, alles übertönten.

Lance drückte die Doppeltür zur Klinik auf und sah sich um. Zuerst sah er nur die lange Reihe von Vorhängen, die die Behandlungsplätze voneinander trennten. Als er im stillen Eingangsbereich stand, hörte er gerade noch ein gedämpftes Stimmengewirr aus dem Flur, wo ein heller Lichtstreifen quer über den Boden fiel.

„Hallo?“, rief Lance, unsicher, ob er den Flur entlanggehen oder versuchen sollte, auf sich aufmerksam zu machen.

Normalerweise war entweder der Sanitäter Dean oder dessen Kollege Troy irgendwo in der Nähe, wenn er ankam. Er hatte erst ein paarmal mit ihnen zu tun gehabt, da die meisten Lieferungen in die Stadt gingen. Die wenigen Male, die er ihnen Essen gebracht hatte, waren sie nett gewesen und hatten gutes Trinkgeld gegeben.

Er ging einen Schritt weiter, und Troy steckte den Kopf aus einem der Untersuchungsräume. Lance erstarrte, als der Mann ihn musterte. Dann erkannte Troy, wer da stand, und Erleichterung zeigte sich auf seinem Gesicht.

„Äh, hi“, sagte Lance.

Troy legte einen Finger an die Lippen. „Nicht so laut.“

Lance hob eine Augenbraue. „Was ist denn, äh, los?“

„Ich verstecke mich. Ist doch offensichtlich.“

„Schon, aber vor wem?“

„Dean.“

Lance wusste nicht, warum sich jemand vor Dean verstecken sollte. Er kannte Dean nur flüchtig von seinen Lieferungen, aber bisher hatte nichts an ihm Lance das Gefühl gegeben, vorsichtig sein zu müssen.

„Soll ich später wiederkommen?“, fragte Lance vorsichtig.

Troy feixte. „Nein, er ist sauer auf mich, weil ich einen Witz gemacht habe, der ihm peinlich war. Und vor Hunger ist er sowieso schon gereizt.“

Lance hielt lächelnd die Tüte mit dem Essen hoch. „Dann bin ich ja genau zur richtigen Zeit hier.“

Troy zeigte den Flur hinunter, dorthin, wo das helle Licht herkam. „Er ist gleich mit jemandem fertig. Bring ihm das Essen, vielleicht beruhigt er sich nach ein paar Bissen.“

„Mit dir zu arbeiten ist bestimmt interessant, was?“, fragte Lance.

Troy grinste. „Ich bin der Beste. Frag Dean bloß nicht danach, solange er Hunger hat.“

Kopfschüttelnd tat Lance, was Troy ihm gesagt hatte. Als er sich der Tür näherte, hörte er ein Gespräch und sah Schatten, die sich bewegten. Vor der Tür zögerte er. Er wusste nicht, ob er eintreten sollte, während Dean noch mit jemandem beschäftigt war, oder lieber draußen wartete.

„Warte mit deinem nächsten Check-up nicht wieder so lange, okay? Sonst hetze ich Sloane auf dich“, sagte Dean.

Eine unbekannte Stimme antwortete: „Alles klar. Das will ich um jeden Preis vermeiden.“

Dean lachte leise. „Gut. Dann sind wir durch.“

Lance nahm das als Zeichen, dass er jetzt gefahrlos hereinkommen konnte. Er trat durch die Tür, lief prompt gegen einen festen, warmen Körper und merkte, dass er seinen Auftritt besser hätte abpassen sollen. Zum Glück waren weder er noch der andere Mann schnell unterwegs gewesen, sodass Lance nur mit einem überraschten Grunzen einen Schritt zurücktreten musste.

„Scheiße, tut mir leid“, sagte Lance und spürte, wie ihm das Gesicht heiß wurde.

Der andere Mann schmunzelte und rieb sich die Brust an der Stelle, an der Lance gegen ihn gestoßen war. „Schon gut. Da braucht es mehr als so ein kleines Kerlchen wie dich, um mich aus der Bahn zu werfen.“

„Kleines Kerlchen, ja?“, fragte Lance.

Unrecht hatte der Typ ja nicht. Lance bildete sich nicht ein, groß oder auch nur durchschnittlich groß zu sein. Bei seiner letzten Messung hatte er es auf ganze eins fünfundsechzig und knapp fünfundfünfzig Kilo gebracht. Beeindruckend war nicht gerade das Wort, mit dem er sich beschreiben würde, und sonst tat das auch niemand. Trotzdem hatte er nichts dagegen, von einem süßen Typen klein genannt zu werden.

Der Typ zögerte, dann trat er zur Seite und ließ Lance durch. „Oh. Klar, Entschuldigung.“

Lance sah zu den blauesten Augen auf, die er je gesehen hatte. „Kein Problem.“

Lance ging an ihm vorbei und ließ ihn durch, nicht ohne einen verstohlenen Blick auf seinen Hintern zu werfen, als der Mann in den Flur trat. Blondes Haar, strahlend blaue Augen, groß, gut gebaut und obendrein ein Wahnsinnsarsch? Da konnte Lance sich glatt verlieben.

Als er sich umdrehte, sah Dean ihn an. „Wenn du mit dem Anschmachten der Rekruten fertig bist, hätte ich gern mein Essen.“

Lance lachte und hielt ihm die Tüte hin. „Troy hat nicht übertrieben. Du bist echt mies drauf, wenn du Hunger hast.“

„Ich bin mies drauf, wenn jemand sich nicht benehmen kann. Und mit jemand meine ich Troy“, sagte Dean und nahm das Essen entgegen.

Lance hielt Dean sein Handy hin, damit er digital unterschreiben konnte. „Aber mit ihm zu arbeiten macht doch bestimmt Spaß, oder?“

„Nennen wir das jetzt so?“, fragte Dean, während er unterschrieb.

Lance schüttelte den Kopf und überlegte, ob er nicht einen Grund finden sollte, öfter auf dem Stützpunkt vorbeizukommen. Nicht, dass Dean und Troy nicht gut anzusehen wären, aber sie waren nicht ganz sein Typ. Der Mann, der gerade gegangen war, hatte lange Gliedmaßen, sah kräftig aus, ohne ein Riese zu sein, und hatte wunderschöne Augen. Er war genau Lance’ Typ.

Kapitel 3

John

Normalerweise hielt er sich für ziemlich gut darin, sich eine Bar auszusuchen. Nicht, dass er etwas Alkoholisches trinken durfte – bis zum gesetzlichen Mindestalter fehlten ihm noch zwei Jahre –, aber meistens fand er Lokale mit netten Leuten oder wenigstens eines, in dem etwas Interessantes los war. Ab und zu erwischte er allerdings einen Laden, der vielversprechend aussah, nur um innerhalb einer Stunde festzustellen, dass er ein Reinfall war.

Die Bar hieß Swanky’s, und Johns ehrlicher Meinung nach war sie alles andere als schick. Klar, der Laden sah nicht so aus, als müsste nur noch jemand bei der Bauaufsicht anrufen, damit er geschlossen wurde, aber seine besten Tage hatte er eindeutig hinter sich. Die Musik war gut und alles wirkte sauber, doch die Hocker und der Tresen waren abgenutzt und hätten eine frische Schicht Holzlasur vertragen können. Einige Flaschen im obersten Regal waren staubig, und es gab keine einzige Sitzecke, deren Polster nicht zerrissen oder geflickt war.

Die Barkeeperin, eine ältere Frau mit ergrauendem Haar, blieb vor seinem Platz am Tresen stehen. „Bist du sicher, dass du nicht lieber woandershin willst? Dorthin, wo mehr Leute in deinem Alter sind?“

Das war eine Bemerkung, auf die er lieber nicht hätte antworten müssen. Einerseits hatte er tatsächlich überlegt, sich noch etwas anderes zu suchen, bevor der Abend zu weit fortschritt. Andererseits wollte er dieser Frau, die ziemlich sicher die Besitzerin war, nicht sagen, dass ihr Laden ihm nicht gut genug war.

John zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Weiß noch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich’s lauter haben will.“

Sie schnaubte. „Ja, hier ist es in letzter Zeit ziemlich ruhig. Danke auch.“

John sah ihr nach und wollte erklären, dass er die Ruhe nicht schlecht gefunden hatte. Doch bevor ihm einfiel, wie er das richtigstellen sollte, war sie schon kopfschüttelnd weggegangen. Was hatte er nur an sich, dass er den Leuten ständig auf die Nerven ging? Er war sich sicher, jemand anders hätte genau dasselbe sagen können, und sie hätte einen Witz darüber gemacht oder es einfach hingenommen.

Seufzend begnügte er sich mit seinem alkoholfreien Daiquiri, nippte langsam daran und fragte sich, ob er lernen sollte, die Dinger zu Hause selbst zu mixen. Oder ob er sich lieber an einen Ort versetzen lassen sollte, an dem er in der Öffentlichkeit Alkohol trinken durfte.

Er war erst seit ein paar Monaten in Fort Dale stationiert, und John hatte noch niemanden gefunden, den er auch nur annähernd als Freund bezeichnen konnte. Klar, mit Trisha kam er ganz gut aus, aber sie schien kein Interesse daran zu haben, irgendetwas mit ihm zu unternehmen. Außerdem war er sicher, dass Sloane sich lieber glühende Schürhaken in die Ohren stecken würde, als mit John Zeit zu verbringen. Alle Freunde, die er gefunden hatte, waren entweder noch dort, wo er die Grundausbildung absolviert hatte, oder anderswo stationiert.

Natürlich konnte er jemanden anrufen, aber das war nicht dasselbe, wie jemanden bei sich zu haben. Trotz des beträchtlichen Altersunterschieds zwischen ihm und einigen seiner Brüder war John mit viel Trubel und vielen Menschen um sich herum aufgewachsen. Deshalb mochte er Bars; sie halfen gegen die Einsamkeit.

Nicht weit von John ließ sich jemand vornüber auf den Tresen fallen. John zuckte zusammen, denn der Mann schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Er hing über der anderen Seite des Tresens und sah zur Barkeeperin hinüber.

„Theresea, krieg ich einen von diesen fantastischen Mojitos, die du so gut machst?“, rief der Fremde zu ihr hinüber.

Die Barkeeperin, die wohl Theresea sein musste, drehte sich um und musterte ihn. „Du hast dich tagelang nicht blicken lassen, und jetzt willst du dich bei mir einschleimen und so tun, als würde ich mir für diesen nervigen Drink den Arsch aufreißen, nur weil du mich mit den Wimpern anklimperst?“

„Wieso, hast du viel zu tun?“

John erwartete, dass die Frau wütend werden würde, doch stattdessen grinste sie schief. „Setz dich, du kleiner Scheißer. Ich bring dir deinen Drink.“

Der Typ ließ sich mit einem zufriedenen Lächeln auf einen Hocker plumpsen. Er sah zu John hinüber, und erst da merkte John, dass er ihn kannte.

„Oh, hey, du bist der Typ, mit dem ich vorhin zusammengestoßen bin“, sagte John.

Der Typ blickte auf, betrachtete Johns Gesicht und grinste dann. „So schnell läuft man sich wieder über den Weg. Beziehungsweise ineinander.“

Das war das erste richtige Gespräch, seit John die Bar betreten hatte. Der Mann wirkte nett, und seine spielerische Art zog John an. Mit seinem feuerroten Haar und der hellen, sommersprossigen Haut sah er aus, als wäre er einem irischen Klischee entsprungen. Und obwohl das Licht in der Bar es schwer zu erkennen machte, hätte John schwören können, dass er tatsächlich grüne Augen hatte.

John streckte ihm die Hand hin. „John.“

Der Mann schlug ein. „Lance.“

John musterte ihn von oben bis unten. „Ein Mojito also? Und den serviert sie dir einfach, ohne Fragen zu stellen?“

Lance lachte leise. „Lass mich raten. Weil ich aussehe, als wäre ich höchstens vierzehn?“

Genau das hatte er gedacht, aber John hatte es nicht aussprechen wollen. Sein Versuch, bei der Barkeeperin diplomatisch zu sein, lag keine fünf Minuten zurück, und er wollte lieber darauf achten, was er sagte. Zum Glück schien Lance es nicht als Beleidigung aufzufassen.

„Wie viel Ärger krieg ich, wenn ich Ja sage?“, fragte John.

„Ungefähr so viel wie vorhin, als du mich klein genannt hast“, sagte Lance.

Bei der Erinnerung verzog John das Gesicht. Die Worte waren ihm rausgerutscht, bevor er darüber nachgedacht hatte. Zugegeben, Lance war ziemlich klein, und John hielt sich selbst nicht gerade für einen Riesen. Lance war auch eher schmal gebaut, und John war sich ziemlich sicher, dass er dem Mann die Hände um die Taille legen könnte und seine Fingerspitzen sich dabei fast berühren würden.

John blinzelte und fragte sich, woher dieser Gedanke gekommen war.

„Sollte ich jetzt auf Knien um Verzeihung bitten?“, fragte John.

Lance lachte. „Nein, ich bin klein. Das hab ich während meiner ganzen Schulzeit ständig zu hören gekriegt. Mit einundzwanzig hab ich mich ziemlich damit abgefunden, dass ich klein bin und nicht mehr wachse.“

„Falls es hilft: Von meinen vier Brüdern und mir bin ich der Kleinste“, sagte John.

Lance musterte ihn von oben bis unten, und John fühlte sich dabei seltsam nackt. „Du bist doch so um die eins dreiundachtzig, oder?“

John hob die Schultern. „So ungefähr. Irgendwo zwischen eins dreiundachtzig und eins fünfundachtzig, je nach Tag.“

„Eigentlich bist du morgens größer als abends. Die Knorpel in deiner Wirbelsäule dehnen sich aus, während du schläfst, und werden im Lauf des Tages durchs Aufrechtsein wieder zusammengedrückt. Wenn du mal so und mal so groß gemessen wirst, liegt das wahrscheinlich an der Tageszeit.“

John blinzelte. „Das … wusste ich nicht … Medizinstudent?“

Lance lachte. „Nein. Ich schnapp nur irgendwelche Fakten auf, weiß der Teufel wo, und aus unerfindlichen Gründen bleiben die bei mir hängen.“

Theresea kam zurück und schob Lance ein Glas hin. „Hier. Darf’s für Seine Majestät sonst noch was sein?“

Lance zwinkerte ihr zu und schob einen Geldschein über den Tresen. „Hier, der Rest ist für dich.“

Theresea winkte ab. „Der erste geht aufs Haus, das weißt du doch.“

„Stimmt. Dann zieh den Preis für den Drink hiervon ab und behalt den Rest“, sagte Lance und schob den Schein noch etwas näher zu ihr.

Theresea beäugte den Schein. „Dräng mir dein Geld nicht auf, sonst ruf ich deine Schwester an.“

„Und Lacie wird dir sagen, dass du das verdammte Geld nehmen sollst. Also erspar dir den Ärger und nimm es, bevor ich einen Weg finde, es unbemerkt in dein Trinkgeldglas zu stecken.“

Theresea nahm den Schein und warf John einen finsteren Blick zu, als wäre das alles seine Schuld. Er wusste nicht, was er dagegen hätte tun sollen, aber vermutlich war er einfach ein bequemes Ziel. Lance schien es allerdings nicht zu bemerken. Er sah weiterhin zufrieden mit sich aus und zog sein Glas näher heran.

„Ihr kennt euch also“, sagte John.

Lance nickte und nippte an seinem Drink. „Ihr Sohn ist mit meiner Schwester zusammen, schon seit ein paar Jahren. Meine Schwester weiß es nicht, aber wir anderen schon: Er wird ihr bald einen Antrag machen. Theresea wird mich also nicht mehr los, ob sie will oder nicht.“

John beugte sich vor und sah zu, wie Theresea kopfschüttelnd den Schein ins Trinkgeldglas steckte. „Dafür scheint sie dich aber ganz gut leiden zu können.“

„Meinst du? Sie knurrt mich ständig an.“

Das erinnerte John ein bisschen daran, wie Sloane mit ihm umging. Allerdings glaubte er nicht, dass Sloane ihn insgeheim mochte. Andererseits war er auch nicht so albern und charmant wie Lance. John konnte sich gut vorstellen, die Gesellschaft dieses Mannes sehr zu genießen und vielleicht sogar etwas von ihm zu lernen. Verdammt, der Typ sah sogar liebenswert aus, wenn er an einem heruntergekommenen Tresen saß und an seinem Drink nippte.

Das war seltsam.

„Wahrscheinlich knurrt sie, weil sie nicht zugeben will, dass sie dich mag“, sagte John schließlich.

Lance strahlte. „Das sag ich ihr auch immer, aber dann knurrt sie noch mehr.“

„Der Trick ist, es ihnen nicht zu sagen. Sonst werden sie sauer, weil du sie durchschaut hast“, erklärte John.

Lance lachte und zwinkerte ihm zu. „Na ja, vielleicht gefällt es mir ja, wenn sie wissen, dass ich sie durchschaut habe. Vielleicht sehe ich gern zu, wie sie verlegen werden und sich über mich ärgern.“

John musste an die Beschreibung eines Teufelchens denken, die er mal gehört hatte. Angeblich waren das Dämonen, die eher Schabernack trieben, als jemanden ins Verderben zu stürzen. John öffnete den Mund, um Lance davon zu erzählen, überlegte es sich dann aber anders.

Lance bemerkte es trotzdem und sah ihn fragend an. „Was?“

John lachte nervös und wandte sich wieder seinem Drink zu. „Nichts.“

„Sah aber nach was aus.“

„Ich wollte was sagen.“

„Warum sagst du’s dann nicht?“

„Weil ich diese Angewohnheit habe, den Mund aufzumachen und mir damit anscheinend jeden in meiner Nähe zum Feind zu machen. Nach all den Jahren hab ich beschlossen, erst nachzudenken, bevor ich rede.“

Lance schnaubte. „Na, das erklärt, warum du dich so komisch verhalten hast, als du mich klein genannt und gesagt hast, ich sähe aus wie ein Kind. Aber hey, ich war nicht beleidigt.“

„Nein, warst du nicht.“

Lance drehte sich ganz zu ihm und hob eine Braue. „Also, raus damit.“

Das war eine völlig harmlose Aufforderung, aber John konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass noch etwas anderes dahintersteckte. Lance hatte nichts getan, was ihn darauf hätte bringen können, doch ein leises Kribbeln im Bauch ließ ihn grübeln.

John seufzte. „Nur die Art, wie du davon geredet hast, dass du Leute gern aufziehst, aber nicht auf gemeine Art. Das hat mich an etwas erinnert, das ich mal über Teufelchen gehört habe.“

Lance hielt mitten in der Bewegung inne, das Glas kaum an den Lippen. „Ich hab dich an ein Teufelchen erinnert?“

„Das war das Erste, was mir durch den Kopf ging“, gab John zu.

„Kleine geflügelte Wesen, die den Leuten gern Streiche spielen.“

John dachte darüber nach und ließ den Kopf hängen. „Und schon hab ich dich wieder klein genannt.“

„Hast du. Aber du hast mich auch einen Dämon genannt, der gern Ärger macht. Ich kann meine Schwester bis hierher lachen hören“, sagte Lance und lachte selbst wieder.

Bei dem Klang flatterte etwas in Johns Brust, und Hoffnung regte sich in ihm. Vielleicht hatte er in einem Gespräch doch mal etwas sagen können, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Wenn Lance’ breites Grinsen ein Hinweis war, hatte John es womöglich geschafft.

„Du bist nicht der Erste, der so was zu mir sagt, und wahrscheinlich auch nicht der Letzte. Verdammt, inzwischen nehm ich’s als Kompliment.“

John nickte. „So war’s auch gemeint. Du scheinst echt lustig zu sein.“

Lance legte den Kopf schief. „Lustig genug, um noch ein bisschen mit mir abzuhängen?“

Wieder fragte John sich, ob hinter der scheinbar harmlosen Frage mehr steckte. Nach dem peinlichen Moment mit Dean vorhin konnte er nicht anders, als sich zu fragen, ob Lance vielleicht mit ihm flirtete. Es fühlte sich allerdings nicht wie ein Flirt an. Es fühlte sich wie ein ganz normales Gespräch an. Ein Gespräch, das John genoss und bei dem er sich wohler fühlte als seit Tagen.

Und schließlich hatte er den Typen schon zweimal zum Lachen gebracht. Das war doch schon mal was.

Lance wartete kurz und fügte dann hinzu: „Wenn du natürlich gerade loswolltest, um was anderes zu machen, lass dich von mir nicht aufhalten. Ich kann hier genug Unsinn anstellen, wenn ich will.“

John sah zu Theresea hinüber. „Indem du sie nervst?“

Lance zuckte mit den Schultern. „Hier kommen vor allem Stammgäste her, also hab ich ein paar von ihnen kennengelernt.“

Es war ungewohnt, dass ihn jemand fragte, ob er noch bleiben wollte, aber an dieses Gefühl könnte John sich gewöhnen. Wenn Lance wollte, dass er blieb, würde John nicht Nein sagen.

John lächelte. „Ich würde gern noch mit dir hierbleiben, wenn du magst.“

Kapitel 4

Lance

Lance schlug die Ärmel nach innen und faltete das Hemd zu einem Quadrat. „Wir haben ein paar Drinks getrunken, geredet und beschlossen, uns wieder zu treffen.“

Lacie warf ihm einen Blick zu, während sie einen Pullover aus dem Korb zog. „Du hast es geschafft, mit einem Typen zu reden, mit ihm zu flirten und weder versucht, mit ihm ins Bett zu gehen, noch ihn zu einem Date zu überreden?“

Lance streckte ihr die Zunge raus. „Tja, da staunst du, was? Fast so, als könnte ich mich benehmen, wenn es drauf ankommt.“

„Ich bin schockiert und beeindruckt zugleich.“

Lance knüllte eines seiner Shirts zusammen und warf es nach ihr. Lacie zuckte kaum, fing es aus der Luft und faltete es. Sie saßen einander auf seinem Bett gegenüber und arbeiteten sich durch den Wäscheberg. Als er die Wohnung gemietet hatte, war ihm nicht in den Sinn gekommen, nach Anschlüssen für seine Waschmaschine und seinen Trockner zu fragen. Wie sich herausstellte, musste er zum Waschsalon in der Nähe latschen, wenn er seine Wäsche waschen wollte, und es dauerte immer ewig, bis er sich dazu aufraffen konnte.

„Also wollt ihr einfach nur was zusammen unternehmen?“, fragte Lacie.

Lance suchte Socken aus der Wäsche und legte sie zum Sortieren auf einen Haufen. „Wir haben Nummern getauscht und schreiben uns seitdem. Er wollte einen richtigen Abend draus machen, deshalb hat er vorgeschlagen, etwas zu unternehmen, wenn er frei hat.“

Lacie grinste verschmitzt. „Einen richtigen Abend draus machen, hm?“

Lance schnaubte. „Das ist meine Auslegung, nicht sein Wortlaut. Mich stört’s nicht. Ich hab ja nichts Dringendes, worum ich mich kümmern müsste.“

„Na ja, mal abgesehen von deinem Job.“

„Ein Job mit flexiblen Arbeitszeiten, der trotz meiner ganzen Meckerei ziemlich gut bezahlt ist, wenn das Trinkgeld dazukommt“, gab Lance zu.

Genau deshalb konnte er sich in einer Touristenstadt eine Wohnung mit einem Schlafzimmer leisten. Seine Schwester hatte ihn für verrückt erklärt, weil er mitten in der Stadt wohnen wollte. Sie selbst lebte lieber am Stadtrand, wo Wohnungen und Mieten wesentlich günstiger waren. Sobald Lance herausgefunden hatte, dass er sich die Wohnung leisten und auch seine übrigen Rechnungen bequem bezahlen konnte, hatte er nicht länger darüber nachgedacht. Er liebte es, mittendrin zu sein. Vielleicht würde er sich eines Tages nach Ruhe sehnen, doch jetzt genoss er die Energie und das Leben, die direkt vor der Haustür seines Wohnhauses auf ihn warteten.

„Hat er denn gesagt, was er machen will? Oder lasst ihr das auf euch zukommen?“, fragte Lacie.

Lance zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich meine, das ist irgendwie neu für mich. Wenn ich normalerweise einen süßen Typen kennenlerne, der mich interessieren könnte, gehe ich aufs Ganze. Der Kerl wirkte etwas unbeholfen, aber auf eine süße Art.“

„Kann er einfach nicht mit Leuten, oder hast du ihn aufgezogen?“

Lance zögerte, weil er nicht wusste, was er antworten sollte. „Na ja, vielleicht hab ich ihn ein bisschen aufgezogen, aber nicht allzu schlimm. Ich würd sagen, er hat nur die Light-Version von Lance abbekommen.“

„Was wahrscheinlich schon mehr ist, als das arme Schwein gewohnt ist.“

„Ach, danke, Schwesterherz. Ich hab dich auch lieb.“

Lacie legte einen Wäschehaufen auf einen anderen, um Platz zu schaffen. „Also hat keiner von euch Erwartungen oder Pläne. Ihr schaut einfach, was passiert?“

Lance lachte leise. „Wahrscheinlich hängen wir am Ende hier rum. Er wohnt auf dem Stützpunkt, und da reinzukommen, kann einem echt auf den Sack gehen. Jedenfalls für mich, aus irgendeinem Grund. Aber vielleicht kann ich ihn überreden, herzukommen. Dann machen wir es uns gemütlich, trinken was und reden noch ein bisschen.“

„Und damit läuft der Countdown, bis du dich danebenbenimmst.“

Lance verdrehte die Augen. „Ich schlaf nicht mit jedem Typen, den ich kennenlerne. Jetzt komm schon.“

„Nein, aber man merkt doch, dass du auf den Typen stehst.“

„Was? Ich meine, klar finde ich ihn interessant, und er ist süß, aber na und? Er ist ja nicht der Erste.“

Lacie blickte auf. „Ach ja? Das Erste, was du mir heute erzählt hast, war, dass du einen Typen kennengelernt hast und ihn echt magst.“

„Ja, und? Was ist daran komisch?“

„Weil du mir in der Hälfte der Fälle nicht mal erzählst, dass du ein Date hast.“

„Okay, vielleicht war ich ein bisschen aufgeregt“, gab Lance widerwillig zu.

Lacie lächelte. „Na ja, vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass du mit ihm mal etwas anderes versuchen willst und dich so darauf freust.“

„Kommt jetzt die Ansage, dass ich es nicht gleich übertreiben und ihn wegen meiner ‚hohen Ansprüche‘ sofort abschreiben soll? Das kannst du dir nämlich echt sparen“, sagte Lance hastig.

Lacie lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, die erspare ich dir. Schon weil diesmal alles irgendwie anders wirkt. Ich will einfach, dass du glücklich bist, und hoffe jedes Mal, dass der nächste Typ vielleicht der Richtige für dich ist.“

So, wie sie es sagte, kam Lance sich vor, als hätte er einen Typen nach dem anderen angeschleppt und sie hätte sich den ganzen Aufmarsch ansehen müssen. Klar, nachdem er achtzehn geworden war und einen Job hatte, der ihm mehr Möglichkeiten bot, hatte er ein bisschen was ausprobiert, aber übertrieben hatte er es nicht. Er rief sich immer wieder in Erinnerung, dass Lacie und ihr baldiger Verlobter Leon schon seit ihrem vorletzten Highschooljahr zusammen waren. Der einzige Grund, warum sie noch keine Kinder hatten, war, dass sie warten wollten, bis sie beruflich fest im Sattel saßen.

Lacie schüttelte den Kopf. „Nur du kannst an einem Ort, an dem praktisch nur Heteros unterwegs sind, irgendeinen Typen aufgabeln.“

Lance lachte kurz auf und schnappte sich den leeren Wäschekorb. „Ja, ist eine Gabe.“

Er eilte aus dem Zimmer, bevor seine Schwester ihm etwas vom Gesicht ablesen und ihn ausfragen konnte. Ehrlich gesagt wusste er nicht einmal, ob John überhaupt auf Männer stand. Sie hatten geredet, und John hatte ihm ein gutes Gefühl gegeben, aber das hieß noch lange nicht, dass er schwul oder bi war.

„Wann hat er wieder frei?“, rief sie ihm den Flur hinunter nach.

„Morgen!“, rief Lance zurück.

Das wäre dann wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt, um bei John Klarheit zu bekommen.

John sah sich um, als er die Wohnung betrat. „Schöne Wohnung.“

Lance winkte ab und schloss hinter ihm die Tür. „Nichts Besonderes. Und der beste Inneneinrichter der Welt bin ich auch nicht gerade.“

„Erzähl das mal einem, der immer noch auf die Genehmigung für eine Wohnung auf dem Stützpunkt wartet und so lange in der Kaserne haust“, sagte John.

„Ach so, die Bude könnte also das letzte Drecksloch sein, und dir wär’s völlig recht“, sagte Lance.

John blinzelte und verzog das Gesicht. „So … hab ich das nicht gemeint.“

Lance zwinkerte ihm zu. „Ich zieh dich nur auf.“

Seine Wohnung war nun wirklich kein Drecksloch, aber er hatte auch nicht gelogen, als er gesagt hatte, dass er nicht der beste Inneneinrichter war. Nur die Küche war ein eigener Raum; Wohn- und Essbereich gingen ineinander über, und ein kurzer Flur führte zum einzigen Schlafzimmer und zum Bad. Im Essbereich standen ein kleiner Tisch mit ein paar Stühlen, und an den Wänden hingen einige schöne Bilder in wilden Farben. Seiner Meinung nach sah der Bereich ganz ordentlich aus, auch wenn er ihn selten benutzte.

Im Wohn- und Schlafzimmer zeigte sich erst so richtig, dass er beim Einrichten kein besonders glückliches Händchen hatte. Die Couch war bequem genug, und Lance hatte schon so manches Nickerchen darauf gemacht. Allerdings passte ihr schwarzes Leder nicht zu dem riesigen Fernsehsessel, den er in einem Secondhandladen gefunden hatte. Für die Film- und Spieleposter an den Wänden sah sie auch viel zu schick aus.

„Ich hab schon ein paar Drinks gemixt, falls du einen willst“, bot Lance an.

John sah ihn an und seufzte. „Mit Alkohol?“

„Ja. Ist das ein Problem?“

John rümpfte die Nase. „Mein freier Tag wurde um ein paar Tage verschoben. Deshalb kann ich heute nicht allzu lange bleiben.“

Lance sackte in sich zusammen. „Oh.“

„Tut mir leid. Ich wollte nicht absagen, nachdem wir uns verabredet hatten, aber das wurde in letzter Minute geändert.“

Lance nahm es gelassen und holte stattdessen zwei Flaschen Saft hervor. „Na ja, alkoholfrei haben wir auch was da. Dann musst du nicht mit Alkohol im Blut fahren. Kein Ding.“

Es tat gut zu sehen, dass John genauso enttäuscht aussah, wie Lance sich fühlte. John nahm die Flasche lächelnd entgegen und sah sich dann im Wohnzimmer um.

„Mach’s dir bequem. Meine Schwester hat schon dafür gesorgt, dass die Wohnung für Gäste vorzeigbar ist“, sagte Lance.

John entschied sich für die Couch, ließ sich an einem Ende nieder und lehnte sich gegen die Armlehne. „Kommt sie oft vorbei?“

Lance setzte sich ans andere Ende der Couch und klemmte die Flasche zwischen seine Beine. „Sie kommt gern vorbei und sieht nach mir, vergewissert sich, dass alles okay ist. Sie weiß, dass ich allein klarkomme, aber ich glaube, es gibt ihr ein besseres Gefühl, wenn sie etwas für mich tun kann. Ich lass meistens ein paar Sachen liegen, damit sie was zu tun hat.“

John lächelte. „Damit sie sich wichtig fühlt.“

„Und dass sie sich gewollt und gebraucht fühlt, denn das ist sie. Aber es ist leichter, sie was machen zu lassen, damit sie es selbst spürt, als zu versuchen, es ihr mit Worten begreiflich zu machen.“

„Aber das zählt doch auch, oder? Du lässt absichtlich Sachen für sie liegen, weil es ihr guttut.“

„Ja, aber sag’s ihr nicht. Sonst macht sie mir die Hölle heiß.“

John lachte und stellte seine Flasche auf den Couchtisch. „Ich geb mein Bestes, den Mund zu halten.“

Während Lance zusah, griff John hinter seinen Rücken und streckte die langen Arme aus. Lance entging ganz sicher nicht, dass dabei Johns Shirt ein paar Zentimeter hochrutschte und einen flachen Bauch freigab, unter dessen Haut sich leichte Muskelkonturen abzeichneten. Außerdem kam eine feine Spur blonder Haare zum Vorschein, die unter seinem Hosenbund verschwand. Johns leises, genussvolles Stöhnen war ein Bonus, und Lance zog ein Bein an, damit man ihm nicht zwischen die Beine sehen konnte.

„Du hast erzählt, dass du vier Brüder hast. Steht ihr euch nahe?“, fragte Lance.

John schnaubte. „Nicht wirklich. Der Nächstältere ist fünf Jahre älter als ich. Meine Eltern haben mich aus Versehen bekommen. Meine Mom hat bestimmt auf ein Mädchen gehofft, aber tja, da bin ich. Kein Mädchen.“

Lance betrachtete Johns Arme und ließ den Blick zu seinem Gesicht wandern. „Nein, das bist du nicht.“

Eine Pause entstand, und Lance fragte sich, ob sein Blick zu auffällig gewesen war. Bei genauerem Hinsehen bemerkte er, dass John ihn eingehender betrachtete. Das hatte er in der Bar schon ein paarmal getan, und Lance wusste nie so recht, was er dabei dachte. Es war, als würde John irgendetwas im Kopf herumgehen, das ihn verwirrte.

Um von dem abzulenken, was John beschäftigte, beschloss Lance, ein paar Geschichten zu erzählen, bei denen er auf der sicheren Seite war und die für einen Lacher gut sein könnten. Zum Beispiel die von damals, als seine Schwester ihn als Kind davon hatte abbringen wollen, auf einen Baum zu klettern, und er darauf bestanden hatte, dass er sehr wohl hoch- und auch wieder runterkommen würde.

Lance schüttelte den Kopf. „Runtergekommen bin ich nicht. Sie mussten eine große Leiter holen, um mich zu retten.“

Dann gab es noch die Geschichte, wie seine Schwester herausgefunden hatte, dass Lance sich an ihrem Alkohol bedient hatte. Schwer zu übersehen war es nicht gewesen: Er hatte den Schrank sperrangelweit offen stehen lassen und war wie ein Trottel im Flur ohnmächtig geworden.

„Am liebsten erzählt sie, wie sie versucht hat, mich ins Bett zu bringen, und ich unbedingt in eine Topfpflanze pinkeln wollte. Offenbar hab ich in meinem besoffenen Halbschlaf gedacht, das wäre die Toilette, und war stinkwütend, weil sie mich ständig davon wegziehen wollte.“

John lachte auf und schüttelte den Kopf. „Sie muss ganz schön sauer gewesen sein.“

„In dem Moment wahrscheinlich schon. Aber als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, war sie es nicht mehr.“

„Das war echt cool von ihr.“

„Es war mein erstes Jahr bei ihr, und ich glaube, sie wollte es auf sich beruhen lassen. Ich hatte ja nicht haufenweise Leute eingeladen und mich mit ihnen besoffen. Ich war traurig und hab beschlossen, meine Probleme im Alkohol zu ertränken. War dann doch keine so tolle Idee.“

John runzelte die Stirn. „Traurig? Warum?“

Lance sah auf seine inzwischen leere Saftflasche hinunter und schnaubte leise. „Na ja, so geht’s einem eben, wenn die eigenen Eltern einen nicht wollen und die große Schwester das Sorgerecht übernehmen muss, bis man achtzehn ist. Ich glaube, deshalb macht sie sich so viele Sorgen und passt ständig auf mich auf.“

John richtete sich auf, die Augen weit aufgerissen. „Warum zum Teufel sollten deine Eltern dich nicht wollen?“

Lance blickte auf und lächelte schwach. „Kannst du’s dir … nicht denken?“

John schüttelte den Kopf. „Nein. Es sei denn, du hast in den letzten Jahren eine völlige Persönlichkeitsveränderung durchgemacht. Du bist witzig, charmant, ziemlich clever und stehst, soweit ich das beurteilen kann, mit beiden Beinen im Leben.“

Lance stellte seine Flasche beiseite und zog eine Augenbraue hoch. „John, ich bin schwul. Hast du das nicht gemerkt?“

Johns hochgezogene Augenbraue senkte sich langsam, bis sein Gesichtsausdruck völlig neutral war. „Ich … hab’s nicht gemerkt.“

Lance lächelte und zuckte leicht mit den Schultern. „Na ja, Überraschung: Bin ich. Und sie haben es rausgefunden, wahrscheinlich auf die schlimmstmögliche Art. Sie haben versucht, mich zu ‚überreden‘, mich ‚anders zu entscheiden‘. Als das nicht geklappt hat, wollten sie nichts mehr mit mir zu tun haben. Lacie war für mich da, und jetzt bin ich hier.“

John runzelte wieder die Stirn. „Das ist … furchtbar.“

Es war herzzerreißend gewesen, hatte ihn bis ins Mark erschüttert, und Lance hatte Jahre gebraucht, um aus seiner Verzweiflung herauszukommen. Aber das Letzte, was er wollte, war, jemandem, der ihn kaum kannte, die traurige Geschichte seines Lebens zu erzählen. Manche Geschichten waren einfach zu deprimierend oder zu schwer, um darüber zu reden.

Lance setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Mach dir deswegen keinen Kopf. Ihr Pech, oder? Lass uns einfach noch ein bisschen fernsehen, bevor du gehst, okay? Das ist wesentlich weniger deprimierend.“

„Äh, klar“, sagte John. Er sah aus, als wollte er widersprechen, wusste aber nicht wie.

Lance schnappte sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, bevor John noch etwas sagen konnte. Noch schwerer zu ertragen als das Thema seiner Eltern waren Johns Überraschung und seine ausbleibende Reaktion gewesen, als Lance ihm gesagt hatte, dass er schwul war. Lance brauchte nicht nachzufragen. An Johns Reaktion erkannte er, dass der Mann nicht nur keine Ahnung gehabt hatte, sondern auch hetero war. Lance seufzte und sagte sich, dass er es besser jetzt herausfand, als sich später zum Narren zu machen.

Weniger weh tat die Enttäuschung deshalb trotzdem nicht.

Kapitel 5

John

Er wusste nicht, wie lange er schon vor Lance’ Wohnungstür stand und versuchte, den Mut aufzubringen, anzuklopfen. John schwankte ständig hin und her: Mal sagte er sich, dass er sich völlig lächerlich machte, und streckte die Hand aus, nur um sie gleich wieder zurückzuziehen, weil sich in ihm alles dagegen sträubte, dem Mann erneut gegenüberzutreten.

Schließlich hatten sie sich verabredet, und der Gedanke, jetzt einen Rückzieher zu machen, nagte an John. Sie hatten ja sogar noch miteinander geschrieben, nachdem John neulich Lance’ Wohnung verlassen hatte. Lance hatte ihre Pläne für Freitag erwähnt, und jetzt, wo der Freitag da war, fragte John sich, ob er wirklich hingehen sollte. Er wusste nicht einmal, warum.

Klar, er hatte nicht damit gerechnet, dass Lance ihm eröffnen würde, schwul zu sein. Aber war das ein Grund, keine Zeit mehr mit ihm zu verbringen? Lance hatte nichts getan oder gesagt, womit John sich unwohl gefühlt hätte. Im Gegenteil: In Lance’ Nähe hatte er sich wohlgefühlt, und mit ihm zu reden fiel ihm leicht. John mochte ihre Gespräche und freute sich darauf, mehr Freizeit mit ihm zu verbringen. Lance hatte ihn weder angebaggert noch angefasst oder irgendetwas versucht. Es gab also keinen Grund, ihm aus dem Weg zu gehen.

Er musste nur dieses seltsame Ziehen im Bauch ignorieren, das ihn jedes Mal überkam, wenn er daran dachte, Lance könnte versuchen, ihn zu berühren. Das war alles.

John nahm sich zusammen, streckte die Hand aus und klopfte an die Tür, bevor er es sich noch einmal anders überlegen konnte. Beim dritten Klopfen schoss Panik durch ihn hindurch. Jetzt gab es kein Zurück mehr; es war geschehen. Er hatte angeklopft, also musste er sich dem stellen, was ihm da, verflucht noch mal, so zusetzte.

Dann öffnete Lance die Tür, und sein breites Lächeln löste die Anspannung in Johns Brust.

„Hey, mit dir hab ich so früh noch gar nicht gerechnet“, sagte Lance und trat zur Seite.

Was schon etwas hieß, schließlich stand John seit fast zwanzig Minuten vor seiner Tür. Nur durch einen glücklichen Zufall war niemand aus dem Haus gekommen und hatte ihn dort wie einen Idioten herumstehen sehen. Der Gedanke hatte seine Nervosität nicht gerade gelindert, aber davon würde er Lance nichts erzählen.

John hob die Schultern. „War kein langer Tag, und morgen hab ich diesmal wirklich frei. Also hab ich geduscht und mich umgezogen. Keine große Sache.“

Dass er vor Feierabend noch eine Stunde lang mit sich gerungen hatte, ließ er weg. Das musste Lance auch nicht wissen. Er würde die Zeit mit ihm genießen und sich nicht länger so anstellen. Außerdem strahlten Lance’ Augen vor Freude darüber, dass John gekommen war, und die wollte er ihm nicht verderben.

Lance tippte sich ans Kinn. „Wie stehst du zu scharfem Essen?“

John rümpfte die Nase. „Ich vertrag ungefähr so viel Schärfe wie … na ja, ein Weichei eben.“

„Gut, ich nämlich auch nicht. Wie wär’s mit Pizza und ein bisschen Gemüse drauf, damit wir so tun können, als wäre sie gesund?“ Lance zog bereits sein Handy heraus.

„Solange Pilze bei dir nicht als Gemüse zählen, bin ich dabei“, sagte John.

„Pilze? Im Ernst? Die sind auf Pizza doch praktisch gesetzlich vorgeschrieben“, sagte Lance, während er auf seinem Handy herumtippte.

„Es liegt an der Konsistenz. Der Geschmack ist okay, aber wenn ich auf einen beiße, dreht sich mir der Magen um.“

„Na gut, na gut. Aber keine Ananas. Wenn irgendwas auf Pizza nichts zu suchen hat, dann Ananas.“

John sah ihn entsetzt an. „Was? Das ist ja Gotteslästerung!“

„Wer bei Pilzen würgen muss, hat in der Ananasfrage nichts mitzureden“, erklärte Lance.

„Ich glaube, du musst einfach akzeptieren, dass du seltsam bist.“

Lance grinste und steckte sein Handy wieder ein. „Worauf du einen lassen kannst. Und ich steh dazu. Da du morgen nicht arbeiten musst: Wie wär’s, wenn ich den harten Stoff raushole und irgendeinen Trash im Fernsehen anmache, bei dem wir das Hirn ausschalten können?“

John lachte. „Meine Güte, du weißt echt, wie man seinen Gästen was bietet.“

Lance zwinkerte. „Für meine allerbesten Gäste nur das Feinste, das versichere ich dir.“

John sah zu, wie Lance in die Küche schlenderte. Einen Moment lang war er sich nicht sicher, ob er etwas trinken wollte, wenn er schon nüchtern keinen klaren Kopf hatte. Andererseits müsste er Lance dafür Nein sagen, und dann würde dessen fröhlicher Gesichtsausdruck vermutlich verschwinden. Lance freute sich offenbar genauso über seine Gesellschaft, wie John sich freute, hier zu sein. Und ehrlich gesagt schob er sein diffuses Unbehagen gern beiseite, um den Abend weiter zu genießen.

Lance blickte über die Schulter zurück und grinste noch immer. „Falls es dich beruhigt: Billiger Fusel wird’s nicht.“

John musste grinsen, sah aber weiter zu, wie Lance die Drinks mixte, fasziniert von seinen fließenden Bewegungen. Schon als Kind war John ungelenk und tollpatschig gewesen, besonders als er in der Pubertät in die Höhe geschossen war. Lance dagegen schien einen inneren Rhythmus zu besitzen, auf den seine Gliedmaßen perfekt abgestimmt waren. Er bewegte sich mit einer Anmut und Sicherheit durch seine Küche, die John eher einem erfahrenen Barkeeper in einer vollen Bar zugetraut hätte.

„Bring mich damit bloß nicht um“, warnte John, als Lance nach einer Flasche Schnaps griff.

„Keine Sorge, bei einem Date mit einem Barkeeper hab ich ein paar Sachen gelernt. Hat sich rausgestellt, dass mir das Mixen Spaß macht, also hab ich noch mehr dazugelernt. Du wirst den Alkohol gar nicht merken.“

Na ja, vielleicht würden ihm ein paar Drinks helfen, lockerer zu werden. Schaden konnte es jedenfalls nicht.

John hatte einen angenehmen Schwips, und sein Körper war wohlig warm, während er an die Rückenlehne der Couch gelehnt dasaß. Im Fernsehen lief irgendeine trashige Realityshow, aber weder er noch Lance schenkten ihr viel Aufmerksamkeit. John bekam nur etwas davon mit, wenn etwas Lustiges oder völlig Absurdes passierte oder Lance einen Kommentar dazu abgab.

Die Pizza war längst aufgegessen; in der Schachtel, die auf dem Couchtisch lag, waren nur noch Krümel übrig. Er und Lance nippten beide an ihrem vierten Drink, obwohl John allmählich vermutete, dass in den ersten drei mehr Alkohol gesteckt hatte, als es den Anschein gehabt hatte.

„Weißt du, als du gesagt hast, ich würde den Alkohol in den Drinks nicht merken, hätte ich nicht gedacht, dass du mich damit abfüllen willst“, sagte John und ließ den Kopf zur Seite rollen, um Lance anzusehen.

Lance blickte ihn von seiner Ecke der Couch aus an. „Was? Ich hab gesagt, du würdest ihn nicht merken.“

John deutete auf seinen Kopf und seinen Körper. „Das hier fühlt sich aber verdächtig nach Merken an.“

„Och, du verträgst ja gar nichts“, stellte Lance fest. „Willst du mir erzählen, du bist nach den paar Drinks schon blau?“

„Drei Drinks, die garantiert für sechs zählen“, warf John ihm vor.

Lance kniff nachdenklich die Augen zusammen. „Kann sein, dass ich nach dem ersten etwas großzügig eingeschenkt hab. Meine Schwester sagt immer, dass ich mit dem Alkohol ziemlich freigiebig werde, sobald ich selbst ein bisschen was getrunken hab.“

Das ergab durchaus Sinn. John hatte ein ähnliches Problem, wenn er Bier trank. Die ersten beiden gingen noch ziemlich langsam runter, und beim dritten war er auch nicht viel schneller. Doch sobald die ersten Biere ihre Wirkung entfalteten, trank er jedes weitere ab dem vierten immer schneller. Wie viele er gehabt hatte, merkte er erst, wenn sich die leeren Flaschen vor ihm sammelten und er sich fragen musste, wie sehr er seine Entscheidungen am nächsten Morgen bereuen würde.

John lachte leise. „Deshalb heißt es also, Barkeeper sollten bei der Arbeit nichts trinken. Sonst schenken sie das ganze Geld der Bar weg.“

Lance nickte. „Kommt hin.“

John stupste Lance mit dem Fuß an. „Vor allem, wenn sie so sind wie du.“

Lance schlug nach seinem Fuß. „Beschwerst du dich etwa?“

„Nicht im Geringsten.“

Wie könnte er auch? Es fühlte sich an, als wäre es ewig her, seit er zuletzt einfach mit jemandem hatte abhängen und ein paar Drinks genießen können. Trotz seiner anfänglichen Bedenken war John so entspannt wie seit Wochen nicht mehr. Ob es nun an den Drinks oder an Lance lag: Er hätte am liebsten noch ewig mit ihm auf der Couch herumgelümmelt.

Neben ihm zappelte Lance herum und versuchte, sich aufzurichten. John sah zu und prustete los, als Lance feststellte, dass er in den Spalt zwischen Kissen und Couch gerutscht war und nur schwer wieder hochkam.

John sah ihn mitleidig an. „Steckst du fest, Kleiner?“

Lance funkelte ihn an und versetzte ihm mit dem Fuß einen Klaps gegen die Hüfte. „Hilf mir hoch, du Arsch.“

John lachte und packte Lance am Handgelenk. Lance umfasste Johns Handgelenk, und mit einem Ruck war er frei. Er rutschte nach vorn und drehte sich um, um den Übeltäter – den Spalt zwischen Kissen und Couch – böse anzustarren.

„Beim Kauf dieser Couch hab ich nicht richtig nachgedacht. Hätte wissen müssen, dass sie zu gut ist, um wahr zu sein. Wahrscheinlich hat das Ding den Hund des Vorbesitzers gefressen oder so“, sagte Lance.

John hörte nur halb zu. Seine Aufmerksamkeit galt der Tatsache, dass sie einander noch immer festhielten. Lance’ Finger lagen warm auf seinem Handgelenk, und für jemanden seiner Größe hatte er einen überraschend festen Griff. Ein Flattern regte sich in Johns Bauch, stieg in seine Brust auf und schnürte ihm die Kehle zu.

Erst als Lance die Hand zurückziehen wollte, sah er John an. Doch Johns Griff hielt ihn fest. Mit brennendem Gesicht ließ John sein Handgelenk los und stammelte eine Entschuldigung. Lance musterte ihn mit einem kleinen, verwunderten Lächeln, bevor er aufstand und das Kissen wieder an seinen Platz schob.

Wenn John sich nicht täuschte, lag ein leichter Rotschimmer auf Lance’ blassen Wangen, während er mit dem Kissen rang. Dadurch traten seine Sommersprossen noch stärker hervor. Sie zogen sich von der Mitte der einen Wange über seinen Nasenrücken bis auf die andere. Inmitten des verwirrenden Tumults in seinem Kopf musste John unwillkürlich an den Sommer denken, bevor er zur Grundausbildung aufgebrochen war.

Schließlich gab Lance auf, das Kissen einfach zurückzuschieben. Er packte es an einem Ende und zog es mit einem Ruck an seinen Platz. „Langsam versteh ich, warum Lacies Couch Klettverschlüsse zwischen den Kissen und der Couch hat.“

Und jetzt hatte John einen richtig guten Blick auf Lance’ Hintern, während der sich über die Couch beugte und fluchend mit dem leblosen Gegenstand kämpfte. Johns Gesicht wurde noch heißer, als ihm klar wurde, dass er nicht nur hinsah, sondern regelrecht starrte. Schlimmer noch: Er begutachtete den Hintern, und Gott steh ihm bei, er fand ihn verlockend.

Lance zog noch einmal kräftig daran und hatte Erfolg. „Ha! Eins zu null für mich, Kissen.“

„Dass es dich vorhin eingeklemmt hat, ignorierst du einfach, was?“, fragte John.

Lance ließ sich mit selbstzufriedener Miene zurück auf die Couch fallen. „Aber so was von. Das war ein fieser Trick. Im fairen Kampf hab ich gewonnen.“

John musste den Alkohol für die seltsamen Gedanken verantwortlich machen, die ihm durch den Kopf gingen. Es konnte unmöglich sein, dass er Lance attraktiv fand. Er stand auf Frauen. Verdammt, er hatte mit Frauen geschlafen und es in vollen Zügen genossen. Es gab keinen Grund, etwas anderes zu glauben. Auch nicht wegen der Erinnerung, die sich an den Rand seines Bewusstseins drängte, zusammen mit dem Nachhall flüchtiger Gefühle aus seinen unbeholfenen Teenagerjahren.

„Alles okay?“, fragte Lance.

John riss die Augen auf. „Ja, klar. Wieso?“

„Du bist ganz schön rot im Gesicht.“

John zuckte mit den Schultern. „Ich hab nun mal keinen besonders dunklen Teint, und von Alkohol werde ich manchmal ein bisschen rot.“

Lance warf einen Blick auf sein Glas. „Du meinst also, ich sollte keinen mehr machen.“

John streckte ihm sein Glas entgegen und schüttelte den Kopf. „Red keinen Unsinn.“

Lance lachte, nahm das Glas und sprang auf, um in die Küche zu gehen. „Irgendwie dachte ich mir das schon.“

Noch mehr zu trinken war vermutlich keine gute Idee, aber John brauchte irgendetwas, das seine panischen Gedanken dämpfte. Obwohl er dem Alkohol die Schuld daran gab, fiel ihm nichts anderes ein, was ihm vielleicht helfen könnte.

„Ich hab mal einen Typen geküsst“, platzte John heraus, als Lance zurückkam.

Lance blieb ein paar Schritte entfernt abrupt stehen, die frisch gefüllten Gläser in den Händen. „Oh?“

Wäre John nicht ohnehin schon rot gewesen, wäre er es spätestens jetzt geworden, nachdem er die gar nicht so ferne Erinnerung ausgeplaudert hatte, die ihm die ganze Zeit im Kopf herumgegangen war. Er zuckte innerlich zusammen und streckte die Hand nach seinem Drink aus. Er wusste, dass es jetzt zu spät war, die Geschichte für sich zu behalten, aber er brauchte noch etwas Mut. Lance reichte ihm das Glas, und John nahm erst einmal einen großen Schluck, bevor er weitersprach.

„Nach dem Abschluss hab ich mit einem Typen abgehangen, den ich aus der Highschool kannte. Ich hab mich auf die Grundausbildung vorbereitet, und er hatte einen Studienplatz irgendwo in Kalifornien. Wir hatten vorher nie wirklich was miteinander zu tun, aber er hat mich zu sich eingeladen. Wir haben bei ihm hinten am Feuer gesessen und ein paar getrunken. Alles ganz normal, bis er mich geküsst hat.“

Lance setzte sich und nippte langsam an seinem Drink, während er zuhörte. „Einfach so?“

John nickte und trank noch einen Schluck. „Einfach so. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“

„Vielleicht ist das eine komische Frage, aber hat es dir gefallen?“

John öffnete den Mund, um sofort mit Nein zu antworten, überlegte es sich dann aber anders und schloss ihn wieder. Vielleicht machte der Alkohol ihn ehrlicher. Oder er bremste ihn gerade so weit, dass er nachdenken konnte, statt sofort reagieren zu müssen.

„Ich weiß es nicht. Es ging so schnell, dass ich gar keine Gelegenheit hatte zu reagieren“, sagte John ehrlich.

Lance nickte nachdenklich. „Klingt, als wäre er ein bisschen in dich verknallt gewesen.“

„Meinst du?“

„Na ja, er hat dich eingeladen, obwohl ihr euch nicht besonders nahestandet, und das kurz bevor ihr beide wegmusstet? Der war garantiert in dich verknallt.“

„Daran hab ich nie gedacht.“

Lance sah ihn einen Moment lang an, holte tief Luft und stellte sein Glas ab. „Nicht, dass ich mich beschwere, wenn du mir so was erzählst, aber … warum erzählst du mir das?“

„Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass es einfach aus mir rausgeplatzt ist, ohne dass ich groß darüber nachgedacht hab?“, fragte John.

Lance lachte leise. „Ja, das würde ich.“

„Tja, genau so war’s.“

„Ganz aus heiterem Himmel.“

John zögerte. Sein Blick huschte zwischen den Sommersprossen auf Lance’ Nase und seinen Lippen hin und her, über die Lance gerade mit der Zunge fuhr. „Glaub schon?“

Lance legte den Kopf schief. „Aber sicher bist du dir nicht.“

John trank sein Glas leer. Es war ihm sogar egal, dass er damit innerhalb von fünf Minuten noch einen von Lance’ starken Drinks hinuntergekippt hatte. Über sich selbst nachzugrübeln war er nicht gewohnt, und es fühlte sich seltsam an, Dinge infrage zu stellen, die er immer als selbstverständlichen Teil seines Lebens betrachtet hatte. Die Fragen lockten ihn jedoch auf merkwürdige Weise, als würde Lance ihn zu etwas hinziehen, das über ein bloßes Gespräch hinausging.

War er versucht, die Geschichte zu wiederholen? Und würde es diesmal anders ausgehen?

„Okay, vielleicht nicht ganz aus heiterem Himmel. Ich hab nachgedacht.“

Lance nickte und beugte sich vor. „Worüber?“

Sie saßen nicht dicht beieinander, aber Lance hatte sich so weit vorgebeugt, dass John befürchtete, er könnte sein Herz pochen hören. Lance wirkte zugleich weise und liebenswert, während er Johns Gesicht offen und neugierig betrachtete. John hatte den leisen Verdacht, dass Lance längst wusste, was in seinem Kopf vorging, aber darauf wartete, dass John es selbst aussprach.

Wie schon vor Lance’ Wohnungstür wusste John, dass er sich entscheiden musste: entweder ganz oder gar nicht. Sich langsam darauf vorzubereiten und Stück für Stück voranzutasten, funktionierte bei ihm nicht. John machte keine kleinen Schritte und ließ sich keine Zeit. Wenn er eine Chance sah, sprang er und nahm, was auch immer auf ihn zukam. Sonst lief er davon und sah nie wieder zurück.

Deshalb beugte er sich jetzt vor, legte die freie Hand an Lance’ Kiefer und drückte seine Lippen auf Lance’ Mund.

Kapitel 6

Lance

Alles in allem hielt Lance sich für einen guten Menschenkenner. Auch wenn er selbst behauptete, viel zu wählerisch zu sein, lag er mit seiner Einschätzung der Verhaltensweisen und Gewohnheiten anderer Leute meistens richtig. Das hatte ihm in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, und wenn es um andere Menschen ging, verließ er sich mit Erfolg auf sein Bauchgefühl.

Deshalb ahnte er zwar, dass John einen Grund haben musste, ihm von dem Kuss zu erzählen, war aber wirklich überrascht, als John ihn dann küsste. Lance hatte vermutet, John erzähle ihm die Geschichte, weil ihn Lance’ Aussage, dass er schwul war, überrascht und ein wenig verlegen gemacht hatte. Nach allem, was er über John wusste, hätte es zu ihm gepasst, diese Verlegenheit mit einer Geschichte überspielen zu wollen, von der er glaubte, Lance könne etwas damit anfangen.

Aber ein Kuss?

Nicht, dass er sich beschwerte. Schließlich hatte er sich schon für John interessiert, seit er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Doch vor lauter Überraschung reagierte er auf den Kuss nicht, sondern saß nur wie erstarrt da. Sein Kopf kam nicht recht mit dem Gedanken hinterher, dass der Mann, den er für hetero gehalten hatte, ihn küsste.

John schien seine Überraschung zu spüren und begann, sich zurückzuziehen. Als Lance merkte, wie der Druck von Johns Lippen auf seinen nachließ, schrillten in seinem Kopf die Alarmglocken. Er wollte nicht zulassen, dass Johns zweiter Kuss mit einem Mann genauso kurz und verwirrend ausfiel wie der erste, und riss sich aus seiner Starre.

Noch bevor John sich ganz zurückziehen konnte, griff Lance nach seinem Hinterkopf und zog ihn zu einem richtigen Kuss heran. Zum Glück stießen dabei nicht ihre Zähne gegeneinander – das war Lance schon öfter passiert, als ihm lieb war. Stattdessen pressten sich ihre Lippen fest aufeinander, und als Lance sicher war, dass John nicht das Gefühl hatte, ausweichen zu müssen, lockerte er seinen Griff ein wenig.

Und tatsächlich blieb John. Seine Hand, die an Lance’ Kiefer lag, glitt hinab, legte sich um seinen Nacken und drückte leicht zu. Ihre Lippen öffneten sich, und Lance entfuhr ein leiser Laut des Wohlbehagens, als Johns Zunge über seine strich und ihn kostete. John war so nah, dass Lance sein Parfüm riechen konnte, einen satten, würzigen Duft, der ihn an einen kühlen Herbstabend erinnerte.

Schließlich löste John den Kuss und zog sich langsam zurück. Lance wertete es als gutes Zeichen, dass John zwar immer noch rot im Gesicht war, aber nicht aussah, als würde er gleich die Flucht ergreifen oder in Panik geraten. Bei genauerem Hinsehen wirkte er verwirrt und vielleicht ein wenig besorgt, doch immerhin hielt er nicht nach der Tür Ausschau.

Lance ergriff als Erster das Wort. „Also, ich muss noch mal fragen: Hat es dir gefallen?“

John lehnte sich auf der Couch zurück und ließ den Blick nachdenklich über Lance’ Gesicht wandern. Er hob eine Hand, legte die Finger an seine Lippen und runzelte die Stirn.

„Liegt das daran, dass ich betrunken bin?“, fragte John.

Lance gab sich Mühe, das nicht persönlich zu nehmen. John war durcheinander und bewegte sich auf ungewohntem Terrain, sagte er sich.

„Vielleicht warst du deshalb bereit, es zu tun. Aber wenn es für dich mehr war als nur: ‚Okay, hab ich ausprobiert, jetzt kann ich’s abhaken‘, dann liegt es wahrscheinlich nicht nur am Alkohol“, sagte Lance.

„Alkohol bringt einen dazu, ziemlich seltsame Sachen zu machen“, wandte John ein.

„Er macht dich eher bereit für Dinge, zu denen du dich nüchtern vielleicht noch nicht durchringen würdest. Aber er kann nicht dafür sorgen, dass du plötzlich gern Männer küsst.“

John sah auf. „Und es hat mir gefallen.“

Vor allem Johns überraschter Gesichtsausdruck entlockte Lance ein leises Lachen. Für ihn selbst war es viel einfacher gewesen zu erkennen, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte, und es hatte ihn kaum verwirrt. Das Schwierigste war gewesen, es vor allen geheim zu halten, denn die Leute in der Kleinstadt, in der er aufgewachsen war, dachten ganz ähnlich wie seine Eltern.

„Ich war mit Frauen zusammen, und das hat mir gefallen“, sagte John.

Lance streckte die Hand aus und legte sie sanft auf Johns Arm. „Es gibt da so was, das nennt sich bi. Du darfst beides mögen.“

„Aber ich war noch nie … Ich war noch nie mit einem Mann zusammen.“

„Hast du dich denn noch nie zu einem hingezogen gefühlt?“

„Vielleicht? Na ja, irgendwie schon.“

„Was heißt das?“

John holte tief Luft. „Als ich nach dem Kuss mit dem Typen aus der Schule darüber nachgedacht habe, fand ich im Nachhinein, dass es sich gut angefühlt hatte. Aber ich hab nie … Ich meine, ja.“

Lance sah ihn fragend an. „Und was ist mit mir?“

„Ob ich mich zu dir hingezogen fühle?“

„Na ja, du hast mich geküsst. Da darf ich doch fragen, findest du nicht?“

John lachte. „Okay, ja, da hast du wohl recht. Ich glaub schon, dass ich mich zu dir hingezogen fühle. Dich zu küssen hat sich … gut angefühlt.“

John sah auf seinen Schritt hinunter, und Lance folgte seinem Blick. Tatsächlich zeichnete sich vorn an Johns Jeans eine ziemlich auffällige Beule ab. Bei dem Anblick durchfuhr Lance ein Kribbeln – und das nicht nur, weil John in seiner Hose offenbar einiges zu bieten hatte.

Lance sah wieder auf und grinste. „Also ja.“

„Und ich meine, ich verbringe gern Zeit mit dir. Ich finde dich witzig, und mit dir zusammen zu sein macht Spaß. Bei dir kann ich mich entspannen, und wenn ich mit dir rede, muss ich nicht ständig Angst haben, was für einen dummen Scheiß ich als Nächstes von mir gebe. Das ist echt schön“, sprudelte es aus John heraus.

Lance blinzelte. Der plötzliche Wechsel von einem schönen Kuss zu etwas, das sich im Grunde wie ein Geständnis romantischer Gefühle anhörte, überrumpelte ihn. Damit hatte er ebenfalls nicht gerechnet.

„Es klingt komisch, das zu sagen, nachdem ich gerade … nachdem wir gerade … na ja, uns geküsst haben. Aber es stimmt. Ich bin gern mit dir zusammen, und ich mag dich als Menschen. Ich weiß nur nicht, was das jetzt bedeutet, wo du nach unserem Kuss auch noch meinen Ständer gesehen hast.“

Lance schmunzelte und rückte vor, bis er beinahe auf Johns Schoß saß. John starrte ihn an und riss die Augen so weit auf, dass es fast komisch aussah. Doch er wich nicht zurück und versuchte auch nicht, Lance aufzuhalten. Er nahm sogar die Hände beiseite, damit Lance richtig auf seinem Schoß Platz nehmen konnte.

„Das ist süß, John“, sagte Lance und legte ihm die Hände auf die Schultern.

John sah unsicher zu ihm auf. „Fühlt sich nicht besonders süß an.“

„Ich nehme mal an, du meinst damit das, was du gesagt hast, und nicht, dass ich auf deinem Schoß sitze“, neckte Lance ihn.

John wurde wieder rot und legte Lance zögernd die Hände an die Hüften. „Nein, das hier … fühlt sich irgendwie gut an.“

„Auch wenn es sich immer noch seltsam anfühlt“, ergänzte Lance.

„Ein bisschen. Tut mir leid.“

„Wäre es okay für dich, wenn ich dich noch mal küsse?“

John stockte der Atem, dann nickte er langsam. „Ich … ja.“

Lance ließ sich das nicht zweimal sagen. Er beugte sich vor und küsste John. Als ihre Lippen sich berührten, entspannte sich sein Körper, und er spürte Johns Schwanz an seinem Arsch. John entfuhr ein tiefes Geräusch. Er schob die Hüften hoch und rieb seine vom Ständer gespannte Hose an Lance’ Arsch.

Lance lächelte in den Kuss hinein, als Johns Griff um seine Taille fester wurde. Er drückte sich gegen die Beule und wurde mit einem weiteren verzweifelten Laut belohnt.

„Willst du mehr?“, fragte Lance.

John sah halb benommen und verwirrt zu ihm auf. „Mehr?“

„Hättest du Lust auf ein bisschen mehr als Küssen?“, fragte Lance. Er wollte John zu nichts drängen, wofür er noch nicht bereit war.

John sah ihn vorsichtig an. „Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Nicht so –“

Lance lächelte und küsste sanft Johns Mundwinkel. „Keine Sorge. Ich verlang ja nicht, dass du mich fickst.“

Die Erleichterung auf Johns Gesicht hätte Lance beinahe zum Lachen gebracht, aber er verkniff es sich. Soweit er wusste, hatte John sich noch nie ernsthaft mit dem Gedanken auseinandergesetzt, etwas anderes als hetero zu sein. Lance zeigte ihm gern, dass es auch anders ging, aber er wollte ihn nicht drängen und riskieren, ihn zu verschrecken.

Denn eigentlich hatte er John ziemlich gern bei sich.

Lance löste sich von John und rutschte zwischen dessen Beine hinunter, sodass er wieder auf der Couch saß. Er legte die Hände auf Johns Oberschenkel, drückte sie und genoss die festen Muskeln unter seinen Fingern. Langsam ließ er die Hände an Johns Beinen hinaufwandern, beugte sich vor und küsste ihn erneut, während er seine Oberschenkel direkt unter der Hüfte umfasste. John atmete schnell und erwartungsvoll; seine Beine zitterten leicht unter Lance’ Berührung.

„Wenn ich dir zu weit gehe, sag es mir“, flüsterte Lance.

Dann öffnete er den Knopf von Johns Hose. Das leise Klicken des Metalls klang viel zu laut. Lance sah hinunter und vergewisserte sich, dass John Unterwäsche trug, bevor er den Reißverschluss aufzog. John stöhnte kehlig auf, sobald die Jeans ihren engen Griff lockerte, und stieß leise zischend die Luft aus, als Lance’ Finger hineinglitten.

Lance strich über Johns Schwanz, noch durch den Stoff der Unterhose, und tastete sich bis zur Spitze vor. Er war nicht besonders dick, aber seine beachtliche Länge gefiel Lance durchaus. Falls sie jemals richtig miteinander ficken sollten, würde es nicht unangenehm werden, dachte er, sondern sich gut anfühlen.

Lance schob die Finger unter den Bund von Johns Unterhose und strich über die weiche, heiße Haut seines Schwanzes. Es war gar nicht so lange her, dass er zuletzt seinen Spaß gehabt hatte. Trotzdem konnte er sich nicht erinnern, wann sein Herz beim Berühren eines anderen Menschen das letzte Mal so heftig gerast war. Er wusste, worauf er hinauswollte, nahm sich aber vor, es langsam angehen zu lassen. Er umfasste Johns Schaft und holte ihn behutsam hervor.

Sanft strich Lance mit den Fingern darüber und fuhr mit dem Daumen über die glänzende Eichel. „Alles gut bei dir?“

John nickte und krallte die Hände fest in die Couch. „Das ist anders.“

„Anders im schlechten Sinn?“

„Gott, nein.“

Lance nahm das als Zeichen, dass er ein Stück weitergehen konnte, und rutschte auf der Couch zurück, um sich hinzulegen. Er ließ sich Zeit und warf immer wieder einen Blick zu John hinauf, um sicherzugehen, dass der nicht in Panik geriet oder sich unwohl fühlte. Soweit Lance erkennen konnte, war John durchaus angetan von dem, was er vorhatte: Seine Pupillen waren geweitet, und er leckte sich unbewusst über die Lippen.

Nachdem Lance ein wenig hin- und hergerutscht war und John ebenfalls etwas mitgeholfen hatte, saßen Hose und Unterhose tief genug, dass Lance ungehindert an Johns Schwanz kam. Es war amüsant zu sehen, wie viel Lusttropfen sich bildeten, während Lance den Schaft umfasste und darüberstrich, um sich in Position zu bringen.

Er leckte sich erwartungsvoll über die Lippen und ließ die Zunge vom Ansatz von Johns Schwanz langsam bis über die feuchte Spitze gleiten. John erschauerte bei der Berührung, doch Lance stöhnte, als er seinen Geschmack auf der Zunge spürte. Er konnte sich nicht länger zurückhalten, schloss die Lippen um die Eichel und ließ sie langsam über seine Zunge gleiten.

Über ihm stöhnte John tief auf. Eine seiner Hände glitt in Lance’ Haar und vergrub sich darin. Lance nahm das als eindeutige Ermutigung und nahm mehr von Johns Schwanz in den Mund. Er entspannte die Kehle und ließ ihn langsam tiefer gleiten. Wenn es etwas gab, worauf Lance stolz war, dann darauf, wie gut er mit seinem Mund umgehen konnte.

Seine Zunge glitt an der Unterseite von Johns Schwanz entlang, während er spürte, wie der vor Erregung pochte. Er ließ die Muskeln seiner Kehle den Schaft auf ganzer Länge umschließen, bevor er sich zurückzog und sanft an der Eichel saugte. Lance ließ sich Zeit. Er merkte, dass John kurz davor war, die Kontrolle zu verlieren, und wollte dafür sorgen, dass er dieses Erlebnis nicht so schnell vergaß.

John war alles andere als still. Die meisten Laute, die er von sich gab, waren zwar unverständlich, klangen aber nach Verlangen und Lust. Jedes Mal, wenn Lance tiefer ging und seine Kehle Johns empfindliche Eichel umschloss, verkrallten sich Johns kräftige Finger fester in seinem Haar. Und jedes Mal, wenn Lance sich zurückzog, zuckten Johns Hüften. Lance ließ seine Zunge über die Unterseite streichen und dann um die empfindliche Eichel kreisen. Als er mehr von John schmeckte, stöhnte er auf.

„Lance“, keuchte John. Er zog Lance nicht weg, doch sein ganzer Körper erstarrte.

Lance musste niemand sagen, was gleich passieren würde. Wenn er hätte grinsen können, hätte er es getan. Stattdessen ließ er John mit neuem Eifer bis zum Anschlag in seinen Mund gleiten, zog sich zurück und ging gleich noch einmal tief. Johns Griff um ihn wurde eisern, und er stieß einen verzweifelten Lustschrei aus, während Lance ihn dem Höhepunkt entgegentrieb.

John schrie erneut auf, hob die Hüften und stieß seinen Schwanz noch einmal tief in Lance’ Kehle. Lance spürte, wie der Schaft pochte und John in seiner Kehle kam. Doch Lance dachte nicht daran aufzuhören. Er zog sich zurück und ließ die zuckende Eichel auf seiner Zunge liegen, wo sich jeder neue Schub darauf ergoss. Sanft saugte er daran und strich über Johns Oberschenkel, während der sich dem Höhepunkt hingab und in pure Ekstase versank.

Als Lance Johns Schwanz aus seinem Mund gleiten ließ, war er allerdings vorsichtig. Er wollte ihn nicht überreizen, jetzt, wo er so empfindlich war. Sobald sein Mund frei war, grinste er John an und rückte von ihm ab.

„Das war …“, begann John und verstaute seinen Schwanz langsam wieder in der Hose, sobald er die Kraft dazu hatte.

„Nicht ohne“, ergänzte Lance.

„Allerdings.“

Lance wollte fragen, was genau John damit meinte, doch ein Blick in dessen Gesicht sagte ihm, dass das vielleicht keine gute Idee war. Wenn John sich bei ihm wohlfühlen sollte, musste Lance daran denken, alles langsam anzugehen und ihn nicht zu sehr zu bedrängen. Am besten ließ er John erst einmal verarbeiten, was passiert war, und hoffte, dass sie danach etwas finden würden, das sie miteinander teilen konnten.

„Willst du noch was trinken?“, fragte Lance und stand von der Couch auf.

„Äh, ja, danke“, murmelte John und sah nachdenklich auf seinen Schoß hinunter.

Lance ging los und nahm sich vor, den nächsten Drink nicht ganz so stark zu machen – oder gleich einen ohne Alkohol zu mixen. John sollte sich auf keinen Fall richtig abschießen. Offenbar hatte John sich Mut angetrunken, und Lance hoffte, dass am Morgen noch genug davon übrig war.

Kapitel 7

John

Er wusste nicht, was er falsch gemacht hatte, aber John war sich absolut sicher, dass er irgendwas falsch gemacht hatte. Obwohl er sich alle Mühe gab, Sloane nicht zu reizen, sah der immer noch aus, als würde er ihn bei der ersten Gelegenheit erwürgen. Das hätte man als ganz normalen Tag im Wachhäuschen am Haupttor des Stützpunkts abtun können, aber John hatte das Gefühl, dass Sloane noch gereizter war als sonst.

Zum Glück hatte er sein Handy und, noch wichtiger, Lance, mit dem er reden konnte. Obwohl John nicht wusste, was er wegen der Sache empfinden sollte, schrieben die beiden weiter miteinander. Allerdings flirteten sie dabei inzwischen ein bisschen.

„Denkst du manchmal über dein Leben nach und fragst dich, wann zur Hölle sich das alles geändert hat?“, fragte John und blickte zwischen Sloane und Trisha hin und her.

„Nein“, sagte Sloane, ohne weiter darauf einzugehen.

John überlegte, ob er nachhaken sollte, wandte sich dann aber wieder seinem Handy zu. Was als Gespräch zwischen ihm und Lance über den besten Comedyfilm oder die beste Comedyserie angefangen hatte, war langsam zu etwas anderem geworden. Und als John die neueste Nachricht las, wurde ihm klar, dass sich definitiv etwas verändert hatte.

Man sagt, man sollte jemanden, mit dem man was hat, genauso heftig zum Lachen bringen wie zum Kommen. Meinst du, ich schaff beides bei dir? Das hatte Lance ihn gefragt.

So seltsam es auch war, das einem Kerl zu sagen, John musste ehrlich sein.

Beides hast du definitiv geschafft.

Hab ich mir gedacht, schließlich hatte ich dich im Mund und so. Aber ich musste fragen.

Bei dem Gedanken wurde Johns Hose eng, und er beeilte sich mit seiner Antwort.

Du warst der Beste, den ich je hatte. Obwohl ich ehrlich gesagt noch nicht viel Erfahrung damit hab.

Wenn du brav bist, kriegst du noch mehr als das.

John bekam große Augen, während er seine Antwort tippte. Was denn?

Neben ihm knurrte Sloane. „Musst du die Tastentöne an deinem Handy anlassen? Ich hab keine Lust, dir dabei zuzuhören, wie du bei deinem nächsten Versuch, flachgelegt zu werden, wie ein Huhn auf dem Ding herumpickst.“

John wurde heiß im Gesicht und schaltete die Töne an seinem Handy aus. „Ja, tut mir leid.“

Sloane verdrehte die Augen. „Mach das verdammt noch mal, bevor du das nächste Mal Schicht hast.“

„Alles okay bei dir?“, fragte John und überlegte, ob er sich woanders hinsetzen sollte.

„Mir geht’s gut“, knurrte Sloane.

„Sieht aber nicht so aus.“

„Ist es aber.“

John zuckte zusammen. „Na ja, wenn du drüber reden willst, kannst du das.“

„Ich will über gar nichts reden, weil’s da einen Scheiß zu bereden gibt.“

John hob sein Handy, als wollte er damit gestikulieren, und zuckte dann mit den Schultern. „Gut, dann red eben nicht drüber. Sitz einfach da und sei noch wütender als sonst.“

Sloane reagierte blitzschnell und riss ihm das Handy aus der Hand. „Mach einen Kontrollgang.“

John starrte nervös auf sein Handy. „Was hab ich denn gemacht?“

Sloane knallte das Handy auf den Schreibtisch. „Du machst mich kirre.“

John schnaubte. Langsam wurde er selbst sauer. „Und was ist daran anders als sonst?“

Sloane zeigte knurrend auf die Tür. „Raus.“

Genervt stemmte John sich aus dem Stuhl. „Herrgott noch mal, schon gut. Vielleicht schaffst du’s ja, kein verdammtes Arschloch mehr zu sein, bis ich wiederkomme.“

Er hatte sowieso die Nase voll von Sloanes mieser Laune, und ein bisschen frische Luft konnte er gut gebrauchen. Beim Rundgang draußen hätte er sein Handy gern dabeigehabt, aber er wollte es mit Sloane nicht zu weit treiben. Meistens war Sloane mürrisch und unhöflich, doch heute lag eine Schärfe in seinem Verhalten, die sonst nicht da war. Irgendwas nagte offensichtlich an ihm, aber John würde den Teufel tun und versuchen herauszufinden, was.

Zum Glück hatte er daran gedacht, das Klemmbrett von der Wand neben der Tür zu nehmen, bevor er nach draußen gegangen war. John arbeitete im Wachhäuschen, seit er vor ein paar Monaten nach Fort Dale versetzt worden war, und auf der Checkliste war noch nie etwas auffällig gewesen. Doch wie bei allem beim Militär bestand General Winter darauf, dass der Zaun und das Gelände außerhalb davon täglich kontrolliert wurden, damit alles sicher war.

So hatte er ein wenig Zeit, darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Einerseits hatte er es definitiv genossen, und so überraschend es auch war, wollte er herausfinden, wohin das mit ihm und Lance führen könnte. Andererseits fühlte es sich überhaupt nicht nach ihm an, mit einem anderen Kerl so weit gegangen zu sein, zumal er sich früher in der Nähe von schwulen oder bisexuellen Männern immer ein bisschen komisch gefühlt hatte.

Er hatte niemanden, mit dem er darüber reden konnte. Alle anderen in seiner Familie waren hetero und hätten es nicht verstanden. Er war ziemlich sicher, dass einer oder mehrere seiner Brüder ihn deswegen ordentlich aufgezogen hätten. Nicht, dass er glaubte, sie hätten grundsätzlich etwas gegen Schwule oder Bisexuelle, aber Sprüche hätten sie sich verdammt noch mal trotzdem nicht verkneifen können.

Er hatte Lance die Wahrheit gesagt: Er mochte ihn und wollte mehr Zeit mit ihm verbringen. Was sie miteinander gemacht hatten, hatte ihm auch gefallen, und es wäre gelogen gewesen, zu behaupten, er wolle nicht herausfinden, was noch möglich war. Andererseits fiel es ihm schwer, sich selbst mit einem Mann zusammen vorzustellen, obwohl er mit Lance schon halb so weit gegangen war.

Zugegeben, Lance hatte ihn zu nichts Weiterem gedrängt, abgesehen von seinen flirtigen Bemerkungen und den Erinnerungen an den Blowjob. Das half John, sich ein bisschen besser zu fühlen. Er hatte nicht das Gefühl, in eine Richtung geschubst zu werden, bevor er überhaupt wusste, welche Richtungen es gab. Es war ein paar Tage her, seit er Lance gesehen hatte, und er wusste immer noch nicht, was er beim nächsten Treffen tun würde.

Nachdem er die Kontrollen erledigt hatte, kehrte John zum Wachhäuschen zurück, um so zu tun, als wäre er nicht völlig verwirrt, und sein Gespräch mit Lance fortzusetzen. Er trat durch die offene Tür, hängte das Klemmbrett wieder an seinen Platz an der Wand, drehte sich nach vorn und erstarrte.

Sloane saß mit weit aufgerissenen Augen da und starrte erschrocken auf Johns Handy. Aus ein paar Metern Entfernung konnte John nicht erkennen, was auf dem Bildschirm zu sehen war, aber er sah, dass es ein Bild von Lance war. Nach dem, worüber sie gesprochen hatten, bevor Sloane ihm das Handy weggenommen hatte, hatte John einen starken Verdacht, was dieses Bild zeigte.

„Das hier … ist nicht mein Handy“, hörte er Sloane sagen.

John stieß einen Schrei aus und stürzte nach vorn, um Sloane das Handy abzunehmen. Wie erschrocken Sloane war, zeigte sich daran, dass er keinen Widerstand leistete. John riss sein Handy an sich, presste es an die Brust und starrte Sloane fassungslos an.

„Warum liest du meine Nachrichten?“, fuhr er ihn an.

Sloane machte große Augen. „Ich … hab nicht nachgedacht. Ich dachte, es wäre meins.“

John entsperrte den Bildschirm, um zu sehen, was Sloane gesehen hatte. Beim Anblick des Fotos zog sich sein Magen zusammen, und sein Herz setzte einen Schlag aus. Lance war auf allen vieren, das Handy über die Schulter auf einen Spiegel gerichtet, wie es aussah. Sein Arsch war direkt auf die Kamera ausgerichtet, und John konnte alles sehen: Lance’ halbharten Schwanz, der zwischen seinen knienden Beinen hing, und die so verdammt verlockende Rundung seines nackten Arsches.

„Warum war es nicht gesperrt?“, fragte Sloane.

John riss den Kopf hoch. „Deins sperrst du auch nicht.“

Sloane musterte ihn und sagte schließlich langsam: „Also, das war, äh –“

„Ein Versehen!“, platzte John heraus.

„Ein Versehen.“

„Ja.“

„Irgendein Typ hat dir aus Versehen ein Nacktbild geschickt.“

„Mein Name ist … einem anderen Namen in seinem Handy ziemlich ähnlich“, behauptete John und umklammerte sein Handy noch fester.

Gott, warum musste ausgerechnet Sloane das Bild finden?

„Und das weißt du, ohne ihm gesagt zu haben, was passiert ist?“, fragte Sloane.

„Es war ein Versehen“, wiederholte John. Er hatte keine Ahnung, was er sonst sagen sollte, also blieb er bei seiner Version.

Sloane lächelte. „John?“

„Lass es.“

Sloane seufzte. „Du solltest wissen, dass gerade ich dich dafür nicht verurteile. Ich meine, guck dir doch mal meinen besten Freund an.“

John blickte auf sein Handy. „Ich bin nicht –“

Schweiß trat ihm auf die Stirn, während er fieberhaft überlegte, wie er Sloane davon abhalten konnte, weiter darüber zu reden. John hatte doch beschlossen, ihn in Ruhe zu lassen, oder? Auch wenn es ihn geärgert hatte, wie mürrisch Sloane deswegen gewesen war, hatte er es gut sein lassen wollen.

Gott, er wusste ja nicht mal, worüber es überhaupt etwas zu reden gab. Lance hatte nichts von einer Beziehung gesagt, und abgesehen von ein paar flirtigen Bemerkungen und jetzt einem versauten Foto, das sich für immer in den erotischen Winkel von Johns Gehirn eingebrannt hatte, gab es nichts zu besprechen. Schon gar nicht mit Sloane.

Sloane holte tief Luft und legte John eine Hand auf den Arm. „John, ich sag dir nicht, dass du so oder so bist, okay? Ich sage nur … wenn du etwas Bestimmtes fühlst, gibt es dafür einen Grund. Vielleicht fühlst du dich schon länger so, vielleicht ist es neu. Aber lauf nicht davor weg, Mann. Am Ende bist du davon nur erschöpft und unglücklich.“

John starrte auf Sloanes Hand und wusste nicht, was er von dieser tröstenden Berührung halten sollte. „So einfach ist das nicht.“

„Natürlich nicht. Es kann schwer sein, sich mit etwas Ungewohntem anzufreunden. Aber das heißt nicht, dass du es nicht versuchen solltest.“

John sah erstaunt auf. „Was weißt du denn darüber?“

Sloane runzelte die Stirn, drückte aber kurz seinen Arm. „Pass auf, ich werde dich nicht drängen, mit mir zu reden. Ich sage nur, dass du nicht davor weglaufen musst. Versuch, dich in deiner eigenen Haut wohlzufühlen, egal, wer zur Hölle du bist, okay? Und Scheiße, wenn du drüber reden musst, dann kannst du das.“

„Mit dir?“, fragte John ungläubig.

Warum sollte Sloane das interessieren? Lag es daran, dass sein bester Freund schwul war und Sloane deshalb Mitgefühl zeigte? Allerdings lag ein seltsamer Ausdruck in Sloanes Augen, und John wollte ihm glauben, obwohl er spürte, wie er noch immer vor der Wahrheit zurückwich.

Sloane klopfte ihm auf die Schulter und lachte leise. „Ja, Mann. Du bist manchmal ein nerviger Scheißkerl, aber du bist … kein übler Typ.“

John schüttelte den Kopf und konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. „Nur nervig.“

„Ja.“

„Näher bist du einem Kompliment noch nie gekommen.“

„Ja, aber sag’s bloß nicht Trisha.“

„Die würde mir sowieso nicht glauben.“

John nahm das Handy von seiner Brust und starrte auf die Nachricht. Es kam ihm fast albern vor, davor weglaufen zu wollen, wenn die Tatsachen so klar vor ihm lagen – so unverhüllt wie Lance’ Arsch auf seinem Bildschirm. Die beiden hatten die Gesellschaft des anderen schon genossen. Sie mussten nur noch diesen einen Schritt weitergehen, damit mehr daraus wurde.

Lohnte es sich, davonzulaufen, nur weil es nicht zu dem Bild passte, das er bisher von sich gehabt hatte?

John ließ sich auf seinen Stuhl fallen und starrte auf sein Handy. „Ich … danke dir.“

Sloane warf ihm einen Seitenblick zu und grinste schief. „Schon gut.“

„Und ich … wenn ich will, rede ich mit dir.“

Sloanes Blick glitt zu seinem Handy, und seine Augen wurden weich. „Gut.“

Während sie dasaßen, breitete sich ein angenehmes Schweigen zwischen ihnen aus. Zum ersten Mal, seit John auf dem Stützpunkt arbeitete, hatte er das Gefühl, dass zwischen ihm und Sloane etwas Gutes, Freundschaftliches entstanden war. Vielleicht war der Kerl ein mürrisches Arschloch, aber er hatte ein Herz, und noch dazu ein ziemlich gutes.

Als John wieder auf seine Nachrichten sah, wurde ihm klar, dass er bald herausfinden musste, was sein eigenes Herz wollte.

Kapitel 8

Lance

Sein Handy lag auf dem Couchtisch. Das dunkle Display und die reglose Benachrichtigungsleuchte kamen ihm vor wie ein stummer Vorwurf. Seit er das letzte Mal von John gehört hatte, waren Stunden vergangen, und das Warten zehrte allmählich an seinen Nerven.

Nachdem John vor ein paar Tagen Lance’ Wohnung verlassen hatte, hatten sie sich zunächst ganz normal weiter unterhalten. Lance hatte hier und da ein bisschen geflirtet und gelegentlich noch einen draufgesetzt, um zu sehen, wie John reagierte. Der hatte durchaus Interesse gezeigt, wenn auch etwas zögerlich. Doch seit Lance einen Schritt weitergegangen war und ihm ein Foto geschickt hatte, war John ungewöhnlich still geworden. Nicht völlig verstummt, aber zwischen ihren Nachrichten lagen inzwischen so lange Pausen, dass Lance ahnte, worauf es hinauslief.

Er hatte spielerisch sein und John helfen wollen, sich mit der ganzen Sache wohler zu fühlen, und war dabei zu weit gegangen. Feingefühl war noch nie seine Stärke gewesen, und er hatte John über seine Grenzen gedrängt. Je länger die nächste Nachricht auf sich warten ließ, desto mehr machte Lance sich Vorwürfe, weil er zu forsch gewesen war.

„Hätte warten sollen“, murmelte Lance und starrte auf sein Handy.

Genau wie er damals hätte warten sollen, bis er erwachsen war, bevor er im Haus seiner Eltern einen anderen Jungen küsste. Stattdessen hatte er sich von seinen Gefühlen und Hormonen hinreißen lassen und war schließlich kurzerhand bei seiner Schwester abgeladen worden. Und vielleicht hatte seine Schwester recht: Vielleicht hätte er auch bei manchen der Männer, mit denen er ausgegangen war, abwarten sollen, bevor er entschied, dass sie nicht zu ihm passten. Er war abgesprungen, ehe er überhaupt herausfinden konnte, ob er damit richtiglag. Und jetzt war er bei John aus einem Impuls heraus zu weit gegangen und hatte ihn vertrieben, bevor sie herausfinden konnten, ob zwischen ihnen vielleicht mehr sein könnte.

Als sein Handy aufleuchtete, zog sich sein Magen zusammen. Er schnappte es sich vom Tisch. Die Nachricht war von Lacie: Sie parkte gerade und hatte ein paar Sachen für ihn dabei. Enttäuscht schrieb er ihr zurück, dass die Tür offen war. Normalerweise freute er sich, seine Schwester zu sehen, aber er wollte nicht, dass sie ihn dabei erwischte, wie er sich in Selbstmitleid und Schuldgefühlen suhlte.

Ein paar Minuten später hörte er Stimmen vor seiner Wohnungstür. Stirnrunzelnd legte er den Kopf schief. Lacies vertraute Stimme sprach mit jemandem, dessen Worte er nicht verstehen konnte, der aber eindeutig ein Mann war. Dann schwang die Tür auf, und Lacie trat mit einem belustigt-irritierten Gesichtsausdruck ein.

„Gehört der zu dir?“, fragte Lacie, trat weiter herein und nickte zur Tür.

Lance’ Herz machte einen Satz, als John zum Vorschein kam. Er sah verlegen aus. Sie blickten einander an, ohne ein Wort zu sagen.

„Äh, ja. Hi, John“, sagte Lance, als ihm klar wurde, dass die Stille langsam peinlich wurde.

„Hi“, sagte John und warf Lacie einen nervösen Blick zu.

Lacie hob eine Augenbraue und stellte einen Karton auf einem von Lance’ Stühlen ab. „Er stand vor der Tür, als ich die Treppe hochkam. Sah ein bisschen verloren aus.“

John starrte auf seine Füße. Seine Wangen färbten sich rosa. „Ich hab mich nicht verlaufen.“

„Ach so. Dann hat er deine Tür die ganze Zeit wohl nur angestarrt, weil er sie so wahnsinnig beeindruckend findet“, sagte Lacie.

Lance sah sie finster an. „Lacie.“

„Ist das der Typ, von dem du erzählt hast?“, fragte sie.

„Lacie“, wiederholte Lance. Er ahnte schon, dass ihm gleich eine Standpauke oder eine Schimpftirade bevorstand.

Sie verdrehte die Augen. „Schon gut, schon gut. Ich bin brav. Da stehen deine Sachen. Versuch, beim nächsten Besuch nicht wieder so viel bei mir liegen zu lassen.“

„Hab dich lieb“, sagte Lance, als sie zur Tür ging.

„Ich dich auch“, erwiderte sie und schloss die Tür hinter sich.

John wartete einen Moment, bevor er sich schließlich räusperte. „Tut mir leid, ich wollte euch nicht stören.“

„Schon gut. Ich sehe sie oft genug. Sie war gerade in der Gegend und wollte die Sachen vorbeibringen. Ihr ist also nichts entgangen“, sagte Lance.

„War das deine Schwester?“

„Ja, das ist Lacie. Ganz schön nervig, was?“, fragte Lance lachend.

„Ich fand sie ganz okay. Draußen hat sie mich auch nicht allzu sehr aufgezogen.“

Lance stutzte. „Wie lange hast du da draußen gestanden?“

„So lange, dass ich’s lieber nicht zugeben will.“

Lance sah ihn noch eine Weile an und wusste nicht, was er sagen sollte. Normalerweise hätte er John gebeten, sich zu setzen und es sich bequem zu machen. Doch er war sich nicht ganz sicher, warum John zu ihm gekommen war, auch wenn er das ungute Gefühl hatte, dass ihm das folgende Gespräch nicht gefallen würde. Nachdem John sich praktisch von ihm zurückgezogen hatte, gab es eigentlich nur eine mögliche Erklärung.

John sah sich um und ließ den Blick auf dem Sofa ruhen. „Kann ich mich setzen?“

Lance rückte zur Seite und machte ihm reichlich Platz. „Klar.“

John setzte sich und bewegte sich dabei so vorsichtig, als bestünde das Sofa aus Papier und dünnem Glas. Dann faltete er die Hände im Schoß und starrte sie an. Für Lance sah es aus, als bereite John sich auf das vor, was er sagen wollte, und versuchte, den Mut dazu aufzubringen.

Lance lächelte, so gut er konnte. „Ist schon okay, John.“

John blickte verwirrt auf. „Was?“

Lance unterdrückte den Impuls, ihm tröstend eine Hand auf den Arm zu legen. „Ich weiß, warum du hier bist. Es ist okay.“

„Äh, echt?“

Lance seufzte. „Ich weiß, dass das alles für dich komisch war und du dir nicht sicher bist. Es ist alles ziemlich schnell gegangen, und ich habe es dir nicht leichter gemacht. Mir ist aufgefallen, wie still du nach der Sache mit dem Foto geworden bist. Ich weiß, dass ich zu weit gegangen bin, und das tut mir leid. Aber es ist okay. Ich verstehe, wenn du das Gefühl hast, Abstand nehmen zu müssen.“

John fiel aus allen Wolken. „Warte, nein, das ist nicht … Du dachtest, ich bin hier, um dir zu sagen, dass ich nicht mehr mit dir reden will?“

„Bist du nicht deswegen hier?“

„Nein!“

Lance lehnte sich zurück. Jetzt verstand er gar nichts mehr. „Okay, warum bist du dann hier, wenn nicht, weil ich dich verschreckt habe?“

John schüttelte den Kopf. „Ich hab noch nicht mal mit dem angefangen, was ich sagen wollte, und schon hab ich’s vermasselt. Das muss man auch erst mal schaffen, oder?“

Lance runzelte die Stirn, gab schließlich nach und nahm Johns Handgelenk. „Hey, mach dich nicht selbst fertig. Ich habe einfach etwas angenommen und mich damit zumindest selbst zum Idioten gemacht. Also sag mir, warum du hier bist.“

„Ich bin nicht gekommen, um dich sitzen zu lassen oder was auch immer du gedacht hast. Es tut mir leid, dass ich nach dem Foto so still geworden bin. Ein Typ, mit dem ich im Wachhäuschen arbeite, hat es vor mir gesehen, und das hat mich ein bisschen aus der Bahn geworfen“, erklärte John.

Lance starrte ihn an. „Warte. Was?“

John lachte kurz auf. „Ja. Erinnerst du dich an den mürrischen Typen, von dem ich dir erzählt habe? Der mich nicht besonders leiden kann?“

Lance nickte. John hatte ihn bei ihrem angetrunkenen Gespräch erwähnt. „Ich erinnere mich.“

„Na ja, er hat es zufällig gesehen. Ich war noch nicht so weit, dass irgendjemand wissen sollte, was in meinem Leben los ist. Jedenfalls nicht, was das angeht. Warte, ist das scheiße von mir?“, fragte John und sah besorgt auf.

Lance lachte. „Nein, finde ich nicht. Wie ich schon gesagt habe, da ist ziemlich viel auf einmal auf dich eingeprasselt. Klar, dass du verwirrt bist. Nicht jeder ist wie ich und lässt sich einfach von seinen Gefühlen treiben. Das hätte ich bedenken sollen.“

John drehte den Arm, ergriff Lance’ Hand und drückte sie. „Das muss ich gleich mal geradebiegen: Du hast mir nicht das Gefühl gegeben, dass du mich unter Druck setzt oder eine Grenze überschritten hast. Eng wurde es höchstens in meiner Hose, als ich das Foto gesehen hab.“

Lance musste lachen. „Du bist ja ein richtiger Poet.“

„Ich meine, du wolltest mich damit doch anmachen, oder?“

„Auf jeden Fall.“

„Mission erfüllt.“

In Lance’ Bauch breitete sich ein prickelndes Glücksgefühl aus. Noch viel schöner war allerdings die Erkenntnis, dass John nicht gekommen war, um die Sache zu beenden und die Flucht zu ergreifen. Das gab ihm Hoffnung, dass er doch nicht alles vermasselt hatte und es für ihn und John vielleicht eine Chance gab.

„Okay, das hättest du also … geradegebogen“, sagte Lance grinsend.

John schnaubte. „Ha, ha, sehr witzig. Aber mir ist es ernst.“

„Okay, ich reiß mich zusammen.“

John nickte und holte tief Luft. „Ich habe nie gedacht, dass ich auf Männer stehe. Ich meine, es gab schon Momente, in denen ich mich stärker zu Männern hingezogen gefühlt habe, als es für einen Heterotypen wohl normal wäre. Aber abgesehen von einem überraschenden Kuss kurz vor meiner Grundausbildung habe ich mit einem Mann nie etwas erlebt, das sich … gut angefühlt hat.“

„Klingt logisch. Du stehst wohl auch auf Frauen, und wenn sich mit Männern vorher kaum Gelegenheiten ergeben haben, haben Frauen wahrscheinlich einfach die größere Rolle gespielt“, sagte Lance.

„Das … ja, das kommt ungefähr hin. Verdammt, es fühlt sich sogar richtig an. Es gab nie einen Mann, auf den ich so stand. Ich hatte einfach nie die Gelegenheit.“

Lance zögerte, bis er endlich den Mut fand zu fragen: „Und jetzt?“

John blickte auf und lächelte schüchtern. „Da hat ein echt süßer Typ mit mir geflirtet, und das hat mich völlig durcheinandergebracht.“

„Hat? Also jetzt nicht mehr?“, fragte Lance. Sein Herz begann zu rasen.

John grinste verlegen. „Ich werde mich … immer noch ein bisschen daran gewöhnen müssen. Ich will nicht so tun, als wäre jetzt alles perfekt und ich hätte schon alles für mich geklärt. Aber komischerweise war dieser Typ von der Arbeit, von dem ich dir erzählt habe, Sloane, wegen des Fotos total entspannt. Er hat mir sogar was zum Nachdenken mitgegeben.“

„Etwas Gutes?“, fragte Lance.

„Na ja, nachdem ich das Foto gesehen hatte und gemerkt habe, wie … heftig es auf mich gewirkt hat, konnte ich wohl gar nicht anders, als darüber nachzudenken, weißt du?“

„Das Foto war also mit ein Grund, warum du so still geworden bist.“

„Ja, aber nicht im schlechten Sinn.“

„Trotzdem hätte ich mit der ganzen Hey-hier-bin-ich-nackt-Nummer wohl besser noch gewartet.“

John streckte die Hand aus und legte sie Lance an die Wange. „Ich sage dir doch, dass mich das Foto und das Gespräch mit Sloane aus dieser seltsamen Gedankenspirale geholt haben, in der ich feststeckte.“

Lance hätte gern einen Witz darüber gemacht, dass sein Körper so gut war, dass er Menschen zu neuen Erkenntnissen verhalf, aber er hielt den Mund. John hatte offensichtlich etwas auf dem Herzen, worüber er reden musste. Da konnte er Lance’ ständige Scherze am allerwenigsten gebrauchen.

„Okay, dann erzähl“, sagte Lance.

John drückte sanft seine Finger. „Mir ist klar geworden, dass ich so sehr damit beschäftigt war, mich zu fragen, ob das zu meinem bisherigen Leben passt, dass ich überhaupt nicht darauf geachtet habe, was ich jetzt gerade fühle. So seltsam es klingt: Durch das Foto, das du mir geschickt hast, wurde mir überdeutlich klar, was ich die ganze Zeit gefühlt habe. Und das Gespräch mit Sloane hat mir gezeigt, dass ich die Sache ohne guten Grund aufgeschoben habe.“

„Wenn man sich unsicher ist, ist das ein ziemlich guter Grund, nichts zu überstürzen. Ich kann das zwar selbst nicht besonders gut, aber ich verstehe, wenn andere erst mal zögern“, sagte Lance sanft.

„Vielleicht. Aber letzten Endes habe ich dadurch etwas nicht an mich herangelassen, das direkt vor meiner Nase war. Und ich wollte es. Ich wollte dich.“

Lance schmiegte sich an Johns Hand und lächelte. „Ja?“

John schmunzelte. „Versteh mich nicht falsch, dieser, äh, Blowjob war der beste, den ich je hatte. Und das Foto hat auf die bestmögliche Weise meine Aufmerksamkeit erregt. Aber wenn es nur darum gegangen wäre, hätte ich es vielleicht ignorieren können. Als ich mal kurz aufhörte, alles zu zerdenken, wurde mir klar, dass ich auch verdrängt habe, wie gern ich mit dir zusammen bin. Ich mag deine Gesellschaft und will weiter Zeit mit dir verbringen. Und so was hier? Dich berühren, mit dir reden und dieses glückliche Lächeln in deinem Gesicht sehen? Genau das will ich.“

„Bist du sicher? Ich meine, wie du schon gesagt hast, das ist eine Menge auf einmal“, fragte Lance. Gegen seine plötzlich wieder aufflammende Nervosität kam er nicht an.

John lächelte, beugte sich vor und zog Lance näher zu sich. Lance ließ sich nur zu gern ziehen und konnte das Lächeln nicht unterdrücken, als Johns Lippen seine berührten. Wärme stieg in ihm auf, während John ihm eine Hand in den Nacken legte. Überrascht gab Lance einen Laut von sich, als John ihn auf seinen Schoß zog. Dort blieb er sitzen, während ihr Kuss leidenschaftlicher wurde.

Lance’ Körper prickelte vor Erregung, als er es sich auf Johns Beinen bequem machte. Kräftige Arme schlangen sich um seinen Rücken und seine Taille und hielten ihn fest. Johns Berührungen waren mutiger geworden; er wirkte viel sicherer.

John löste den Kuss und lehnte sanft seine Stirn gegen Lance’. „Ich bin sicher.“

Lance lachte etwas zittrig. „Okay, überzeugt. Den Preis für den besten Küsser hast du jedenfalls sicher. Zufrieden?“

Johns Hand glitt von seiner Taille über Lance’ Hintern und drückte zu. „Wäre das ein schlechter Moment, um zu fragen, ob ich das Foto noch mal sehen darf? Nur, du weißt schon, in echt?“

Lance grinste verschmitzt. „Fragst du gerade, ob du mich nackt sehen darfst?“

„Ich frage, ob du mich mit ins Bett nimmst.“

Das konnte Lance einrichten.

Kapitel 9

John

Während Lance ihn den Flur entlangführte, konnte John sich nur daran erinnern, dass sein Herz zuletzt bei der Grundausbildung so heftig gepocht hatte. Allerdings hatte er sich damals am Ende übergeben müssen oder war kurz davor gewesen, ohnmächtig zu werden. Jetzt sah er Lance vor sich hergehen, während sie sich dem Schlafzimmer näherten, und war bloß nervös und voller Vorfreude.

Im Schlafzimmer drehte Lance sich zu ihm um, packte Johns Shirt am Saum und zog es hoch. Zu Johns Belustigung musste er selbst zu Ende bringen, was Lance angefangen hatte: Lance war zu klein, um ihm das Shirt über den Kopf zu ziehen. John griff danach und zog es sich aus. Das ließ er natürlich nicht auf sich sitzen und tat dasselbe bei Lance. Im Licht, das durch die Fenster fiel, kam dessen kleinerer, durchtrainierter Körper zum Vorschein.

John streckte die Hände aus, strich über Lance’ Schultern und ließ sie weiter nach unten gleiten. Es war ein bisschen seltsam, über Lance’ nackte Brust zu streichen und unter der glatten Haut nichts als Muskeln zu spüren. Doch als Lance zu ihm aufsah, mit erwartungsvollem Blick und der Unterlippe zwischen den Zähnen, verflog dieses fremde Gefühl.

„Alles okay?“, fragte Lance.

John grinste, schlang die Arme um Lance’ Taille und hob ihn hoch. Lance stieß einen erschrockenen Laut aus, aus dem ein regelrechter Aufschrei wurde, als John ihn zum Bett trug und auf die Decke warf. Er sah auf Lance hinunter, der ausgestreckt dalag und ihn verblüfft ansah, und ihm wurde klar, dass er sich an diesen Anblick schnell gewöhnen konnte.

John kniete sich ans Fußende des Bettes, beugte sich vor und küsste Lance sanft auf den entblößten Bauch, knapp unterhalb der Brustwarzen. Er bedeckte die flache, feste Haut mit einer Reihe von Küssen und spürte, wie sein Körper darauf reagierte. Sein Puls beschleunigte sich, als er nach Lance’ Reißverschluss griff, und sein Magen zog sich vor Aufregung zusammen, während er Lance’ Hose öffnete und ein knallbuntes Suspensorium zum Vorschein kam.

John hielt inne und sah zu Lance hoch. „Trägst du etwa ein Suspensorium?“

Lance blinzelte ihn unschuldig an. „Was denn? Die sind bequem.“

„Und dass dein Arsch darin bestimmt richtig gut zur Geltung kommt?“, fragte John.

„Ein rein zufälliger Nebeneffekt.“

„Aha.“

„Und woher weißt du, dass so ein Ding einen Arsch gut zur Geltung bringt?“

„Weil ich offenbar bi bin. Überraschung.“

Lance lachte, und John nutzte die Gelegenheit, ihm die Jeans auszuziehen. Tatsächlich trug Lance darunter nur das Suspensorium: den Beutel, in dem sich sein Schwanz sichtbar abzeichnete, und die Bänder um seine Taille und die Rückseiten seiner Oberschenkel.

John strich über Lance’ entblößte Haut, dann streichelten seine Finger den prall gefüllten Beutel. Als seine Fingerspitzen Lance’ harten Schwanz streiften, sog der kleinere Mann die Luft ein und schob die Hüften nach vorn. Lance’ Beinhaare waren fein, und John ließ sich einen Moment Zeit, die Muskeln in seinen Beinen und ihre Wärme zu spüren.

Er wollte ihn nicht nur berühren, also beugte er sich vor und drückte sein Gesicht zwischen den Beutel und Lance’ Oberschenkel. Er presste die Lippen auf die empfindliche Haut, küsste sie und ließ seine Zunge daran entlang nach oben gleiten.

„Oh, Scheiße“, stöhnte Lance.

John öffnete erneut den Mund, schloss die Lippen um die Stelle, an der Lance’ Oberschenkel in die Hüfte überging, und saugte sanft daran. Die Reaktion kam sofort: Lance drückte die Hüften hoch, und seine Finger krallten sich fest in die Bettdecke. John hatte eine Ex gehabt, die genau dort besonders empfindlich gewesen war, und freute sich, dass es bei Lance ebenfalls funktionierte.

Er folgte seinem Instinkt statt den Gedanken, die ihm durch den Kopf wirbelten, und schob den Stoff über Lance’ Schwanz zur Seite. Nackte Männer waren für John nichts Neues. Durch seine kurze Zeit in der Baseballmannschaft seiner Highschool und später beim Militär war er ihren Anblick ziemlich gewohnt. Doch Lance’ nackter Körper und sein erwartungsvoll aufragender Schwanz ließen Johns Mund trocken werden und sein Herz noch heftiger schlagen.

Er nahm Lance’ Schwanz in die Hand und bewegte sie ein paarmal probeweise daran auf und ab. Er war glatt und warm und pochte mit jedem Schlag von Lance’ Herz. Statt sich seltsam anzufühlen, ließ es John vor Erregung prickeln, als er sich darüberbeugte.

Lance sah ihn mit großen Augen an, während John mit der Zunge über die Spitze leckte, von der Unterseite der Eichel bis darüber hinweg. Der Geschmack war nicht unangenehm, und bei dem Gedanken, dass er Lance schmeckte, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er schloss die Lippen um die Spitze und saugte sanft daran. Dabei versuchte er, es so zu machen, wie andere es bei ihm getan hatten.

Lance bog leicht den Rücken durch und schob sich in Johns Mund, sodass die Eichel über dessen Lippen und Zunge glitt. Sein Schwanz pochte erneut, diesmal in Johns Mund, während John mit der Zunge an der Unterseite entlangfuhr. Lance’ Geschmack breitete sich auf seiner Zunge aus. Der Schwanz glitt noch ein Stück tiefer, stieß hinten an, und sofort zog sich Johns Kehle zusammen.

John zog sich hustend zurück. „Scheiße, tut mir leid.“

Lance lächelte und ließ die Hände an Johns Armen hinaufgleiten. „Würgereflexe sind echt scheiße.“

„Du hattest damit keine Probleme“, bemerkte John.

Lance gluckste. „Übung. An mir kannst du jederzeit üben.“

„Und mir ein paar Tipps geben, hm?“

Lance grinste. „Na klar.“

„Okay, was für Tipps hättest du denn für mich, wenn es darum geht, dich … vorzubereiten?“, fragte John mit einem Blick nach unten.

Lance öffnete den Mund und schloss ihn wieder, als er Johns Blick zu seinem Unterkörper folgte. In seinen Augen blitzte Erkenntnis auf, dann weiteten sie sich überrascht. John war sich nicht sicher, ob Lance bereit war, so weit zu gehen. Doch er sagte sich, dass er es ganz oder gar nicht machen wollte.

Lance rollte sich auf die Seite, öffnete eine Schublade im Nachttisch und holte eine Flasche und eine Kondompackung heraus. John nahm beides, legte das Kondom neben sich und sah Lance an.

Lance hob die Hand und wackelte mit den Fingern. „Gleitgel und Finger.“

John gefiel, dass Lance ihm nicht mehr erklären musste. Offenbar traute er ihm zumindest genug Grundwissen zu, um zu wissen, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Im Prinzip musste es ungefähr dasselbe sein, dachte John. Er öffnete die Flasche Gleitgel, verteilte etwas davon auf seiner Hand und ließ es warm werden.

Lance grinste, hob ein Bein und rollte sich auf den Bauch. John hielt in der Bewegung inne, als er Lance so vor sich liegen sah. Der freie Blick auf seinen Rücken und die Rundung seines Arsches waren in echt noch viel besser, und das bisschen Stoff von Lance’ Suspensorium rahmte das Bild in Johns Kopf perfekt ein.

John griff nach unten und strich über den Muskelring an Lance’ Hintern. Er drückte den Finger hinein und sog die Luft ein, als er langsam hineinglitt und plötzlich von Wärme umschlossen wurde. Ein Finger war für Lance vermutlich keine große Sache, trotzdem beobachtete John seinen Körper aufmerksam auf jedes Anzeichen von Unbehagen, während er den Finger ganz hineinschob.

Lance wand sich leicht und ließ ein leises, wohliges Summen hören. „Da muss mehr als einer rein.“

John musste grinsen. Das hatte er sich selbst schon gedacht, aber er schätzte Lance’ Hinweis trotzdem. Er zog den Finger zurück und nahm einen zweiten dazu. Diesmal war der Widerstand deutlicher, weil Lance’ Muskeln sich weiter dehnen mussten.

John bewegte sich vorsichtig und gab Lance Zeit, sich daran zu gewöhnen. Er achtete darauf, die beiden Finger weder zu schnell noch zu fest hineinzuschieben. Als er sicher war, dass Lance bereit war, nahm er einen dritten dazu und biss sich auf die Unterlippe, während er spürte, wie die intensive Hitze und der Druck um seine Finger zunahmen.

Lance drückte den Kopf gegen die Matratze und schob John seinen Hintern entgegen. „Okay, das reicht.“

John erstarrte. „Mach ich was falsch?“

„Nein, aber wenn du mich ficken willst, dann tu’s“, keuchte Lance.

John brauchte einen Moment, um die Worte sacken zu lassen, dann kam Bewegung in ihn. Er zog die Finger heraus, griff nach dem Kondom und dem Gleitgel und machte sich ans Werk. Er rollte das Kondom über seinen schmerzhaft harten Schwanz, beugte sich über Lance und drückte die Spitze dorthin, wo eben noch seine Finger gewesen waren.

Lance bewegte die Hüften und schob sich zurück, sodass John beinahe in ihn eingedrungen wäre. John verstand den Wink und drückte sich vorwärts. Er spürte nur einen kurzen Widerstand, bevor er den Muskelring überwand. Ein tiefes Stöhnen kam über seine Lippen, als die intensive Hitze und der Druck seinen Schwanz umschlossen. Es fühlte sich an, als würde Lance ihn in sich hineinziehen.

John beugte sich über Lance’ Körper und schob sich Stück für Stück tiefer in ihn. Unter ihm ließ Lance ein verzweifeltes Wimmern hören, das in ein tiefes Stöhnen überging – vor Lust, da war John sich sicher. Es fühlte sich an, als dauerte es zugleich überhaupt nicht lange und eine Ewigkeit. Schließlich sah er, wie auch der letzte Rest seines Schwanzes in Lance verschwand und er ganz in ihm steckte.

Lance stöhnte erneut und reckte sich, um Johns Arm zu küssen, der sich um ihn legte. „Oh Gott, du fühlst dich so gut an.“

John hätte Lance gern gesagt, dass es ihm genauso ging, doch er konzentrierte sich darauf, ruhig zu bleiben. Er hatte nicht geahnt, wie gut es sich anfühlen würde, in Lance zu stecken, oder wie sehr die Geräusche, die Lance machte, sein Verlangen anfachen würden. Er wollte sich bewegen, sich erneut in Lance stoßen, nur um ihn aufschreien und stöhnen zu hören.

„Alles okay?“, fragte John mit zitternder Stimme.

„Bin ich, sobald du dich bewegst“, sagte Lance lachend.

Mehr brauchte John nicht. Er zog die Hüften zurück und drang erneut in Lance ein. Er stützte sich ab und bewegte die Hüften vor und zurück, während er zusah, wie sein Schwanz in der engen Hitze verschwand. Er hätte nicht sagen können, was erregender war: zuzusehen, wie er Lance fickte, zu sehen, wie Lance’ Körper sich bei jedem Stoß wand, oder die Laute zu hören, die über Lance’ Lippen kamen.

Beinahe hätte er sich dieses unglaubliche Erlebnis entgehen lassen.

Er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf den Augenblick. John beugte sich vor und küsste Lance’ Schultern sanft, während er in ihn stieß. Lance bog sich ihm entgegen und drehte den Kopf, um Johns Lippen zu finden, während er dessen Namen stöhnte. John küsste ihn, und Lust durchströmte ihn, als Lance’ Stöhnen bei jedem Stoß in seinen Ohren widerhallte.

John wusste, dass er kurz davor war, wollte aber, dass Lance zuerst kam. Also zog er sich aus ihm zurück. Bevor Lance mehr als ein protestierendes Stöhnen von sich geben konnte, drehte John ihn um und hob ihn hoch. Er setzte sich aufs Bett und zog Lance auf seinen Schoß. Lance begriff, was John vorhatte, stützte sich mit den Beinen ab und brachte sein Loch über Johns hartem Schwanz in Position, bevor er sich langsam darauf sinken ließ.

Während Lance Johns Schwanz in sich aufnahm, schloss John die Finger um Lance’ harten Schwanz. Lance stieß einen tiefen Laut aus und ließ sich die letzten Zentimeter fallen, sodass John ganz in ihn eindrang. Während Johns Hand seinen Schwanz umfasste, hob und senkte Lance sich in einem stetigen, wenn auch unregelmäßigen Rhythmus.

Dann ließ Lance sich ein letztes Mal fallen und nahm John ganz in sich auf. Sein Schwanz pochte in Johns Hand. Warme Spritzer landeten auf ihren Körpern, als Lance aufschrie und sich an John festklammern musste, während die Lust ihn durchzuckte. John stieß ein ersticktes Keuchen aus, als Lance’ Körper sich um ihn zusammenzog, ihn fest umschloss und ihn schließlich über die Schwelle zum Orgasmus trieb.

Die Lust brandete durch John, erfüllte seinen Körper und seine Gedanken, während er Lance fest an sich hielt und ihn nicht loslassen wollte. Die Sekunden verstrichen, und irgendwann merkte er, dass er sich wieder bewegen konnte, obwohl Lance schlaff in seinen Armen lag.

Vorsichtig hob er Lance an, sodass sein Schwanz langsam aus ihm glitt. Dann half er ihm, sich auf die Seite zu legen. Er ließ Lance keuchend und seufzend liegen und stand vom Bett auf. Auf wackligen Beinen ging John ins Bad, um das Kondom abzuziehen und sich mit einem Waschlappen abzuwischen.

Danach wusch er den Lappen aus, hielt ihn unter warmes Wasser und wrang ihn aus, bevor er ins Schlafzimmer zurückkehrte. In der Tür blieb er stehen und musste ein wenig lachen, als er Lance ansah.

Tief und fest eingeschlafen.

„Da hab ich wohl was richtig gemacht“, sagte John schmunzelnd und ging zum Bett, um die Aufgabe zu Ende zu bringen, die er sich selbst gestellt hatte: Lance sauber zu machen.

Reden konnten sie später.

Es dauerte über eine Stunde, bis Lance sich endlich im Schlaf regte. Während er geschlafen hatte, hatte John sich neben ihn gelegt. Lance hatte im Schlaf die Arme um Johns Taille geschlungen und den Kopf auf seine Brust gebettet. John hätte noch so lange dort liegen können, wie Lance es brauchte. Er hatte sein Handy geholt und still gelesen, während er Lance sanft durchs Haar strich.

Lance blinzelte zu ihm hoch, mit noch ganz verschlafenem, benommenem Blick. „Oh, hey, du bist noch da.“

John sah mit gerunzelter Stirn auf ihn hinunter. „Hast du gedacht, ich wäre weg?“

„Das sollte eigentlich erfreut klingen“, sagte Lance und schmiegte sich an Johns Brust.

„Klang eher verwirrt“, sagte John lachend.

Lance küsste ihn in die Seite und lächelte. „So war’s nicht gemeint. Tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin.“

„Ich hab’s als Kompliment genommen.“

„Gut, denn genau das war es. Bis du deinen Würgereflex loswirst, brauchst du vielleicht noch ein bisschen Übung, aber beim Rest ganz sicher nicht. Gott.“

Grinsend legte John einen Arm um Lance’ Schultern und zog ihn näher an sich. Komisch, dass ihm diese Geste früher vielleicht seltsam vorgekommen wäre – so mit einem Mann zu kuscheln. Doch je mehr er mit Lance erlebte, desto deutlicher wurde ihm, dass sich daran nichts falsch anfühlte, sondern alles einfach nur gut.

Lance sah zu ihm hoch und kniff die Augen zusammen. „Du denkst nach.“

„Hab ich. Nur kurz, ’tschuldige.“

„Worüber?“

„Hm, darüber, dass du recht hattest. Ich kann auf Männer und Frauen stehen, und das ist okay.“

„Sag ich doch.“

John lachte. „Und ich will mit dir essen gehen.“

Lance’ Gesicht hellte sich auf. „Fragst du mich gerade nach einem Date?“

„Na ja, wir hatten schon Sex. Technisch gesehen zweimal. Da gehört es sich doch, dich hinterher zum Essen einzuladen.“

„Eigentlich macht man das andersrum.“

„Stimmt, aber daran bist du schuld.“

Lance öffnete den Mund, dann schnaubte er. „Okay, stimmt auch wieder.“

„Ich kenne ein richtig gutes italienisches Restaurant am anderen Ende der Stadt“, schlug John vor.

Lance’ Augen wurden groß. „Reggio’s?“

John hatte vergessen, dass Lance wahrscheinlich jedes Restaurant in der ganzen Stadt kannte. Zumindest alle, in denen sich ein Besuch lohnte.

„Genau das.“

„Verdammt, selbst wenn du nicht teuflisch gut aussehen, witzig und süß und noch dazu verdammt gut im Bett wärst, würde ich dazu Ja sagen. Dass ich das alles und obendrein Reggio’s bekomme, ist ein Riesenbonus.“

„Also ist es ein Date?“, fragte John.

Lance grinste breit. „Ein Date.“

John zog Lance zu sich hoch und küsste ihn. Das war ein guter Anfang, sagte er sich.

Epilog

Sechs Monate später

John wirbelte seinen Schlüsselbund herum, als er die Autotür hinter sich schloss, und summte vor sich hin, während er den Gehweg entlanglief. Die Sonne stand hell über ihm, kaum eine Wolke war zu sehen. Das musste er Lance lassen: Der Mann wusste, wie man sich einen Tag für den Strand aussuchte.

Auf halber Treppe hörte er die Tür des Wohnhauses unten aufgehen und sah, wie Lacie auf ihn zukam.

Sie blieb am Fuß der Treppe stehen und grinste schief. „Willst du wieder vor der Tür rumlungern?“

„Hast du eigentlich vor, das irgendwann mal gut sein zu lassen?“, fragte John.

„Lance hat mich mal gezwungen, seinen Computer zur Reparatur zu bringen, weil er sich einen üblen Virus eingefangen hatte. Wegen dem ganzen Schwulenporno darauf stand ich da wie der letzte Perversling, und das kriegt er bis heute zu hören. Du hast keine Chance“, sagte Lacie, als sie zu ihm auf den Treppenabsatz hochjoggte.

„War einen Versuch wert“, seufzte John.

„Lance hat mir erzählt, du wärst nicht in der Stadt“, sagte Lacie, während sie nach dem Schlüssel zu Lance’ Wohnung fischte.

„Ich hab meine Familie besucht.“

„Oh ja? Und, wie war’s?“

John lachte verlegen. „Ein bisschen komisch. Sie müssen sich immer noch daran gewöhnen, dass ich mit einem Typen zusammen bin.“

Die Tür ging weit auf und gab einen breit grinsenden Lance frei. „Mit einem unheimlich süßen Typen.“

John beugte sich hinunter und gab Lance einen Begrüßungskuss. „Mit einem außergewöhnlich süßen Typen.“

Lacie hob eine Braue. „Für zwei Leute, die sich seit über einer Woche nicht gesehen haben, war das ein ziemlich lahmes Wiedersehen, so kenn ich Lance ja gar nicht.“

„Vielleicht bin ich ruhiger geworden, seit ich einen festen Freund hab?“, meinte Lance.

John grinste. „Ich hab letzte Nacht hier übernachtet, als ich wieder in der Stadt war.“

Lance zog eine Schnute. „Du hättest sie wenigstens mal kurz ins Grübeln bringen können.“

„Träum weiter“, sagte Lacie, als sie in die Wohnung trat.

Lance ließ den Blick über John gleiten. „Sonnencreme?“

John hielt die Flasche hoch und wackelte damit. „Frisch aus dem Regal. Jetzt kann uns die Sonne nichts mehr anhaben.“

Lance brummte zustimmend. „Deine Mom hat angerufen.“

John blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Wie bitte?“

„Du musst echt mal ein Passwort auf dein Handy machen, Schatz. Anders kann sie nicht an meine Nummer gekommen sein.“

Er machte sich keine Sorgen darüber, dass seine Mutter bei Lance angerufen hatte. Sie war die Erste gewesen, die die Sache mit ihm und Lance völlig entspannt aufgenommen hatte. Seine Brüder hatten gemischt reagiert, aber er wusste, dass das schon werden würde. Sein Dad dagegen versuchte immer noch zu kapieren, wie John mit einem Typen zusammen sein konnte, ohne schwul zu sein. John fand, es wäre besser, seinem Vater Zeit zu geben, das in Ruhe zu verarbeiten, bevor er ihm noch mehr zumutete.

„Und?“, fragte John.

„Sie wollte reden, den Menschen kennenlernen, mit dem ihr Sohn zusammen ist. Sie meinte, sechs Monate wären für sie schon ziemlich ernst, und dann hat sie mir gesagt, ich soll dir nicht das Herz brechen und mir von dir keinen Scheiß gefallen lassen“, sagte Lance.

„Das … ja, das klingt nach ihr“, lachte John.

Lacie tauchte mit einem Korb voller Kram und einem Arm voller Handtücher auf. „Ich glaube, ich mag deine Mom.“

„Irgendwas sagt mir, dass Lance sie bald kennenlernen wird“, sagte John und nahm ihr den Korb ab.

Und vielleicht konnte er Lance ja eines Tages mitnehmen, wenn er seine Familie zu Hause besuchte, damit er sah, wo John aufgewachsen war. Die letzten sechs Monate waren die besten in Johns Leben gewesen, und er freute sich darauf, was die Zukunft für sie bereithielt. Und wer wusste, vielleicht würden sie sich eines Tages sogar zusammen niederlassen, mit Eheringen an den Fingern.

Lance kam mit einer kleinen Kühlbox zurück und nahm mit der anderen Johns Hand. „Ich glaube, wir sind startklar.“

„Ja, kann losgehen“, sagte John und drückte Lance die Hand, während sie zur Tür hinausgingen.

Ende

© 2019 Books Unite People LLC (englische Version) · © 2026 Books Unite People LLC (deutsche Version) · Alle Rechte vorbehalten.

Hat sie dir gefallen?

Was du als Nächstes lesen kannst

Wenn dir John und Lance gefallen haben, sind das meine Tipps für danach. Alle Bücher kannst du mit Kindle+ (früher Kindle Unlimited) lesen.

Cover: Seit wann steh ich auf Männer?

Fort Dale, Band 1

Seit wann steh ich auf Männer?

Die Geschichte von Dean und Sloane: beste Freunde, eine etwas zu feuchtfröhliche Nacht – und danach ist nichts mehr, wie es war.

Mit Kindle+ lesen
Cover: Ein Spiel mit dem Feuer

Nur zum Schein

Ein Spiel mit dem Feuer

Zwei Feuerwehrmänner, eine vorgetäuschte Beziehung und Gefühle, mit denen keiner von beiden gerechnet hat. Helden von Port Dale, Band 1.

Mit Kindle+ lesen
Cover: Feindschaft mit Vorzügen

Erst Feinde, dann mehr

Feindschaft mit Vorzügen

Fünfzehn Jahre ist Mason Jace aus dem Weg gegangen. Kaum ist er zurück in der Stadt, hält ihn ausgerechnet Jace an – der Cop, der in der Schule sein Erzfeind war. Finding the Right Brother, Band 1.

Mit Kindle+ lesen

Du liest auf dem Kindle?

So kommt die Geschichte auf deinen Kindle

  1. Lade oben die EPUB-Datei herunter.
  2. Schick sie über Amazons „Send to Kindle“-Seite oder -App an deinen Kindle. Du kannst die Datei auch an deine Kindle-E-Mail-Adresse mailen (deine Absenderadresse muss dafür in deinem Amazon-Konto freigegeben sein).
    Send to Kindle
  3. Nach ein paar Minuten ist die Geschichte in deiner Kindle-Bibliothek und du kannst loslesen.

Auf dem iPhone oder iPad? Tippe auf die EPUB-Datei und öffne sie in Apple Books.

Tolino? Lade die EPUB-Datei über den Webreader oder die Tolino-App in deine Tolino Cloud hoch. Nach dem Synchronisieren ist sie auf deinem Reader. Oder du ziehst sie per USB-Kabel direkt auf den Reader.

Noch mehr für dich

Bonusszenen zu meinen deutschen Büchern findest du auf meiner Bonusseite.

Zu den Bonusszenen