Bonusszenen · Die Männer aus Fairlake

Für immer Du

Für immer Du – Romeo Alexander

Zwei Bonusszenen mit Chase und Devin – als Dankeschön an meine Newsletter-Leser.

Spoiler-Warnung: Lies die Szenen am besten erst, wenn du das Buch beendet hast.

Szene 1: Chase ↓  ·  Szene 2: Der alternative Epilog ↓

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Anmerkung des Autors

Ein paar Worte vorab

Es ist mal wieder so weit: Die Geschichten meiner Figuren gehen mir nicht aus dem Kopf, selbst nachdem ich ein Buch geschrieben, überarbeitet und veröffentlicht habe. So ist es auch mit Chase und Devin, zwei Figuren, die sich hartnäckig weigern, sich zu benehmen. Wenn du ihr Buch gelesen hast, verstehst du sofort, dass das perfekt zu ihnen passt. Und wenn nicht und du den beiden hier zum ersten Mal begegnest, dann solltest du wissen, dass sie so dickköpfig und launisch sind, wie meine Figuren manchmal sein können. Und das meine ich so liebevoll wie nur möglich: Sie sind Nervensägen, jeder auf seine Art, aber sie sind meine Nervensägen.

Jedenfalls habe ich ein paar Bonusszenen für dich, die es nie ins Buch geschafft haben, einfach weil … na ja, manche Szenen passen eben nicht. Solche Szenen geistern mir manchmal im Kopf herum, bis sie von selbst verschwinden – oder, wie in diesem Fall, so lange bleiben und mich nerven, bis ich sie aufschreibe.

Für alle, die Für immer Du gelesen haben, gibt es hier also noch ein bisschen mehr Chase und Devin – und alle anderen bekommen einen ersten Einblick in die beiden. Passend zu ihrer Geschichte wird es beim Lesen anfangs ein wenig wehtun, denn Schmerz war schon immer ein Teil ihres Lebens, und dem kann man nicht wirklich entkommen. Aber keine Sorge, wie ich es immer verspreche: Es ist nicht nur Schmerz, es gibt auch jede Menge Liebe und Geborgenheit.

So, genug geschwafelt – hier sind die Bonusszenen!

Zum Einstieg gibt es eine kurze Szene, die ich für das Buch geplant hatte, aber aus Platzgründen streichen musste. Ehrlich gesagt war sie ein bisschen zu lang, um als richtige Rückblende mitten in einem Kapitel zu funktionieren, aber nicht lang genug, um als eigenes Kapitel zu bestehen. Und als ich sie dann aufgeschrieben und mir noch einmal angesehen hatte, war klar, dass sie das Buch nur überladen hätte. Im Nachhinein bin ich also froh, dass ich sie weggelassen habe.

Dennoch teile ich sie hier mit dir, zusammen mit der anderen Bonusszene. Und ja, ich sage es gleich vorweg: Beide Szenen sind aus Chases Sicht erzählt. Bei ihm musste ich am meisten kürzen. Nicht, dass ich ihn nicht interessant genug gefunden hätte, um ihn ins Rampenlicht zu stellen, aber so, wie sich die Geschichte entwickelt hat … na ja, Devins Weg hatte großen Einfluss darauf, welche Richtung die Geschichte genommen hat.

Trotzdem liebe ich diesen riesigen Brummbären namens Chase, also bekommst du hier noch mehr von ihm!

Szene 1

Chase

„Was soll das verdammt noch mal heißen?“, fuhr ich ihn an und drehte mich mit aufgerissenen Augen zu ihm um.

Devin zog den Kopf ein und drückte das Kinn gegen die Schulter, als er den Blick von mir abwandte. Wir waren schon zu lange befreundet, als dass ich diese Geste der Scham nicht erkannt hätte, doch der Muskel an seinem Kiefer zuckte – ein Zeichen, dass der Trotz jedes Schuldgefühl überlagerte. Und tatsächlich: Als er endlich aufsah, funkelten seine Augen mich unbeirrt an, und ich fragte mich, ob das einer dieser seltenen Momente werden würde, in denen er die Krallen ausfuhr – gegen mich.

„Das heißt, ich gehe weg“, sagte er und reckte trotzig das Kinn, als würde ihm erst jetzt bewusst, dass er vor mir zurückgewichen war. Normalerweise fuhr ich ihn nicht an. Das hob ich mir für die Idioten dieser Welt auf, und die waren eindeutig in der Überzahl. Ich hasste es, dass er jedes Mal zusammenzuckte, wenn ich lauter wurde. Ich wusste, dass er mich nicht für eine Bedrohung hielt, aber zu viele Jahre mit seinem Arschloch von Vater hatten ihm diesen Reflex eingebrannt.

Devin mochte noch so genau wissen, dass ich ihm nie wehtun würde – sein Körper sagte ihm, dass Wut Schmerz bedeutete und dass man ihn nur verhindern konnte, indem man sich so klein und kleinlaut wie möglich machte. Fast unsere ganze Kindheit lang hatte ich mir gewünscht, den Mut zu haben, den Bastard umzubringen und Devin noch mehr Leid zu ersparen, aber am Ende war das gar nicht nötig. Jemand anderes hatte beschlossen, dass es mit seinem Sadismus genug war, denn natürlich hatte der Mann ihn nicht nur an seinem Sohn und seiner verstorbenen Frau ausgelassen. Nein, er hatte die ganze Stadt daran teilhaben lassen.

Mit der Vorstellung eines gütigen Gottes hatte ich mich nie so recht anfreunden können, aber falls es ihn gab und er auch nur einen Funken Gerechtigkeitssinn besaß, dann schmorte Devins Vater jetzt im tiefsten Loch der Hölle.

„Und wohin?“, fragte ich und schob das schlechte Gewissen beiseite, weil ich unabsichtlich Devins Angstreflex ausgelöst hatte. Verdammt, ich wollte ihm keine Angst machen, aber das war einfach zu viel für mich.

„Nach Kalifornien“, sagte er und presste die Lippen aufeinander.

„Herrgott“, murmelte ich und fuhr mir übers Gesicht – ein kläglicher Versuch, ruhig zu bleiben. Es war nicht gerade das andere Ende des Landes, aber eben auch nicht nur ein paar Stunden entfernt.

So weit voneinander entfernt waren wir noch nie gewesen, jedenfalls nicht, seit wir uns als Kinder kennengelernt hatten. Es waren immer wir zwei gegen den Rest der Welt gewesen, und wir standen uns genauso nah wie das weitaus bekanntere Freundesduo Bennett und Adam. Bei seinem Scheißvater und meiner Mutter, die sich den Arsch aufriss, damit wir ein Dach über dem Kopf hatten, und deshalb kaum zu Hause war, blieb Devin und mir gar nichts anderes übrig, als uns aufeinander zu verlassen.

Und jetzt wollte er gehen? Jetzt, wo sein Vater endlich weg war, wo wir mit der Schule fertig waren und die Chance hatten, zu tun, was wir wollten, so wie wir immer davon geredet hatten, wollte er mich einfach zurücklassen?

Mir kam ein Gedanke, und ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg. „Das ist wegen ihm, oder?“

Ich sah, wie Devin sich bemühte, keine Miene zu verziehen, doch seine Hände ballten sich an seinen Seiten zu Fäusten und verrieten, was er zurückzuhalten versuchte. „Er hat einen Namen. Er heißt David.“

„Ich weiß, wie er heißt“, blaffte ich und ballte, ohne es zu merken, genau wie er die Hände zu Fäusten. „Schließlich redest du über nichts lieber als über ihn.“

„Keine Ahnung, was dein Scheißproblem ist, aber hör auf, so über ihn zu reden“, fauchte Devin mich an.

„Vielleicht täte ich das, wenn du mir ab und zu mal zuhören würdest“, schleuderte ich ihm entgegen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber nein, Devin weiß ja, was das Beste ist. Devin hört zum allerersten verdammten Mal in unserem Leben nicht auf mich.“

„Vielleicht hat das was damit zu tun, dass du dich gerade wie ein noch größeres Arschloch aufführst als sonst“, sagte er und stemmte sich mit einem Grunzen hoch.

Stimmt, was David anging, war ich ein noch größerer Mistkerl als sonst, aber dafür hatte ich einen verdammt guten Grund. Der Kerl war ein Schmierlappen durch und durch und für meinen Geschmack eine Spur zu aalglatt. Devin mochte Davids lässiges Lächeln charmant und seine lockeren Sprüche witzig finden, doch ich sah nur jemanden, der es verdammt noch mal zu sehr darauf anlegte, gut anzukommen. Zugegeben, darin war er ziemlich gut, aber es wirkte aufgesetzt – wie eine Maske, die er sich überstreifte, damit niemand auf die Idee kam, dahinterzuschauen.

Dazu kam, dass ich nicht nur eine Hand, sondern gleich beide dafür ins Feuer gelegt hätte, dass David nichts als Ärger bedeutete. Beweise hatte ich keine, aber irgendetwas sagte mir, dass jeder, der sich mit David einließ, geradewegs auf den Abgrund zusteuerte. Und wenn ich dabei an Devin dachte, jagte mir das eine Scheißangst ein, denn er bewegte sich im Leben ohnehin schon auf einem schmalen Grat. Wenn mein Gefühl mich nicht trog, würde Devin nur allzu leicht irgendwo im Elend landen – und dann wäre ich nicht mehr da, um ihn da rauszuholen.

„Und du bist sturer als sonst“, schnauzte ich, obwohl ich verdammt genau wusste, dass ich meiner Sache damit keinen Gefallen tat. „Du eröffnest mir mal eben, dass du weggehst, und erwartest, dass ich das einfach … okay finde? Dass du mit dem Kerl abhaust, von dem ich dir immer wieder klarzumachen versuche, dass er nichts als Ärger bedeutet?“

Etwas huschte über sein Gesicht, und welches Gefühl es auch sein mochte, es schnürte mir die Brust zu. Es war verschwunden, bevor ich genau sagen konnte, was ich gesehen hatte, und zurück blieben nur seine Wut von vorhin und meine Verwirrung.

„Was denn, erwartest du etwa, dass ich in Fairlake bleibe, nur weil du hier bist?“, fragte er, und seine Stimme wurde lauter. „Herrgott noch mal, Chase, du solltest dich freuen, dass ich hier rauskomme. Verdammte Scheiße, diese ganze Stadt steckt voller Erinnerungen, die elender nicht sein könnten, und jetzt habe ich die Chance, mit jemandem von hier wegzukommen, dem ich wichtig bin.“

„Mir bist du wichtig!“, brüllte ich schließlich und gab der Verzweiflung nach, die stetig in meiner Brust anschwoll. „Du bist mir verdammt noch mal wichtig, ich liebe dich, und das schon seit Jahren! Und jetzt willst du einfach … einfach gehen?“

„Das ist nicht dasselbe“, sagte er leise und sah weg.

„Du meinst, es ist nicht genug“, blaffte ich und konnte nicht verhindern, dass die Wut mich packte. „Ich bin dir nicht genug.“

Er wich meinem Blick aus. „Nein, bist du nicht. Es ist nicht genug.“

Mit einem Mal war die Wut verflogen, als wäre in mir hörbar etwas zerbrochen, und ich starrte ihn nur noch leer an. Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Nicht, wenn es mit Abstand das Schlimmste war, was ich aus seinem Mund gehört hatte, seit er mir damals erzählt hatte, dass seine Mutter gestorben war.

„Devin“, brachte ich krächzend heraus, und meine Arme sanken herab.

„Es tut mir leid, Chase, wirklich“, sagte er leise, die Hand auf der Türklinke, den Blick starr auf den Boden gerichtet. „Vielleicht, wenn die Dinge –“

„Welche Dinge?“

„Es … na ja, eben Dinge.“

Und da wusste ich, was ich schon seit ein paar Jahren vermutet hatte: Devin hatte ein Geheimnis vor mir. Nicht irgendein Geheimnis, sondern eines, das ihm sehr viel bedeutete und von dem er glaubte, es mir nicht erzählen zu können. Aus welchem Grund auch immer hatte sich schon lange vor diesem Moment etwas zwischen uns aufgetan, und jetzt fragte ich mich unwillkürlich, wie tief der Graben inzwischen war, ohne dass ich es bemerkt hatte.

„Wir fahren morgen früh“, sagte Devin, und das war ein weiterer Schnitt in meine ohnehin schon zerschnittene Brust. „Ich … das hier ist ein Abschied. Zumindest vorerst. Ich rufe dich an, wenn wir uns eingerichtet haben, aber … es wird zu schwer, wenn du bei der Abfahrt dabei bist, also bitte –“

„Devin“, flüsterte ich. Ich hörte das Flehen in meiner Stimme, aber mir fiel nichts anderes ein, was ich hätte sagen können. In diesem Moment wurde mir klar, dass nichts, was ich sagen konnte, etwas an den nächsten Minuten ändern würde. Oder, verdammt, am nächsten Tag.

„Mach’s gut“, sagte er so leise, dass ich es fast überhört hätte, öffnete die Tür und ging hinaus.

Ich stand in meinem Zimmer, starrte auf die geschlossene Tür und zuckte zusammen, als ich hörte, wie die Haustür hinter Devin ins Schloss fiel. Meine Mutter hatte wieder Schicht im Gemischtwarenladen, und so blieben nur das Geräusch meines Atems und das Ticken der Uhr im Flur direkt vor meinem Zimmer.

Und ich hätte schwören können, dass unter alldem noch ein anderes Geräusch lag: das meines Herzens, das in tausend Stücke zersprang, die sich zu meinen Füßen über den Boden verteilten.

Szene 2

Der alternative Epilog

Eine Anmerkung zu diesem Epilog

Diese Szene ist weniger eine gestrichene Szene als vielmehr … na ja, stell sie dir wie einen alternativen Epilog zu dem im eigentlichen Buch vor. Ich war wirklich hin- und hergerissen, ob ich diesen eher ‚klassischen‘ Epilog schreiben sollte – wenn auch kürzer als die Fassung, die du hier liest – oder den, der schließlich im Buch gelandet ist.

Ich stehe zu meiner Entscheidung für den Epilog im Buch. Er hat sich für die beiden einfach richtig angefühlt. So groß die Versuchung auch war, die beiden als gefestigtes Paar zu zeigen, das seine Probleme hinter sich gelassen hat – am Ende wollte ich zeigen, wie Devin von einer Reise zurückkehrt, die er allein antreten musste, und endlich wirklich auf dem Weg der Heilung ist. Trotzdem ließ mich dieser alternative Epilog nicht los, und ich musste ihn zu Papier bringen, bevor er mich in den Wahnsinn trieb.

Also bitte schön: ein ‚richtiger‘ Epilog für dich, in dem du die beiden als Paar erlebst, auch als Onkel – inklusive Ärger mit einer Karen, die Stunk macht.

„Bist du sicher, dass das für dich okay ist?“, fragte ich Devin leise, während ich die nächste Abzweigung nahm, die mir mein Handy ansagte.

„Chase“, sagte Devin in einem Ton, der zugleich genervt und beruhigend klang. „Ob du’s glaubst oder nicht, für mich ist das mehr als okay. Es ist nur eine Stadt.“

„Denver ist für dich nicht nur eine Stadt“, brummte ich und versuchte, meine Worte mit Bedacht zu wählen. Selbst meine Mutter, die jede Kritik in die sanfteste Aussage verwandeln konnte, die beinahe als Kompliment durchging, hatte mich nie als taktvoll bezeichnet. Klar, mit ein bisschen Hilfe von Devin hatte ich dazugelernt, aber es war trotzdem nichts, was man von mir erwartete. Zugegeben, in Gegenwart unseres Passagiers auf dem Rücksitz achtete ich stärker darauf, nicht zu offen zu reden.

Trotz seiner kurzen Ungeduld war Devins Lächeln echt, als er herüberlangte, mein Knie packte und es drückte. „Du vergisst, dass ich kurz hier gewohnt habe, bevor ich endgültig nach Fairlake zurückgekommen bin. Ich habe meine Dämonen aufgearbeitet … größtenteils.“

Das stimmte. Er war zurückgekommen, genau wie er es versprochen hatte, nachdem er sich wochenlang mit diesen Dämonen auseinandergesetzt hatte. Und er war … nicht verändert zurückgekommen, aber trotzdem anders. Vielleicht sollte man eher sagen, dass er vollständiger zurückgekommen war, gefestigter und gefasster, als er es in den Monaten davor gewesen war, als wir daran gearbeitet hatten, ihn clean zu bekommen.

Die Sucht war nur einer seiner vielen Dämonen, und auch wenn wir beide wussten, dass sie immer in ihm sein und nach Gelegenheiten suchen würde, wieder die Oberhand zu gewinnen, machte ich mir nicht mehr so viele Sorgen wie vor seiner Reise zu sich selbst. Der Devin, den ich jetzt kannte, glich viel mehr dem Devin, den ich als Teenager gekannt hatte, und war doch so anders. Klar, es gab Tage, an denen er sich in die Dunkelheit seiner Vergangenheit zurückzog, und Nächte, in denen ihn Träume heimsuchten, die eher Erinnerungen waren.

Aber es war besser geworden, wir waren besser geworden, und wenn ich eines gelernt hatte, seit er wieder in meinem Leben war, dann, dass man manchmal nicht mehr verlangen konnte.

„Ich weiß“, sagte ich nach ein paar Minuten des Schweigens, griff nach unten, nahm seine Hand und drückte sie. „Ich bin einfach … du weißt schon.“

„Weiß ich doch“, sagte er mit einem sanften Lächeln. „Und jetzt hör auf. Wir wollen doch einen schönen Tag haben, also lass uns auch einen haben.“

„Tag!“, kreischte unser kleiner Passagier aus dem Kindersitz auf der Rückbank.

„Ja“, sagte Devin und sah lächelnd in den Rückspiegel zu Colin. „Einen schönen.“

„Schön!“, gab Colin zurück, und ich musste nicht in den Spiegel schauen, um zu wissen, dass der Kleine von einem Ohr zum anderen grinste, während er mein Auto mit Lärm füllte.

Hätte ich nicht gewusst, dass Colin nicht im Entferntesten mit Bennett blutsverwandt war, hätte ich geschworen, dass der Kleine ihm in Persönlichkeit und Lautstärke nachschlug. Aber nein, selbst ich musste zugeben, dass er Adam wie aus dem Gesicht geschnitten war, nur eben kleiner. Es gab Momente, in denen er mich an Adams Wesen erinnerte, meistens dann, wenn er still wurde und alles ruhig und nachdenklich zu beobachten schien. Dann wieder schlugen die Gene durch, die seine Mutter und sein Onkel gemeinsam hatten – nämlich die, die jede Menge zu sagen hatten und keinerlei Hemmungen, es auch zu tun.

Es war Devins Idee gewesen, mit Colin nach Denver ins Kunstmuseum zu fahren, wo es irgendeine Veranstaltung für Kinder zwischen zwei und fünf gab. Ich persönlich hätte gut darauf verzichten können, einen ganzen Tag lang für einen Dreijährigen verantwortlich zu sein, aber meine Freunde hatten recht: Es war mir so gut wie unmöglich, Devin gegenüber Nein zu sagen. Auch wenn ich mich im Umgang mit Kindern unbeholfen und fehl am Platz fühlte, hatte Devin sich ohne Zögern in die Rolle des ‚Stiefonkels‘ gefunden, wie er es gern nannte.

Solange Devin sich um den sozialen Teil mit Colin kümmerte, war ich vollkommen zufrieden damit, herumzulaufen und aufzupassen, dass sich der kleine Kobold nicht wehtat. Das hieß natürlich, auf meine Ausdrucksweise zu achten, woran mich buchstäblich jeder andere Erwachsene in seinem Leben ständig erinnerte, aber das war immer noch besser, als herausfinden zu müssen, wie man mit ihm umging. Der Kleine sah mich immer an, als würde ich gleich wie der Riese aus „Hans und die Bohnenranke“ über ihn herfallen und ihm die Knochen abnagen, also war es wohl am besten, wenn Devin das Kommando hatte.

Meine Ausdrucksweise im Griff zu behalten, während ich im Nachmittagsverkehr einen Parkplatz suchte, der nicht fünf Kilometer entfernt war, war leichter gesagt als getan. So verlockend es auch war, ein paar Manöver zu wagen, die mehr oder weniger gefährlich waren, um einen guten Platz zu ergattern, musste ich mich daran erinnern, dass ein kleines Kind im Auto saß – und die Liebe meines Lebens. Letztere würde mich mit Freuden nach Strich und Faden zusammenstauchen, wenn ich etwas so Idiotisches tat, wie unser Leben für einen popeligen Parkplatz aufs Spiel zu setzen.

Als ich endlich einen Platz gefunden hatte, war meine Laune gekippt, und so, wie es klang, war auch Colin mehr als nur ein bisschen unruhig. Kaum hatte Devin ihn aus dem Kindersitz befreit, versuchte er mit aller Kraft, sich aus Devins Armen zu winden. Devins Laune war nicht viel besser, denn der Versuch, ein zappelndes Kleinkind zu bändigen, hatte ihm eine Kopfnuss mitten auf die Nase eingebracht. Zum Glück blutete sie nicht, aber als wir den Museumseingang erreichten, rieb er sie immer noch.

„Zwei Erwachsene“, teilte ich der lächelnden Frau am Empfang über Colins begeistertes Quietschen hinweg mit, das einem riesigen Plüschtier ganz in der Nähe galt. „Und ein Wesen aus einer Höllendimension.“

Immerhin lächelte sie, als sie meine Karte nahm und durchzog, während Devin Colin einfing, bevor der Kleine auf das Ding klettern konnte, das sogar größer war als ich. Ich hatte Colin schon in Aktion erlebt und zweifelte nicht daran, dass er das Ding auch erklommen hätte, wenn Devin nicht direkt hinter ihm gewesen wäre und ihn hochgehoben hätte, bevor er einen ernsthaften Versuch starten konnte.

„Weißt du, es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob ich eines Tages vielleicht selbst ein Kind haben will“, sagte Devin, nachdem er Colin gebändigt hatte, wenn auch nur, indem er ihn unter den Arm klemmte. „Und dann kriege ich eine Kopfnuss und muss einen Möchtegern-Bergsteiger einfangen, und mir wird klar, dass sich meine Hormone mal wieder einkriegen müssen.“

Ich warf ihm einen Blick zu, und meine Augen wurden groß. „Du … du hast darüber nachgedacht, Kinder zu haben?“

Devin blieb stehen und sah überrascht aus, bevor er mit den Schultern zuckte und damit den inzwischen kichernden Colin durchschüttelte. „Na ja, ich hab darüber nachgedacht, ja. Nicht gerade etwas, wofür ich bereit bin, aber ja, der Gedanke ist mir schon gekommen.“

Über Kinder hatten wir nie gesprochen. Ich hatte geglaubt, meine Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen zu haben, und ich hatte geglaubt, dass es bei Devin genauso war. Ehrlich gesagt wären Kinder für ihn ohnehin nur durch ein Wunder möglich gewesen, schließlich war er nie mit einer Frau zusammen gewesen. Bei mir wäre es zwar theoretisch möglich gewesen, da ich bei meinen Partnern nie besonders wählerisch in Bezug auf das Geschlecht gewesen war, aber ich hatte schon mit zwanzig dafür gesorgt, dass ich niemals Kinder haben würde.

Es hatte drei verschiedene Ärzte gebraucht, bis der letzte endlich bereit gewesen war, die Vasektomie durchzuführen. Selbst dann hatten sie mir im Krankenhaus noch Stress gemacht, als sie gesehen hatten, wie jung ich war. Doch kein noch so gutes Zureden konnte mich umstimmen, egal wie oft sie Stein und Bein schworen, dass ich die Entscheidung eines Tages bereuen würde, wenn ich jemanden traf, mit dem ich Kinder haben wollte. Ganz abgesehen davon, dass sich der verdammte Eingriff vermutlich rückgängig machen ließ, und ganz abgesehen davon, dass mir Kinder vielleicht gar nicht so wichtig waren, egal, in wen ich mich verliebte.

„Ooooh“, machte Devin laut, als wir die Ausstellung betraten. Er sah zu Colin hinunter, und der Dreijährige machte es ihm prompt nach, aber ich hatte den leisen Verdacht, dass Devins Begeisterung zumindest zum Teil echt war. „Schau dir das an!“

Nicht, dass ich es ihm verübeln konnte. Das Museum hatte eindeutig keine Kosten gescheut, um die Ausstellung so interessant und ansprechend wie möglich zu gestalten. Sie sollte „Kinder zum Spielen und zu sozialem Miteinander anregen“, und zwar durch „interaktive Exponate zur Förderung kinästhetischer und sozialer Projekte“. Eine unnötig komplizierte Art zu sagen, dass es Stellen gab, an denen Kinder Blödsinn machen und mit anderen Kindern quatschen konnten.

Colins Eltern ging es vor allem um Letzteres, denn in Fairlake gab es nicht viele Kinder in seinem Alter. Sie taten ihr Bestes, damit er mit anderen Kindern in Kontakt kam, aber ein öffentlicher Ort war perfekt, um das zu vertiefen. Es gab aufwendige Wasserräder, eine Malstation, die trotz der vielen Kleinkinder irgendwie nicht aussah, als wäre sie explodiert, und etwas, das wie das komplizierteste Klettergerüst aussah, das ich je gesehen hatte.

„Wie zur Hölle haben die es geschafft, hier Farbe reinzubringen, ohne dass es eine Katastrophe gibt?“, fragte ich mich laut.

„Da hat wohl jemand die Infobroschüre nicht gelesen, was?“, fragte Devin Colin mit hoher Stimme, was Colin kaum bemerkte, weil er mit großen Augen die Menschenmenge um uns herum anstarrte. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Es waren schrecklich viele Leute da und für meinen Geschmack viel zu viel Lärm. „Da hat wohl jemand nicht gesehen, dass sie spezielle Farben haben, die nur auf speziellem Papier sichtbar werden, hm?“

„Ich … hab sie überflogen“, murmelte ich.

„Was willst du machen?“, fragte Devin Colin und setzte ihn auf dem Boden ab.

Colin sah sich etwas unsicher um, bevor er zu uns hochblickte. Sein Blick blieb kurz an mir hängen, und ich hoffte, dass nicht plötzlich von mir erwartet wurde, etwas zu sagen. Es kam mir so vor, als würde Colin jedes Mal, wenn ich etwas sagte, verstummen und mich anstarren, als wäre ich gerade aus dem Schatten gesprungen und wollte ihn umbringen. Kein Wunder – selbst gestandene Erwachsene sagten mir, wie furchteinflößend sie mich fanden. Zugegeben, mir war es lieber, wenn Erwachsene Angst vor mir hatten, weil sie dann meistens nicht versuchten, mit mir zu reden, aber irgendwie tat es mir leid, dass es einem Kind genauso ging.

„Wir haben keine Eile“, sagte Devin sanft zu ihm, und bei seinen Worten gab es mir einen Stich in der Brust. Sein Ärger über Colins Verhalten von vorhin war sofort verflogen, sodass er ihm die größte Geduld und Freundlichkeit entgegenbringen konnte, während der Dreijährige die Lage einschätzte. Ich fragte mich, ob er in solchen Momenten an seinen Vater dachte, dessen einzige Ausdrucksform in Sprache und Gefühl Ungeduld, Wut und Grausamkeit gewesen waren.

„Weiß nich“, sagte Colin und betrachtete zweifelnd die Horde kreischender Kinder.

„Das ist okay“, sagte Devin beruhigend und fuhr ihm durchs Haar. „Wir können hier stehen bleiben und warten.“

Einen Moment lang sah es so aus, als würde Colin genau das tun: warten. Mit großen Augen nahm er das Chaos im Spielbereich in sich auf, und ich konnte förmlich sehen, wie die winzigen Zahnräder in seinem Kopf wie wild ratterten, während er versuchte, sich einen Reim auf das zu machen, was er sah. Nach ein paar Minuten blickte er endlich zu mir hoch, die Augen groß wie Untertassen, bevor er nach Devins Hosenbein griff und daran zog.

„Komm, wir gehen hin“, sagte Devin lächelnd zu ihm, und Colin lächelte zurück.

Die Erlaubnis war offenbar alles, was Colin in diesem Moment brauchte, und er stürmte fast sofort los, nicht ohne sich vorher über die Schulter umzusehen, um sicherzugehen, dass Devin ihm folgte. Devin sah mich an, doch ich nickte nur in Richtung des Kleinen, vollauf zufrieden damit, an einer Wand zurückzubleiben, wo ich meinen massigen Körper nicht durch das Meer aus winzigen Menschen manövrieren musste.

Mir selbst überlassen, beobachtete ich die beiden. Colin wurde mutiger, während er mit etwas spielte, das wie ein Schiebepuzzle aus Klötzen aussah, und sich dabei ständig vergewisserte, dass er nicht allein gelassen wurde. Dann zog er weiter zu den Wasserrädern und ließ Devin ohne einen Blick zurück stehen, als er etwas Interessantes entdeckte. Ich musste unwillkürlich glucksen, als ich sah, wie Devin sich im Handumdrehen vom tröstenden Erwachsenen in ein Anhängsel verwandelte, das Colin gelegentlich zu etwas Neuem oder Aufregendem befragte.

Die beiden zu beobachten, rührte etwas in meiner Brust an, und ich fragte mich, ob meine feste Entscheidung, niemals Kinder zu haben, egal mit wem, vielleicht ein wenig voreilig gewesen war. Damals hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich einmal einen Partner wie Devin an meiner Seite haben könnte, jemanden, bei dem ich mich … na ja, nicht wie eine absolute Katastrophe fühlte. Jemanden, den ich mir tatsächlich dabei vorstellen konnte, Kinder anständig großzuziehen – und das, obwohl ich wusste, dass Devin die Vorstellung vermutlich halb zu Tode ängstigte. Die Angst, dass all seine Probleme, die Probleme, die er von seiner Familie mitbekommen hatte, auf ein Kind abfärben könnten.

Doch je länger ich ihn mit Colin beobachtete, desto mehr war ich überzeugt, dass jedes Kind, ob leiblich oder adoptiert, verdammt viel Glück hätte, einen Elternteil wie Devin zu haben. Ich konnte nicht behaupten, dass ich mich jemals wohl dabei fühlen würde, für ein Kind verantwortlich zu sein. Trotzdem wusste ich auch, dass Devin, wenn er es wirklich versuchen wollte, felsenfest davon überzeugt sein würde, dass ich das ebenfalls konnte. Seine Meinung über mich war schon immer die gewesen, der ich am meisten vertraute, und wenn er ohne zu zögern an mich glaubte, dann war ich geneigt, ihm zu glauben.

Neben mir meldete sich eine Stimme zu Wort. „Welches ist denn Ihres?“

Vor Überraschung spannte ich mich an, und als ich zur Seite blickte, stand eine Frau neben mir und sah zu mir hoch. Ich blinzelte einen Moment, bevor ich mich räusperte. „Was?“

Sie nickte in Richtung der Schar quirliger Kinder. „Welches Kind ist Ihres?“

„Oh … keins“, sagte ich und fragte mich, warum diese wildfremde Frau mich ansprach. Normalerweise reichten mein Gesicht und meine schiere Größe, um die meisten Leute abzuschrecken, vor allem Frauen, die mir gerade mal bis zur Brust gingen. „Ich bin nur die … Aufsichtsperson für heute.“

„Ein Freund der Familie?“

„So in etwa.“

„Na, dann müssen Sie ja wichtig sein, wenn man Ihnen das Kind anvertraut“, sagte sie mit einem Hauch Herablassung in der Stimme, der sie mir sofort unsympathisch machte.

Ich runzelte die Stirn. „Ich bin mit einem der Eltern befreundet. Zufrieden?“

„Sehen Sie, war doch gar nicht so schwer“, sagte sie mit einem Lächeln, das meinen Ärger kein bisschen besänftigte. „Und ich hoffe doch sehr, dass es nicht die Mutter ist.“

„Ist es nicht“, sagte ich in der Hoffnung, dass die allzu knappe Antwort sie abschrecken würde.

Fehlanzeige. „Denn mit einem Mann wie Ihnen in der Nähe wäre ihr Ehemann sicher mehr als nur ein bisschen nervös.“

„Ich bin nicht mit ihr befreundet. Ich bin mit einem seiner Väter befreundet“, sagte ich gereizt.

„Väter“, wiederholte sie langsam und runzelte die Stirn. „Mehrzahl?“

„Ja“, bestätigte ich und beobachtete sie jetzt genau. „Mein Kumpel ist der Stiefvater.“

„Und wo ist die Mutter?“

„Zu Hause, wo auch seine Väter sind.“

„Und Sie sehen da kein Problem?“, fragte sie vorsichtig.

„Stört Sie die Scheidung, die offensichtlich schwule Beziehung oder die Tatsache, dass es der Mutter egal ist?“

„Nun, ich bin eine sehr moderne Frau“, sagte sie mit einem Lachen, das mir verriet, dass sie log wie gedruckt. „Aber ein Kind, das in so einem Umfeld aufwächst, wird es doch zwangsläufig schwer haben.“

„Gute Frau, das Einzige, womit der Kleine es schwer haben wird, ist, dass er einen Menschen zu viel in seinem Leben hat, der ihn liebt und ihn später mal blamieren wird“, sagte ich finster. „Das und der ganze Mist, der vielleicht noch übrig ist von Idioten wie Ihnen, die ihm wegen so was Dämlichem wie der Beziehung seiner Väter dumm kommen werden.“

Sie wich einen halben Schritt zurück und sah beleidigt aus. „Nun, Sie verstehen offensichtlich nicht, warum so etwas ein Kind verwirren würde.“

„Ungefähr so verwirrend, wie es für jemanden wie meinen Kumpel war, der in einer Hetero-Welt aufgewachsen und trotzdem schwul wie ein Regenbogen geworden ist“, blaffte ich und verlor meine Geduld und meine Beherrschung gleich mit. „Und ungefähr so verwirrend, wie es für mich und meinen Freund war, die das Gleiche durchmachen mussten. Das Einzige, was mich verwirrt, ist, warum Sie das überhaupt einen Scheiß interessiert und warum Sie immer noch mit mir reden.“

„I-Ihr Freund?“

Bei so viel Ungläubigkeit verdrehte ich die Augen. „Ja, mein Freund. Und könnten Sie Ihren Scheiß jetzt woanders verhökern? Ich hab es nämlich genossen, verdammt noch mal in Ruhe gelassen zu werden, danke.“

Wäre ich nicht so angepisst gewesen, hätte mich der empörte Ausdruck auf ihrem Gesicht zum Lachen gebracht. Die Frau hätte ihre Perlenkette umklammert, wenn sie eine getragen hätte, als sie von mir zurückwich und davonstolzierte. Ich hatte nur einen Moment schwacher Erleichterung, dass sie weg war, bevor ich eine andere Frau auf mich zukommen sah, die kurz zu der ersten hinüberblickte und dann vor mir stehen blieb.

„Herrgott“, schnaubte ich. „Was denn?“

Diese hier lächelte auf eine Art, bei der ich nicht gleich gegen eine Wand schlagen wollte. „Tut mir leid wegen ihr, und tut mir leid, dass ich es habe passieren lassen.“

Ich runzelte die Stirn. „Was?“

„Ich hab nur …“ Sie blickte über die Schulter zu der kleinen Gruppe Frauen, bei der sie eben noch gestanden hatte. „Wir kennen sie. Sie kommt ab und zu mit unserer Müttergruppe mit, wenn wir etwas unternehmen. Die meisten von uns können sie nicht ausstehen, und schon so, wie du das Gespräch angefangen hast, hatte ich das Gefühl, dass du sie aufregen würdest.“

Ich sah sie finster an. „Du hast mich also benutzt, um jemanden auf die Palme zu bringen, den du nicht leiden kannst?“

„So ziemlich“, sagte sie völlig ungeniert.

Ich grunzte und rechnete es ihr hoch an, dass sie es ohne eine Spur von Verlegenheit zugab. „Schön, Entschuldigung angenommen.“

Ihr Blick wanderte zu den Kindern, und mir entging nicht, wo er hängen blieb. „Ich hab euch beide vorhin kurz gesehen. Ist das der Freund?“

„Ja.“

„Er kann sehr gut mit ihnen.“

Ich sah zu, wie Devin es schaffte, ein Gespräch zwischen Colin und zwei anderen Kindern in Gang zu halten, einem kleinen rothaarigen Mädchen und einem grinsenden blonden Jungen. „Er kann gut mit Menschen. Sogar mit kleinen.“

„Und du … nicht.“

„Offensichtlich.“

Sie lachte und strich sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr. „Ich schätze, jemand, der so charmant ist wie du, braucht jemanden, der … na ja, tatsächlich charmant ist, als Ausgleich.“

„Das sagst du nur, weil du ihn noch nie angepisst erlebt hast“, sagte ich mit einem schiefen Grinsen. Es war wirklich eins der Dinge, die ich an Devin am meisten liebte: zuzusehen, wie Leute, die nur den lieben Kerl sahen, erlebten, wie ihm plötzlich Krallen und Reißzähne wuchsen und er keine Scheu hatte, jemanden bluten zu lassen. So lustig es auch gewesen wäre, zuzusehen, wie Devin der Frau die Meinung geigte, war ich tatsächlich froh, dass er nicht in der Nähe gewesen war, um sie zu hören.

Meine Bisexualität zu verstehen, war ein komplizierter Prozess gewesen, aber als mir klar geworden war, dass ich auch auf Kerle stand, hatte ich ziemlich entspannt damit umgehen können. Bei Devin war es leider genau umgekehrt gewesen. Er hatte ziemlich früh gemerkt, dass er schwul war, aber damit ins Reine zu kommen, war schwer gewesen. Sein Vater hatte alles, was auch nur entfernt nach einem Verstoß gegen Männlichkeit aussah, mit giftigem Hass verhöhnt, verachtet und unerbittlich bestraft.

Devin hatte seinem Vater nie gesagt, dass er schwul war, aber das hatte er auch nicht gemusst. Sein Vater sah nur, dass sein Sohn eher klein, stiller und sanfter als andere war, und das reichte ihm. So sehr Devin auch so tat, als würden ihn die fiesen Meinungen der Leute über Homosexualität nicht stören, war ich nicht überzeugt. Die Ignoranz der Frau mochte mich angepisst haben, aber ich war mir sicher, dass sie Devin getroffen hätte.

„Geht das mit euch beiden schon lange?“, fragte sie.

Ich war mir nicht ganz sicher, warum wir uns überhaupt noch unterhielten, und zuckte mit den Schultern. „Seit wir Kinder waren.“

„Oh? Und wie lange seid ihr schon ein Paar?“

„Ungefähr ein Jahr?“

„Das klang eher nach einer Frage als nach einer Antwort.“

„Die Frage ist, warum wir immer noch reden.“

„Weil es besser ist, als über die neuesten Erkenntnisse der Kinderpsychologie zu reden, den neuesten Artikel über Kindererziehung, schmerzende Brüste und wunde Nippel.“

„Äh … wunde Nippel?“

Sie warf mir von der Seite einen Blick zu und grinste. „Ich schätze, du hattest noch nie eigene Kinder.“

„Nein, wollte nie welche.“

Ihr Blick wanderte zurück zu Devin. „Na, dann solltest du vielleicht vorsichtig sein.“

„Wieso?“, fragte ich verwirrt.

„Weil der da aussieht wie jemand, der vielleicht eins will … oder zwei. Wenn möglich, immer zwei.“

„Ähm, ich bin Einzelkind.“

„Ja, und sieh dir an, was für ein wunderbares Exemplar an sozialem Charme du bist.“

Ich schnaubte. „Da ist was dran.“

Sie runzelte die Stirn. „Oh, Scheiße.“

Ich musste nicht fragen, was sie meinte, denn ich sah, wie die erste Frau mit gestrafften Schultern und lodernden Augen durch die Kinderschar marschierte. Ich musste nur zu Devin und Colin hinübersehen, die sich inzwischen mit einem kleinen Mädchen mit weichen braunen Locken beschäftigten, um zu begreifen, wer ihr Ziel war.

„Entschuldige mich“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

„Abigail, nicht!“, rief die zweite Frau, doch ihre Stimme ging im Lärm der spielenden Kinder unter.

Mit Rücksicht auf all die kleinen Beine und Hände um mich herum achtete ich genau darauf, wohin ich trat, während ich auf Devin und Colin zuging. Ich sah, wie die Frau – offenbar Abigail – ihre Tochter erreichte und zurückzog, die Lippen zusammengepresst, während sie etwas zu Devin sagte, das ich nicht hören konnte. Ich bemerkte, wie Devin ein wenig blass wurde, bevor seine Augen vor vertrauter Wut zu lodern begannen. Was er zu ihr sagte, konnte ich nicht hören, aber ihr Gesicht sah aus, als hätte man ihr eine Ohrfeige verpasst, während sie mit dem Zeigefinger in seine Richtung stach und ihre Stimme lauter wurde.

Schlimmer noch: Colin, dem nie etwas entging, beobachtete die beiden, und sein Gesicht verzog sich, während er die Fäustchen unters Kinn zog und die Arme fest an die Brust presste. Ich erreichte sie gerade noch, als Colin einen verzweifelten Klagelaut ausstieß, woraufhin Devin sich mit überraschter und unglücklicher Miene zu ihm umdrehte.

„Wie ich sehe, hast du die hiesige Karen kennengelernt“, knurrte ich, als ich näher kam, und funkelte die Frau an, die sich umdrehte, wobei ihre Handtasche gegen Devin schlug, als sie sich vor mir aufbaute. Ich legte die Hand auf Devins unteren Rücken und spürte, wie er sich in die Berührung lehnte, auch wenn seine Haltung angespannt blieb.

„Reizend“, sagte Devin mit zusammengebissenen Zähnen und versuchte, Colin durchs Haar zu streichen. „Gute Frau, bitte gehen Sie. Sie regen ihn auf.“

Sie ignorierte ihn. „Warum dieses Museum so etwas duldet, werde ich nie verstehen.“

Ihr Blick klebte an der Stelle, an der ich Devin berührte, und ich verdrehte die Augen. „Sind Sie wirklich so dumm, gute Frau? Für so einen Mist sind Sie in der falschen Stadt. Das hier ist Denver, da könnten Sie genauso gut in San Francisco sein, so locker, wie man hier mit dem Scheiß umgeht.“

Bevor ich noch etwas sagen konnte, spürte ich ein Ziehen an meiner Hand und blickte in Colins tränenverschmiertes Gesicht hinunter. Mit großen Augen zog er noch einmal an meiner Hand, und mir war sofort klar, was er wollte, weil ich ihn das schon bei Bennett und Adam hatte machen sehen. Verblüfft ging ich vorsichtig in die Hocke, um ihn hochzuheben, und zuckte zusammen, als er mir die Arme fest um den Hals schlang und sein Gesicht an meiner Brust vergrub.

„Verschwinden Sie. Sofort.“, sagte ich leise zu ihr, darauf bedacht, nicht loszuknurren, während sich ein verängstigtes Kleinkind an meine Brust drückte. „Oder ich hole mit Vergnügen den Sicherheitsdienst.“

Es sagte einiges, dass Devin schwieg und sie nur finster anstarrte, als sie noch einmal schnaubte. Ich spürte förmlich, wie er sich neben mir anspannte wie eine Sprungfeder, und diese Frau hatte keine Ahnung, wie gefährlich der sonst so sanftmütige Mann neben mir sein konnte. Nur um sicherzugehen, dass ihm bewusst war, dass wir immer noch von Kindern umgeben waren, hakte ich die Finger um seine Taille und zog ihn näher zu mir und weg von ihr.

„Schön“, zischte sie und beugte sich hinunter, um ihre Tochter hochzuheben, wobei ihre Handtasche erneut gegen Devin schlug und an ihm hängen blieb. Sie schien es nicht zu bemerken, und da Devin nur unruhig sein Gewicht verlagerte, konzentrierte ich mich auf sie. Als sie sich aufrichtete, warf sie uns Blicke wie Dolche zu und marschierte davon, während ihre Tochter dagegen protestierte, weggeschleift zu werden.

„Komm“, sagte ich sanft und zog Devin mit mir. „Lass uns ihn ein bisschen beruhigen.“

„Er hat sich schon beruhigt“, sagte Devin mit zusammengebissenen Zähnen, ließ sich aber von mir in einen der anderen Räume ziehen, wo der Kinderlärm etwas gedämpft war. „Du hast vorher schon mit ihr geredet?“

„Ja“, sagte ich und sah zu Colin hinunter. Sein Gesicht war rot und seine Augen wässrig, aber abgesehen von ein paar Schniefern hatte er sich wieder im Griff. „Das ging schnell. Alles okay?“

Er sah mit seinen großen Augen zu mir hoch. „Okay. Dake.“

Überrascht lachte ich leise auf. „Gern geschehen. Soll ich dich runterlassen?“

„Hierbeiben“, nuschelte er und legte den Kopf auf meine Schulter.

„Äh, klar“, sagte ich und blinzelte verwirrt.

Devin bemerkte meinen Gesichtsausdruck und lachte. „Ich sag dir doch die ganze Zeit, dass er dich mag.“

„Das ist das erste Mal, dass ich dir glaube“, gab ich zu und wusste nicht so recht, was ich mit dieser Wendung anfangen sollte.

„Das liegt daran, dass er und ich etwas gemeinsam haben“, sagte Devin leise, legte eine Hand an meinen Ellbogen und die andere um mich herum auf meine Hüfte.

„Und was?“, fragte ich verwirrt, als etwas in seiner Hand gegen meine Seite drückte.

„Bei dir fühlen wir uns sicher“, sagte Devin leise und stellte sich auf die Zehenspitzen, um mir einen schnellen Kuss zu stehlen. „Deshalb ist er zu dir gekommen, als er Angst hatte. Und deshalb wirst immer du es für mich sein, weil du Sicherheit bedeutest … weil du mein Zuhause bist.“

Ich hätte schwören können: Wenn es möglich gewesen wäre, zu einer vage menschenförmigen Pfütze zu zerfließen, hätte ich es auf der Stelle getan. „Danke. Wow, das war eine furchtbare Antwort.“

Devin lachte, und mir wurde die Brust eng. „Schon gut. Du bist eben du, also weiß ich, was du gemeint hast.“

„Gut“, sagte ich und runzelte dann die Stirn, als mich wieder etwas piekte. „Was piekt mich da?“

„Oh“, sagte Devin, und ich zog beim boshaften Funkeln in seinen Augen eine Braue hoch. „Nichts Besonderes.“

Ich hörte es klimpern, bevor er die Hand hob und einen Schlüsselbund zwischen uns baumeln ließ. Auf den ersten Blick kamen sie mir nicht bekannt vor, und dabei war ich doch derjenige, der unsere Schlüssel hatte.

„Wo hast du … oh Gott“, sagte ich, als es mir plötzlich dämmerte. „Sind das die Schlüssel von dieser Frau?“

„Könnte sein“, sagte er glucksend.

„Und, äh, wie bist du an die gekommen?“

„Baby, hast du vergessen, dass ich ein paar Jahre praktisch auf der Straße gelebt habe? Irgendeinem reichen Miststück was aus der Handtasche zu ziehen, ist quasi ein Kinderspiel.“ Und bevor ich etwas sagen konnte, drehte er sich um und warf sie in einen Mülleimer in der Nähe.

„Du kleiner Mistkerl“, sagte ich und konnte mir das Lachen nicht verkneifen. „Die wird stinksauer sein.“

„Tja, dann sollte sie vielleicht kein so furchtbarer Mensch sein“, sagte Devin und sah äußerst zufrieden mit sich aus.

„Hab ich schon mal erwähnt, dass ich dich liebe?“, fragte ich und stahl mir selbst einen Kuss.

„Hin und wieder, aber du darfst es gern öfter erwähnen“, sagte er grinsend.

„Na dann: Ich liebe dich“, sagte ich lachend und zog ihn an mich.

„Und ich liebe dich“, sagte er und neigte dann den Kopf, um Colins Blick einzufangen. „Willst du weiterspielen, oder willst du gehen?“

Colin hob den Kopf so schnell, dass er fast von unten gegen mein Kinn geknallt wäre. „Spielen!“

„Sagt er, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern“, gluckste Devin.

„Tja, der Chef hat gesprochen, also werden wir wohl auf ihn hören müssen, oder?“, fragte ich mit einem leisen Lachen.

„Bennett hat recht“, sagte Devin. „Du bist wirklich ein großer Softie.“

„Ohhh“, knurrte ich und gab ihm einen Klaps auf den Arsch, als er sich zum Gehen umdrehte, und grinste, als er aufjaulte. „Warte nur, bis ich dich nachher allein erwische. Das wirst du bereuen.“

„Wenn ich den Ton dieses Knurrens richtig deute, werde ich es alles andere als bereuen“, sagte er glucksend und rieb sich den Arsch.

Ich wurde abrupt in den Moment zurückgeholt, als Colin beschloss, mit Devin mitzulachen, und mich daran erinnerte, dass er ja auch noch da war. Dann beschloss der kleine Frechdachs, mich so breit anzugrinsen, wie man es sich nur vorstellen konnte, als sich unsere Blicke trafen, und ich spürte dieses vertraute glückliche Ziehen im Bauch. Als ich zu Devin hinübersah, der an der Tür wartete und uns mit weichem Blick entgegensah, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir so etwas vielleicht doch hinkriegen könnten.

Darüber konnten wir irgendwann noch reden. Und wir hatten alle Zeit der Welt.

Danke fürs Lesen!

Haben dir die Szenen gefallen?

Dann würde ich mich riesig über eine kurze Rezension zu Für immer Du auf Amazon freuen. Schon ein, zwei Sätze helfen anderen Lesern, das Buch zu finden.

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Fesseln der Liebe – Romeo Alexander

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