Bonusszenen · Die Männer aus Fairlake

Fesseln der Liebe

Fesseln der Liebe – Romeo Alexander

Zwei Bonusszenen mit Trevor und Ethan – als Dankeschön an meine Newsletter-Leser.

Spoiler-Warnung: Lies die Szenen am besten erst, wenn du das Buch beendet hast.

Szene 1: Ethan ↓  ·  Szene 2: Trevor ↓

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Anmerkung des Autors

Ein paar Worte vorab

Es ist mal wieder Zeit für eine neue Runde Szenen, die entweder aus einem Buch gestrichen wurden oder schon auf der Abschussliste standen, bevor sie überhaupt geschrieben waren. Diesmal geht es um unseren hauseigenen Polizeichef Trevor und den neuen Unruhestifter in Fairlake, Ethan.

In der ersten Szene bekommst du einen Einblick, wie wichtig Troy für Trevor war (für alle, die es nicht wissen: Troy war Trevors erste Liebe und ist jung gestorben). Sie wird aus Ethans Sicht erzählt, weil es für mich mehr Sinn ergab, dass eine solche Szene Ethan und seine Gefühle für Trevor stark beeinflussen würde, vor allem, weil die beiden so stur sind, wenn es darum geht, zu benennen, was sie da miteinander haben.

Letztlich kam sie nicht ins Buch, weil das Buch ohnehin schon ziemlich lang war – das längste der Reihe bisher. Aber eigentlich wollte ich mich nicht zu sehr auf Trevors frühere Beziehung zu Troy konzentrieren, sondern es dabei belassen, dass man weiß, wie wichtig Troy für Trevor war und dass er ihn geprägt hat. Das war im Buch schon klar geworden, also kam es mir ein bisschen überflüssig vor, noch einmal darauf einzugehen.

Aber hey, genau dafür gibt es ja Bonusszenen: um Dinge zu zeigen, die die Geschichte trotzdem bereichern (auch wenn sie nicht veröffentlicht wurden) und dennoch als offizieller Teil der Geschichte gelten können. Außerdem kommt in dieser Szene eine weitere Figur vor, die es aus den bereits genannten Gründen nie ins Buch geschafft hat. Also viel Spaß mit einem kurzen Blick auf den älteren Hausmeister, der es nie hineingeschafft hat.

Szene 1

Ethan

In Anbetracht der Uhrzeit überraschte es mich nicht, dass die Eingangstüren des Polizeireviers verschlossen waren. Ich spähte durch die Glasscheibe und hoffte, Ira hinter dem Empfangstresen zu entdecken, wo sie wie üblich saß, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, so zu tun, als würde sie arbeiten.

Meine Hoffnung zerschlug sich schnell, als ich sah, dass nur in den Fluren, die nach hinten führten, Licht brannte. Denn natürlich hatte Trevor beschlossen, länger zu arbeiten, hatte alles abgeschlossen und dann prompt vergessen, dass es sein Handy überhaupt gab. Mir kam der Gedanke, einfach zu Bris Haus zurückzukehren, aber das Letzte, was ich wollte, war, zu riskieren, meinen Neffen aufzuwecken.

Das hatte ich schon einmal fertiggebracht, und wie Bri als ausgewachsene Bärenmama aus ihrem Zimmer gestürmt war, um mir Tod und Zerstückelung anzudrohen, war beängstigender gewesen als jedes kampferprobte Killerkommando, das mir ans Leder wollte.

Zum Glück war ich nicht ohne Möglichkeiten, und ich wusste genau, dass die Beamten nicht gerade Meister in Sachen Sicherheitsvorkehrungen waren. Schon bei meinem ersten Besuch im Revier vor ein paar Monaten war mir aufgefallen, dass sie ein bestimmtes Fenster immer einen Spaltbreit offen ließen. Was mich damals, als ich es aus reiner Neugier überprüft hatte, noch amüsiert hatte, würde sich jetzt als meine Rettung erweisen.

Ich ging um das Gebäude herum, ohne mich an der Kamera zu stören, die auf den schmalen Weg gerichtet war. Sie würde mich nur dabei erwischen, wie ich mich hineinschlich, und so sehr Trevor der Anblick von mir in Handschellen auch gefiel, bezweifelte ich, dass er mich verhaften würde, wenn er mich später auf den Aufnahmen sah.

Wie erwartet stand das Fenster einen Spalt offen, und ich hakte die Finger in den Rahmen, um es weiter aufzuschieben. Ein durchschnittlicher Mensch passte problemlos durch die Öffnung, aber sie lag ein Stück über dem Boden, was die Sache etwas kniffliger machte.

Für mich allerdings kein Problem, und ich zog mich am Rahmen hoch, die Füße gegen die Backsteinwand gestemmt. Der Pausenraum wurde schwach von einer einzelnen Lampe über dem Spülbecken und den Verkaufsautomaten an der Wand erhellt.

Erst als ich mich Zentimeter für Zentimeter in den Raum schob, merkte ich, dass ich nicht allein war. Ich hielt inne und sah zu der Gestalt auf, die einen Wischmopp in der Hand hielt und mich mit leicht amüsierter Miene beobachtete.

„Ah“, begann ich, räusperte mich und setzte ein breites Lächeln auf. „’n Abend, Phil. Wusste nicht, dass heute dein Putztag ist.“

„Jeden Tag außer sonntags und mittwochs“, sagte er und zog den Mopp noch einmal über den Boden. „Zu fein für die Vordertür?“

„Tja, weißt du, sie war abgeschlossen.“

„Das ist sie meistens, wenn wir geschlossen haben.“

„Ja, was ein Problem ist, wenn ich mit Trevor reden muss.“

„Ich weiß, ich werd langsam alt, aber ich erinnere mich, dass sie vor ein paar Jahren diese Dinger rausgebracht haben, die sich Handys nennen. Angeblich hat die jeder.“

„Stimmt“, sagte ich, noch immer reglos, und spürte allmählich, wie sich der Fensterrahmen in meine Hüften grub. „Was hilfreich wäre, wenn dein Boss nicht so eine Abneigung dagegen hätte, ab und zu mal auf sein Handy zu schauen.“

„Er war heut Abend auch furchtbar still“, sinnierte Phil und musterte mich. „Sag bloß nicht, dein dürrer Hintern steckt fest.“

„Mein Hintern ist nicht dürr“, schnaubte ich, zog mich hinein und winkelte die Beine an, damit ich mit so viel Würde auf dem Boden landen konnte, wie es einem Mann möglich war, der sich gerade durch ein Fenster geschlängelt hatte. „Gibt’s einen bestimmten Grund, warum er so still war?“

Phil beobachtete mich weiter, ohne sich die Mühe zu machen, seine Belustigung über meine erstklassigen Schleichkünste zu verbergen. „Nich’, dass ich wüsste.“

Was nichts dazu beitrug, die Sorge zu lindern, die in meinem Magen rumorte, während ich mir beiläufig eingebildeten Schmutz von der Kleidung klopfte. Immer wenn ich unterwegs war und irgendwo herumstocherte, antwortete Trevor schnell auf jede Nachricht. Von sich aus schrieb er mir nur ungern, für den Fall, dass ich dumm genug war, irgendwo herumzuschleichen und dabei zu vergessen, mein Handy auf lautlos zu stellen.

Wenn er länger als fünfzehn Minuten nichts von sich hören ließ, war das ein Zeichen, dass etwas anderes seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Nicht, dass ich von ihm verlangte, mir umgehend zu antworten. Ich war ein großer Junge und konnte auf mich selbst aufpassen. Das Problem war, dass es überhaupt nicht zu ihm passte, und ohne eine Erklärung konnte ich nicht anders, als mir Sorgen zu machen.

„Tja“, sagte ich, jetzt, da ich sicher war, dass ich mich demonstrativ genug zurechtgezupft hatte. „Dann sollte ich wohl mal nachforschen, was ihn so sehr in Beschlag nimmt.“

„Indem du ihm was anderes gibst, auf das er sich konzentrieren kann?“

„Na hör mal, Phil, sei nicht so derb.“

„Is’ nich’ derb, drauf hinzuweisen, dass ihr zwei ganz schön vernarrt ineinander seid.“

Ironischerweise war ich derjenige, der zuerst einen derben Gedanken hatte, wenn man bedachte, dass ich beim letzten Mal, als ich Trevor gesehen hatte, mehr als nur ein bisschen Spaß mit der Schlagsahne gehabt hatte, die er für einen Kuchen aus Grants Bäckerei aufgeschlagen hatte. Doch nicht einmal ich würde so weit gehen, das einem Mann gegenüber zu erwähnen, der fast siebzig war. Das hob ich mir für die herrlich versaute Siebzigjährige auf, die beim Dienst am Empfangstresen spicy Liebesromane las.

„Ob ‚vernarrt‘ das richtige Wort ist, weiß ich nicht“, sagte ich mit einem leisen Lachen und verspürte den Drang, meine Kleidung erneut abzuklopfen. „Aber wir können uns ganz gut leiden.“

„Das sagst du so, aber ich hab ihn die letzten paar Monate öfter lächeln sehen als früher.“

„Er lächelt? Bist du sicher, dass er nicht das Gesicht verzogen hat, weil er einen Schlaganfall hatte oder vielleicht etwas zu scharf gegessen hat?“

„Jaja“, sagte Phil kopfschüttelnd und tauchte den Mopp wieder in den Eimer. „Kann ja nich’ angehen, dass die Leute denken, man könnte glücklich sein. Am Ende halten sie einen noch für ’nen Menschen.“

„Deshalb mag ich dich, Phil“, sagte ich. „Du verstehst mich wie kein Mann je zuvor. Vielleicht könnten wir zusammen durchbrennen.“

„Oder vielleicht gehst du deinem Kerl auf die Nerven, damit ich hier fertig wischen kann, ohne mir Gedanken um den Dreck zu machen, den du gerade reingeschleppt hast“, sagte er und zog eine buschige Augenbraue hoch.

„Du kannst unsere Liebe weiter leugnen, aber eines Tages wirst du dich dem Schicksal fügen“, versprach ich und drohte ihm spielerisch mit dem Zeigefinger und ging vorsichtig dort entlang, wo er hoffentlich noch nicht gewischt hatte. Das Letzte, was ich wollte, war, ihm eine weitere Sauerei zu hinterlassen, die er beseitigen musste, und das Letzte, was ich brauchte, war die Standpauke, die ich mir dann anhören müsste.

Als Erstes suchte ich Trevor in seinem Büro, und zu meiner Überraschung war es leer. Die Schreibtischlampe brannte, der Bildschirm erhellte noch immer die Rückwand, und neben der Tastatur stand das vertraute Glas mit Alkohol.

Ich fuhr mit dem Finger über den Rand des Glases, hob es hoch und schnupperte daran. Ein Blick auf den Schnapsschrank verriet mir, dass es vermutlich Scotch war, und ich trank den Rest aus und rümpfte die Nase, als ich das Glas zurück auf den Schreibtisch stellte. Nicht mein Geschmack, aber zumindest nicht richtig übel.

Ich zog mir den Riemen meiner Tasche über den Kopf, stellte sie neben den Schreibtisch und ließ mich auf seinen Stuhl fallen. Und weil ich wusste, dass es ihn in den Wahnsinn treiben würde, das zu sehen, hob ich die Füße und legte sie auf die Ecke des Schreibtischs.

Ich spähte auf den Bildschirm und grinste, als mir klar wurde, dass er die Informationen durchging, die ich gesammelt und in ein lesbares Format zu bringen versucht hatte. Es war nicht alles da, ein paar Puzzleteile hatten noch gefehlt, als ich es ihm weitergeleitet hatte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich kurz davor war, mehr als genug zusammenzuhaben, um es ihm zu übergeben, damit er etwas unternehmen konnte. Es würde nur noch ein bisschen länger dauern.

Ein Blick nach unten zeigte mir, dass die Schublade auf der rechten Seite des Schreibtischs nur halb geschlossen war. Bei all meinen Besuchen in seinem Büro hatte ich ihn diese Schublade nie öffnen sehen, und die Neugier gewann die Oberhand, also beugte ich mich hinüber und zog sie auf, um einen Blick hineinzuwerfen.

Zu meiner Überraschung fand ich ein gerahmtes Foto, das ganz nach hinten geschoben worden war. Der Rahmen war abgegriffen und ramponiert, hielt aber trotz seines offensichtlichen Alters noch tapfer zusammen. Als ich ihn umdrehte, starrte ich auf das Bild eines jungen Mannes mit kurz geschnittenem blondem Haar, der breit in die Kamera grinste.

Normalerweise beurteilte ich einen Menschen nicht anhand eines einzigen Fotos, aber sein Lächeln hatte etwas Offenes und Unbeschwertes, das mich beeindruckte. Ich ahnte, wen ich da vor mir hatte, und gleichzeitig fragte ich mich unwillkürlich, ob ich hier einen Teil des Grundes sah, warum Trevor sich so sehr in diesen lächelnden, leicht albern aussehenden Mann verliebt hatte.

„Jetzt durchwühlst du also auch noch meinen Schreibtisch?“, fragte eine vertraute, raue Stimme und erschreckte mich so sehr, dass ich hektisch zugreifen musste, um den Bilderrahmen nicht fallen zu lassen.

„Herrgott“, sagte ich mit einem kleinen Lachen. „Seit wann bist du so ein Meister im Anschleichen?“

„Jetzt klingst du wie Bennett, wenn ich ihn bei etwas erwische, das er nicht tun soll“, sagte Trevor mit dem tiefen Brummen in der Stimme, das ich so liebte. Mein Vergnügen wurde ein wenig getrübt, weil sein Blick zwischen meinem Gesicht und dem Foto in meiner Hand hin- und herhuschte.

„Mist, das ist die Stelle, an der ich versuchen würde, mich zu verteidigen, und behaupten würde, die Schublade sei offen gewesen und ich hätte etwas gesehen, aber es war einfach nur die gute alte Neugier“, gab ich zu, hielt das Foto hoch und legte es dann behutsam auf den Schreibtisch.

„Im Gegensatz zu all den anderen Malen, als du deine Nase in die Angelegenheiten anderer Leute gesteckt hast“, sagte er trocken, und insgeheim war ich erleichtert, keinen Zorn in seiner Stimme zu hören.

In das Thema Troy war ich schon einmal hineingestolpert, und zwar mit Anlauf und beiden Füßen mitten ins Fettnäpfchen. Seitdem hatte ich das Thema nicht mehr angerührt, und Trevor selbst sprach nie von ihm.

Es war schwierig zu wissen, was ich für einen Mann empfinden sollte, der gestorben war, als ich noch ein Kleinkind gewesen war. Derselbe Mann, der einer von nur zwei Menschen gewesen war, von denen Trevor sagen konnte, dass er sie geliebt hatte. Und ich vermutete, dass er Troy mehr geliebt hatte, als er seine Ex-Frau je geliebt hatte. Diesen Verdacht wollte ich mit absolut niemandem teilen. Nur weil etwas wahr sein konnte, hieß das nicht unbedingt, dass es ausgesprochen werden musste.

Und falls es heuchlerisch von mir war, jemandem unnötigen Kummer zu ersparen, indem ich der Wahrheit aus dem Weg ging, dann hatte man mir in der Vergangenheit schon weitaus Schlimmeres zur Last gelegt.

„Machst du das manchmal? Länger bleiben, trinken und sein Foto ansehen?“, fragte ich und stemmte mich aus seinem Stuhl hoch, bevor er etwas dazu sagen konnte, jetzt, da es etwas Wichtigeres zu besprechen gab.

Trevor hatte die Hand schon nach dem Foto ausgestreckt und hielt bei meinen Worten inne, seine Finger schlossen sich zu einer lockeren Faust. Sein Gesicht war ausdruckslos, während er auf den Schreibtisch starrte, und ich wandte mich ab, um mir etwas zu trinken zu holen. Es war wichtig, ihm Zeit zum Nachdenken zu geben, bevor er antwortete – ganz anders als ich, der normalerweise wie aus der Pistole geschossen auf Fragen reagierte.

Zum Glück hatte er immer einen guten Vorrat an Whiskey da, und ich schenkte mir ein kleines Glas ein. Er hatte sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt, als ich mich umdrehte, um ihm etwas von seinem Scotch in das Glas zu gießen, das ich vorhin ausgetrunken hatte. Seine Miene war noch immer genauso regungslos, als ich mich wegdrehte, um die Flasche zurückzustellen.

Erst als ich mich auf einen Stuhl ihm gegenüber setzte, verlor sein Blick das Abwesende und richtete sich auf mich. Ich lächelte, während ich einen Schluck trank, legte einen Knöchel auf mein anderes Knie und wartete geduldig.

„Früher kam das ab und zu vor“, sagte er und deutete auf das Foto. „Dann saß ich hier, trank und erinnerte mich an die Vergangenheit. Mit den Jahren kam es immer seltener vor, aber ganz aufgehört hat es nie.“

„Du bist immer noch in ihn verliebt“, sagte ich leise.

Sein Mundwinkel zuckte. „Eifersüchtig?“

„Nicht wirklich.“

„Hm, du kamst mir auch nicht wie der eifersüchtige Typ vor.“

Das ließ mich schmunzeln. „Es geht nicht darum, ob ich der eifersüchtige Typ bin oder nicht. Es kommt mir einfach sinnlos vor, auf jemanden eifersüchtig zu sein, der tot ist. Da gibt es keinen Vergleich, kein Gewinnen oder Verlieren, wenn es um die Erinnerung an jemand anderen geht.“

Sein Blick wurde schärfer. „Dich … stört die Erinnerung an ihn nicht?“

„Warum zur Hölle sollte sie mich stören? Du warst verrückt nach ihm. So viel ist offensichtlich. Ich werde dir nicht sagen, dass du jemanden nicht lieben darfst, der verdammt noch mal gestorben ist, Trevor. Er wurde dir genommen, bevor du die Chance hattest, wirklich mit ihm zusammen zu sein. Natürlich ist diese Liebe immer noch da. Und ich werde einen Scheiß tun und dir sagen, dass du um jemanden nicht trauern darfst. Trauer hört nicht … auf.“

Er nickte langsam. „Das habe ich mich auch schon gefragt.“

„Ob Trauer aufhört oder nicht?“

„Nein, ich habe schon vor langer Zeit meinen Frieden damit geschlossen, dass sie nicht aufhört. Manchmal frage ich mich, ob es mir Sorgen machen sollte, dass ich mich auf dich eingelassen habe und trotzdem noch Momente habe, in denen ich mir ausmale, was hätte sein können.“

Mein erster Reflex war, seine Sorge abzutun, weil es ja nicht so war, als wären wir irgendetwas Bedeutendes. Der Reflex erstarb fast sofort, als ich den ernsten, besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht wahrnahm, während seine Finger auf den Rand seines Glases tippten. Nicht nur, dass es sich grausam anfühlte, diese Worte auszusprechen – sie fühlten sich auch nicht wahr an.

Ich wusste nicht genau, was wir füreinander waren, aber unwichtig war es nicht.

„Zumindest“, fuhr er fort und riss mich aus meiner Selbstbetrachtung, „bis heute Abend.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Was war heute Abend anders?“

„Es fing an wie jedes Mal. Ich habe etwas getrunken und mich gefragt, was Troy sagen würde, wenn er mich jetzt sehen könnte, sehen könnte, was passiert. Mich immer noch in dieser Stadt zu sehen, wie ich Polizist geworden bin und mich hier eingerichtet habe, obwohl wir immer dachten, dass wir das nie tun würden. Mitzuerleben, wie ich ausgerechnet Polizeichef geworden bin, und was ich mir deswegen von ihm hätte anhören müssen.“

„Klingt nach jemandem, den ich gemocht hätte.“

„Oh, ihr zwei hättet euch gut verstanden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr beide mich zusammen beinahe in die Psychiatrie getrieben hättet.“

„Was für ein tröstlicher Gedanke.“

Daraufhin lächelte er sanft. „Da ist es mir klar geworden. Wenn ich daran denke, wie er auf meine Entscheidungen, meine Karriere und meine gescheiterte Ehe reagiert hätte, kommt die Trauer vielleicht ein bisschen zurück. Aber bei dem Gedanken, wie er auf dich reagieren würde, musste ich lachen. Wenn er herausfände, dass ich mich wieder mit einem süßen Blonden eingelassen habe, der ein teuflisches Lächeln und einen noch teuflischeren Sinn für Humor hat, nur dafür lebt, mich in den Wahnsinn zu treiben, und immer weiß, wie er mich zum Lachen bringt, würde er sich nicht mehr einkriegen.“

Dieses Gespräch hatte eine interessante Wendung genommen. „Ach ja?“

Er nickte, nahm endlich sein Glas und trank einen Schluck. „Mir ist aufgefallen, dass ich zum ersten Mal seit Langem das Gefühl habe, dass mein Leben … wirklich in Ordnung ist. Ich habe ein gutes Leben, Freunde, ein stabiles Zuhause und einen sicheren Job, und jetzt habe ich dich.“

Das entlockte mir ein kurzes Lachen. „Kommt nicht oft vor, dass ich in einem Atemzug mit einem Haufen Dinge genannt werde, die das Leben anderer Leute verbessern.“

„Und da … nun, da bist du anders, als er es war“, sagte Trevor nachdenklich, als fände er es interessant, statt einen harten Vergleich anzustellen. „Das war das andere, worüber ich nachgedacht habe. Nicht nur die Gemeinsamkeiten.“

„Die eindeutig beweisen, dass du ein Beuteschema hast?“, fragte ich trocken.

„Aber eben auch die Unterschiede“, fuhr er mit einem schiefen Grinsen fort.

„Ich will ehrlich sein. Ich schwanke zwischen einem schlechten Witz und der Frage, was die Unterschiede sind, weil dir dieses Gespräch wichtig ist“, sagte ich und fragte mich, wann ich so weich geworden war, dass ich tatsächlich anfing, mit Leuten offen zu reden.

Er schüttelte den Kopf. „Mach den Witz.“

„Oh“, begann ich, wohl wissend, dass das, was aus meinem Mund kommen würde, nicht annähernd so wichtig war wie das, was ihn beschäftigte. „Irgendwas in der Richtung, dass ich hoffe, ein großer Unterschied ist, dass ich viel charmanter und besser im Bett bin.“

„Nun, über die Fähigkeiten im Bett kann ich nichts sagen. Das sind keine Erinnerungen, die mir über die Jahre geblieben sind. Oder zumindest sind sie nicht lebhaft genug geblieben, dass ich mich daran erinnern könnte“, sagte er und grinste wieder schief. „Aber er war dir insofern ähnlich, als er sich ganz sicher für den charmantesten Menschen im Raum hielt.“

„Wenn er sich dessen so sicher war wie ich, dann muss er einer der charmantesten Menschen gewesen sein, die du je getroffen hast … genau wie ich.“

„Ach Mann, ich wünschte, ich könnte widersprechen, aber dann würdest du darauf hinweisen, dass du mich tatsächlich mit deinem Charme eingewickelt hast.“

„Siehst du? Die besten Charmeure kriegen ihre Zielperson sogar gegen deren Willen rum.“

„Ich glaube, du meinst Geiseln. Das klingt langsam sehr nach Stockholm-Syndrom.“

Ich lachte, beugte mich vor, stützte die Arme auf den Schreibtisch und sah ihn ernst an. „Also, du hast ein Beuteschema, aber heute ist dir klar geworden, dass du dich, auch wenn Troy und ich viele Gemeinsamkeiten haben, nicht für mich interessierst, weil ich wie Troy bin, sondern weil ich ein eigenständiger Mensch bin. Und wahrscheinlich wolltest du mir gerade erklären, warum ich anders und ein eigenständiger Mensch bin.“

Trevor zog die Augenbrauen hoch und stellte sein Glas ab, offenbar hatte er vergessen, dass er gerade einen Schluck trinken wollte. „Und da haben wir einen der größten Unterschiede.“

„Äh, was hab ich gesagt?“

„Troy kannte mich, weil wir von klein auf beste Freunde waren. Es ist unvermeidlich, dass zwei Menschen, die sich so lange nahestehen, so ziemlich alles übereinander erfahren, was es zu wissen gibt.“

„So ähnlich wie deine hauseigene blonde Nervensäge Bennett und die weitaus ruhigere und vernünftigere dunkelhaarige Liebe seines Lebens?“

„Ja“, schnaubte er. „Ziemlich genau so. Du hingegen bist … beunruhigend gut darin, herauszufinden, was in meinem Kopf vorgeht. Und bevor dir jetzt das Ego anschwillt … mach bloß keinen schmutzigen Witz daraus.“

Ich riss die Augen auf, in einer, wie ich wusste, schlechten Imitation von Unschuld. „Ich? Das würde mir nicht im Traum einfallen.“

Er sah nicht überzeugt aus, fuhr aber fort, als hätte ich keinen pubertären Sinn für Humor. „Also, bevor dir das Ego anschwillt: Es liegt nicht nur daran, dass du aufmerksam bist und Menschen auf eine Weise verstehst, die mich immer noch erstaunt. Ich habe zufällig auch aufgepasst, und mir ist aufgefallen, dass du normalerweise nur dann über das hinaus nachbohrst, was du auf den ersten Blick siehst, wenn dich etwas neugierig gemacht hat oder du einen bestimmten Zweck verfolgst.“

„Okay, Hut ab. Da hast du mich erwischt“, sagte ich lachend.

„Aber bei mir machst du es immer wieder. Du bohrst und forschst immer weiter.“

„Du interessierst mich.“

„Und damit wären wir beim anderen Grund, warum du so ganz anders bist als er“, sagte er mit einem gewieften Blick, bei dem ich plötzlich auf der Hut war.

„Ich habe den leisen Verdacht, dass ich mich bei dem, was auch immer gleich aus deinem Mund kommt, extrem unwohl fühlen werde“, sagte ich mit hochgezogener Braue. Er war heute Abend wirklich in seltener Hochform. Normalerweise ließ Trevor höchstens mal eine Bemerkung fallen, an der ich merkte, dass ihm die Sache zwischen uns ernster war, als er sich anmerken ließ, oder dass er mich genauer beobachtete, als er zugab.

„Er war … offen. Hat sein Leben gelebt, als gäbe es nichts zu verbergen.“

„Ein offenes Buch, was?“

„Na ja, größtenteils. Und wenn er über etwas nicht reden wollte, hat er das einfach gesagt und ist zum nächsten Thema übergegangen.“

„Scheiße, warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen?“

Trevor zog eine Braue hoch. „Weil es dir Spaß macht, Leute zu verarschen und Wortspielchen mit ihnen zu treiben.“

„Stimmt, ich betrachte das gern als Vorspiel“, sagte ich und wackelte mit den Augenbrauen.

Ich nahm es ihm nicht übel, dass er mir einen unbeeindruckten Blick zuwarf. „Du hingegen tust alles in deiner Macht Stehende, damit die Leute dein wahres Ich nicht zu sehen bekommen. Unter all den spitzen Bemerkungen, dem Sarkasmus, den flapsigen Sprüchen, den charmanten Komplimenten und neckischen Kommentaren ist jemand vergraben, den du zu verstecken versuchst.“

„Oh Mann, das ist die Stelle im Gespräch, an der ich zugebe, dass ich nicht mehr sicher bin, ob wir hier positive oder negative Vergleiche ziehen.“

„Weder noch. Nur eine Beobachtung. Eins der Dinge, über die ich nachgedacht habe.“

„Klar, sicher“, sagte ich und nahm mein Glas so beiläufig wie möglich vom Schreibtisch. „Aber wenn du dich festlegen müsstest, würdest du dich sicher eher für den entscheiden, der mehr wie ein offenes Buch ist.“

„Offene Bücher sind schön und gut, aber die, bei denen man sich Zeit nehmen und sich durcharbeiten muss, haben auch etwas für sich“, sagte er lächelnd. „Selbst wenn sie nicht offen zugeben können, dass sie hören wollen, dass man sie mag, weil sie so sind, wie sie sind.“

„Tja, das würde nicht gerade nach so jemandem klingen“, gab ich zu bedenken. „Aber ich bin mir sicher, falls so jemand so etwas wollte, würde er sich wahrscheinlich wirklich freuen, diese Worte zu hören.“

„Da bin ich mir sicher.“

„Und vielleicht wäre er sogar versucht zuzugeben, dass es ihn in seinem kleinen schwarzen Herzen berührt, zu wissen, dass es da draußen jemanden gibt, der ihn so mag, wie er ist.“

„Nun, hoffentlich weiß derjenige auch, dass er eines Tages, wenn er sich wohl genug fühlt, solche Dinge aussprechen kann, ohne befürchten zu müssen, verurteilt oder zurückgewiesen zu werden.“

Ich trank den Rest aus. „Tja, falls wir je so jemandem begegnen, wissen wir wohl, was wir ihm sagen müssen. In der Zwischenzeit könnten wir doch aufhören, in Erinnerungen zu schwelgen, so schön es auch wirklich war, und uns vielleicht auf die Gegenwart konzentrieren.“

„Hm, soweit ich weiß, ist das Ethan-Code für ‚Nimm mich mit nach Hause, damit ich entweder dein ganzes Essen aufessen, über dich herfallen oder dein Bett klauen kann‘“, sagte Trevor, doch mir entging nicht, dass er ein paarmal mit der Maus klickte und das Licht seines Bildschirms schwächer wurde.

„Ehrlich“, sagte ich und beugte mich über seinen Schreibtisch, um meine Tasche von der anderen Seite zu holen. „Ich bin ein bisschen beleidigt, dass du mir nicht zutraust, das alles in einer Nacht zu schaffen.“

Er überraschte mich, als er mich sanft küsste und unsere Lippen einen Moment lang aufeinander verweilen ließ, bevor wir uns voneinander lösten. „Stimmt, du bist ein Mann mit vielen Talenten. Unter anderem weißt du, wie man genau richtig zuhört.“

„Mit Schmeicheleien erreichst du bei mir alles“, sagte ich leise und spürte, wie sich meine Brust bei dem warmen Ausdruck in seinen Augen zusammenzog. „Komm, lass uns nach Hause gehen.“

Szene 2

Trevor

Zwischendurch ein paar Worte

So, das war die erste. Sie hätte ins Buch gepasst, aber irgendwann muss man sich als Autor fragen, ob sich die Dinge vielleicht zu sehr in die Länge ziehen oder ob man anfangen muss zu kürzen. Man hat mir gesagt, dass ein guter Teil der Leserschaft auch Bücher von mir lesen würde, die über 150.000 Wörter lang sind, aber das ist nicht immer machbar. Und nicht nur, weil ich versuche, die breite Leserschaft zu erreichen, ohne zu viele Leute abzuschrecken – auch wenn das ein guter Grund ist.

Manchmal liegt es daran, dass … ich kribbelig werde, wenn ich an einer Reihe schreibe und eins der Bücher dicker wird als die anderen. So war es bei diesem Buch. Mir wurde klar, dass es auf seinen Gleisen dahinrollte und die Strecke vor ihm länger sein würde, als ich geplant hatte.

Aber so ist das nun mal, wenn man ein Bauchschreiber ist. Ohne strikten Plan hat man tolle Ideen und zaubert Dinge aus dem kreativen Äther, auf die man mit einer Gliederung wahrscheinlich nicht gekommen wäre, aber man produziert auch hin und wieder Wortkotze, die man selbst oder das Lektorat aufräumen muss, damit am Ende kein riesiger, klumpiger Brei daraus wird. (Da hast du ein schönes Bild.)

Womit wir, wenn auch nicht ganz so knapp, bei der nächsten Szene wären. Ein weiteres Opfer der ‚Heiliger Strohsack, das Buch wird zu dick‘-Schere. Auch sie wurde gestrichen, aber in meiner ursprünglichen Vorstellung war die Szene aus Ethans Sicht erzählt. Als ich an der Stelle angekommen war (ohne zu wissen, dass ich sie streichen würde), beschloss ich, dass sie aus Trevors Sicht mehr Sinn ergab. Ich hoffe, die Logik hinter dieser Entscheidung erschließt sich dir, wenn du sie liest.

Sie wurde aus denselben Gründen gestrichen wie die vorige: um die Wortzahl zu reduzieren und überflüssigen Ballast zu vermeiden. Die vorige Szene war nicht unbedingt nötig, um zu zeigen, dass Ethan und Trevor sich näherkamen oder dass Trevor nicht so sehr an der Vergangenheit festhielt, dass es ihm schadete. Und bei dieser hier musste ich nicht so tief in Ethans Familiendynamik eintauchen, da es mehr als genug war, seine Eltern zu erwähnen und ihn und Bri zu zeigen.

Trotzdem sind genau dafür Extraszenen wie diese da: um sie dir zu zeigen, auch wenn sie nicht offiziell veröffentlicht wurden. Also, bitte schön!

Als ich vor Bris Haus vorfuhr, runzelte ich die Stirn, weil ich ein fremdes Auto in der Einfahrt entdeckte. Dass die beiden Besuch hatten, den ich nicht kannte, störte mich nicht – weder Bri noch Ethan waren gerade ungesellig. Mich störte vielmehr, dass Ethan keinen Besuch erwähnt hatte, als wir uns kurz geschrieben hatten.

Gerade weil er sich kaum gemeldet hatte, war ich auf die Idee gekommen, vorbeizuschauen. Ich wusste immer, wann er für eine Recherche unterwegs war, und im Allgemeinen hielt er mich gut auf dem Laufenden. Zu Hause war er normalerweise gesprächiger, es sei denn, er war abgelenkt, aber solche Ablenkungen hielten für gewöhnlich nicht den ganzen Tag an wie heute.

Ich fragte mich, ob sich hier gerade zwei Puzzleteile zusammenfügten, und hielt hinter Bris Auto. Der Motor tickte noch ein paar Sekunden, bevor ich die Tür öffnete, sie hinter mir schloss und zur Veranda hinaufging. Als ich an die Tür klopfte, konnte ich gerade so ein Gespräch heraushören.

Schwere Schritte auf dem Holzboden verrieten mir, dass es Bri war. Beide Geschwister waren ausgesprochen selbstbewusst und kein bisschen schüchtern, aber wenn Ethan nicht gerade Lärm machen wollte … oder redete, war er fast völlig lautlos. In Anbetracht seines Berufs ergab das durchaus Sinn, genau wie die schwereren Schritte seiner Schwester, einer Anwältin, die grundsätzlich im Powerwalking-Tempo unterwegs war.

Sie öffnete die Tür, eine Falte auf der Stirn, bis sie mich auf ihrer Veranda erkannte, und die Überraschung, die ihre Augenbrauen in die Höhe schießen ließ, war unmissverständlich. „Trevor? Was, äh, was führt dich hierher?“

„Na ja, ich könnte lügen und sagen, ich wollte dich besuchen, aber ich glaube nicht, dass du mir das abkaufen würdest oder dass dein Freund diesen Kommentar zu schätzen wüsste“, sagte ich lächelnd.

„Oh Mann, du verbringst definitiv viel zu viel Zeit mit Ethan“, stöhnte sie. „Er hat dich also angerufen, damit du ihn rettest, was?“

Hätte ich nicht mit seiner Schwester gesprochen, hätten bei dieser Frage sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf geschrillt. Stattdessen runzelte ich die Stirn. „Wie bitte?“

Sie blinzelte. „Du … hat er etwa nicht?“

„Nein, er hat kaum mit mir gesprochen. Ich hatte ganz deutlich den Eindruck, dass er nicht gerade bester Laune war. Da ich den Rest des Tages frei habe, wollte ich sehen, ob ich etwas tun kann, um seine Laune zu heben.“

„Na, das kann ja heiter werden.“

„Verpasse ich hier irgendwas?“

„Ja, und wenn du hier fertig bist, wirst du dir wahrscheinlich wünschen, du hättest es weiter verpasst“, sagte sie und verdrehte die Augen. „Ich warne dich lieber vor: Wenn du abhauen willst, ist jetzt die beste Gelegenheit, bevor man dich entdeckt.“

Ich warf einen Blick über ihre Schulter, konnte aber niemanden sehen, nur Stimmen hören. „Na ja, das FBI kann es nicht sein. Man hätte mich gewarnt, wenn die beschlossen hätten, in meine Stadt zu kommen, um Ethan zu verhaften. Ich hätte protestiert, weil ich mir sicher bin, dass nichts von dem, was er im Ausland getan hat, es wert ist, ihn deswegen auszuliefern.“

„Ich will es gar nicht wissen“, sagte Bri und blinzelte langsam. „Und solange du in diesem Haus bist, behalte dein Wissen für dich.“

Darüber musste ich ein wenig lachen. „Glaubst du wirklich, ich würde die Geheimnisse deines Bruders ausplaudern? Also, muss er gewarnt werden, dass ich hier bin?“

„Bei jedem anderen als Ethan würde ich sagen, dass das eine gute Idee wäre“, sagte sie kopfschüttelnd.

„Okay“, sagte ich und fragte mich, bei welchem Unfug ich ihr gerade half. Ich folgte ihr ins Haus und schloss die Tür hinter mir.

„Ja, lieber um Verzeihung bitten als um Erlaubnis fragen“, sagte sie schnaubend, als wir die Küche betraten.

Und in dem Moment wurde mir klar, dass ich mich vielleicht nicht auf Bri verlassen und lieber ein andermal hätte wiederkommen sollen. Ethan stand in der Tür zur Treppe, die hinunter zur Hintertür führte, und unterhielt sich mit jemandem, den ich nicht sehen konnte.

Er trat zurück, als die Frau, mit der er sprach, durch die Tür kam und mich entdeckte. „Oh, und wer ist das?“

„Trevor?“, stieß Ethan hervor, als er mich sah, und es war ehrlich gesagt urkomisch, ihm den echten Schock ins Gesicht geschrieben zu sehen. „Was machst du denn hier?“

„Er wollte mal vorbeischauen und sehen, wie es uns geht“, antwortete Bri, bevor ich mir überlegen konnte, was ich sagen sollte.

„Barbara“, grollte eine tiefere Stimme. „Was ist los?“

„Bri hat Besuch“, rief Barbara zurück, und ich hörte den Mann seufzen, als er die Treppe hinaufstapfte. Er hatte Colin auf dem Arm, als er hinter seiner Frau stehen blieb und mich mit einer Neugier musterte, in die sich deutlich Gereiztheit mischte.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, zwischen den beiden und dann zu den Geschwistern hin und her zu blicken, um zu erkennen, dass das ihre Eltern waren. Die Ähnlichkeit war verblüffend … und ein bisschen bizarr. Bri kam äußerlich eindeutig nach ihrer Mutter, auch wenn ihr Auftreten dem ihres Vaters glich.

Den älteren Mann anzusehen, war, als würde ich Ethan in ein paar Jahrzehnten sehen. Und wenn das stimmte, würde der kleine Mistkerl deutlich würdevoller altern als ich. Anders als sein Sohn strahlte dieser Mann allerdings eine ernste, fast schon düstere Energie aus. Barbaras strahlendes Wesen, das sofort auffiel, erinnerte eher an Ethans Geselligkeit, wenn auch etwas quirliger als bei ihrem Sohn.

„Eigentlich ist er Ethans Gast, nicht meiner“, sagte Bri, warf ihr Haar über die Schulter und lächelte ihre Mutter an.

„Trevor“, sagte ich, obwohl ich bereits angekündigt worden war, und streckte den beiden die Hand entgegen. „Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Barbara“, sagte sie höflich und deutete hinter sich. „Und mein Mann, Daryl.“

„Er ist der Polizeichef hier im Ort“, fügte Bri hinzu.

„Und er ist wegen dir hier?“, fragte Daryl Ethan. „Ich dachte, die Zeit der kleinen Delikte hättest du hinter dir.“

„Als Gast“, korrigierte Bri, ihr Ton gerade bestimmt genug, um ihn zurechtzuweisen, aber sanft genug, um nicht zu hart zu klingen.

„In diesem verschlafenen Städtchen bin ich kein gesuchter Mann“, sagte Ethan mit einem Lächeln zu seinem Vater, das mich beunruhigte. „Ich bin jetzt älter. Wenn ich etwas anstelle, für das es sich lohnt, verhaftet zu werden, dann wird dabei bestimmt kein Dorfpolizist eine Rolle spielen.“

„Ich bin nicht hier, um Ethan zu verhaften“, sagte ich mit einem, wie ich hoffte, beruhigenden Lächeln. Ich nahm Ethan seine Worte nicht übel. Ich wusste, dass es kein Seitenhieb gegen mich war; sein kaum merklich spröder Ton galt eher seinem Vater als irgendjemandem sonst. „Nur zu Besuch.“

„Ich wusste gar nicht, dass die hiesige Polizei dazu neigt, Leuten, die sie kaum kennt, private Besuche abzustatten“, fügte Barbara munter hinzu, während ihr Mann den Mund öffnete und bei ihren Worten wieder schloss.

„Normalerweise nicht“, gab ich zu und versuchte, dem Drang zu widerstehen, Ethan hilfesuchend anzusehen.

Zumindest verstand ich jetzt, warum er vorhin beim Schreiben so abgelenkt gewesen war und warum Bri sich so vage ausgedrückt hatte. Ich wusste, dass Ethans Verhältnis zu seinen Eltern angespannt war, aber ich hatte nicht damit gerechnet, es so bald mit eigenen Augen zu sehen. Die Spannung hing wie dichter Nebel zwischen allen im Raum.

„Oh, dann … was machen Sie hier?“, fragte Barbara.

Ich sah endlich zu Ethan, als ich sprach. „Wir … gehen miteinander aus.“

Ethans neutraler Gesichtsausdruck veränderte sich nicht … zumindest größtenteils nicht. Aber bei meinen Worten ging eine subtile Veränderung über sein Gesicht, die ich nicht genau benennen konnte. Was auch immer ich sah, es reichte, um mich zu ermutigen, und ich lächelte und betete, dass ich die Zeichen richtig deutete.

„Als … Paar?“, fragte Daryl zögernd, aber sein Ton war so scharf wie eh und je.

„Ja, Dad“, sagte Ethan und verdrehte die Augen.

Sein Ton war genervt, aber die Bestätigung ließ ein flatterndes, glückliches Gefühl in mir aufsteigen, das mich völlig unvorbereitet traf. Es war mir egal, dass wir Zuschauer hatten, während ich ihn ansah und ein wenig lächelte, als mir klar wurde, dass er mich, ohne zu zögern, ‚für sich beansprucht‘ hatte. Vielleicht wollte er seinen Eltern damit nur den Mittelfinger zeigen, aber es reichte trotzdem, um mein Herz einen Schlag aussetzen zu lassen.

Trotzdem sah ich, wie seine Eltern zwischen uns beiden hin und her blickten und rechneten. Auch wenn ich vielleicht besser gealtert war als manch anderer, ließ sich nicht leugnen, dass man mir die Jahre deutlich ansah. Ich konnte die Rechnung förmlich in ihren Gesichtern sehen, als ihnen klar wurde, dass ich wahrscheinlich näher an Daryls Alter war als an Ethans.

Über diesen Aspekt unserer Beziehung hatte sich keiner von uns je die Mühe gemacht zu reden. Viele Leute in Fairlake waren ein wenig empört über unseren Altersunterschied, aber da sie es beim Tratsch beließen, statt es uns ins Gesicht zu sagen, war es nie zur Sprache gekommen.

„Das ist … ein ganz schöner Altersunterschied“, sagte seine Mutter schließlich, doch hinter ihrem Lächeln sah ich die Sorge.

„Wie alt sind Sie eigentlich, Chief Price?“, fragte Daryl mit gerunzelter Stirn.

„Dad“, tadelte Bri ihn sanft. „Komm schon.“

„Ich denke, ich habe das Recht, mir Sorgen zu machen“, fuhr er fort und starrte mich dabei an. Das musste man ihm lassen: Wäre ich wegen des Altersunterschieds auch nur im Geringsten unsicher gewesen, hätte er mich damit vielleicht eingeschüchtert.

„Wir wollen nur sichergehen, dass du glücklich bist und man sich gut um dich kümmert“, sagte seine Mutter schnell. Ich hatte das Gefühl, dass sie es gewohnt war, für ihren Mann ziemlich oft die Wogen zu glätten.

„Du meinst, ihr habt Angst, dass mich irgendwie jemand ausnutzt“, sagte Ethan mit einer so tonlosen Stimme, wie ich sie noch nie bei ihm gehört hatte.

„Nicht … ganz“, sagte sie, und ihr nervöser Blick huschte zu mir.

Vielleicht hatte Bri recht und ich verbrachte zu viel Zeit mit Ethan, aber ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. „Ist das Ihr Ernst?“

Daryls Miene ließ keinen Zweifel daran, wie ernst es ihm war. „Sie können unsere Sorge sicher verstehen. Niemand, der … jung ist, wird Polizeichef, nicht einmal in einer Kleinstadt wie dieser.“

„Sag doch einfach Kaff und erspar uns die Höflichkeiten“, murmelte Ethan.

„Ethan“, raunte Bri ihm warnend zu.

„Was denn? Genau das hat er gedacht“, zischte Ethan zurück. „Ich weiß nicht, warum er so tut, als hätte er das nicht gedacht.“

„Er ist höflich“, sagte Barbara streng zu ihm.

Ethan verdrehte die Augen. „Während er Trevor im selben Satz als alt bezeichnet. Ja, Mom, er war echt höflich.“

„Wie viele Jahre liegen zwischen euch“, schnaubte sein Vater, „zwanzig?“

Ich begegnete kurz Ethans Blick und vermutete, dass er dasselbe dachte wie ich. Sein Vater lag gar nicht so falsch, er irrte sich nur um ein paar Jahre. Außerdem war Ethan so angespannt, wie ich ihn noch nie erlebt hatte, und ich konnte mir nur ausmalen, was für ein Gespräch stattgefunden hatte, bevor ich aufgetaucht war und ihnen ein neues Gesprächsthema geliefert hatte.

„Ich glaube“, begann ich, ohne Ethan aus den Augen zu lassen, „das Problem ist, dass Sie sich auf eine Zahl konzentrieren. Statt auf die Erfahrung, die Fähigkeiten und die Weisheit Ihres Sohnes.“

„Alter ist nur eine Zahl“, sagte Daryl in einem Ton, der Bände darüber sprach, was er von diesem Spruch hielt.

Ich warf ihm einen Blick zu. „Strafverteidiger?“

Sein Kiefer spannte sich an. „Ja.“

Ich nickte, weil ich zu wissen glaubte, woher seine Skepsis kam. „Nun, Ihre Haltung wäre völlig verständlich, wenn Ihr Sohn achtzehn wäre, gerade erst ins Leben hinausgetreten, blauäugig und ohne echte Erfahrung. Aber Ihr Sohn ist bald dreißig und hat mehr gesehen und getan, als Menschen, die doppelt oder dreimal so alt sind wie er, es je tun werden.“

Er schnaubte verächtlich. „Und was wissen Sie schon über meinen Sohn? Er ist doch erst seit ein paar Monaten hier.“

Ich war schwer versucht, darauf hinzuweisen, dass ich offensichtlich mehr über seinen Sohn wusste, als er je wissen würde, aber ich wollte den Mann nicht noch mehr reizen, als er ohnehin schon gereizt war. Stattdessen lächelte ich. „Ich glaube, jeder, der Zeit mit Ihrem Sohn verbringt, hat gute Chancen, herauszufinden, wie fähig er ist. Und da ist die Arbeit, die er im Lauf der Jahre offen beschrieben hat, noch gar nicht mitgerechnet.“

Beide Eltern warfen sich einen Blick zu, in dem ein Unbehagen lag, das ich nicht verstand. Daraufhin schnaubte Ethan. „Keine Sorge, Trevor, sie zerbrechen sich innerlich den Kopf darüber, ob das, was ich mache, als richtiger Job zählt.“

„Wir haben eher an Stabilität gedacht“, korrigierte Daryl.

„Und an Sicherheit“, fügte seine Mutter hinzu.

„Seit wann haben Stabilität oder Sicherheit bei dem, was ich mache, jemals eine Rolle gespielt?“, fragte Ethan gereizt.

„Das ist … ja genau der Punkt“, sagte Barbara und verzog das Gesicht. „Du wirst nicht jünger, und eines Tages wirst du etwas haben wollen, auf das du zurückgreifen kannst.“

„Moment mal, ich bin also nicht alt genug, um mit Trevor auszugehen, aber alt genug, um über irgendeinen langweiligen, bequemen Bürojob nachzudenken?“, fragte Ethan.

„Musst du immer alles schwieriger machen, als es sein muss?“, fragte sie mit einem schweren Seufzer.

„Und dabei hätte ich gedacht, dass eine Familie voller Anwälte es zu schätzen weiß, wenn jemand auf einen logischen Widerspruch in einer Argumentation hinweist“, sagte Ethan trocken.

Den Mienen des älteren Paares nach zu urteilen, wussten sie es nicht im Geringsten zu schätzen. Tatsächlich war die Stimmung im ganzen Raum noch angespannter als bei meiner Ankunft. Jetzt knisterte eine nervöse Energie in der Luft, und es fühlte sich an, als bräuchte es nur einen Stoß in die richtige Richtung, damit eine Explosion durchs Haus fegte.

Was natürlich genau der Moment war, in dem Colin beschloss, dass er genug davon hatte, von seinem Großvater gehalten zu werden, und anfing zu zappeln. Ich sah zu, wie er sich herumdrehte und sich mit einem tiefen Stirnrunzeln im kleinen Gesicht gegen Daryls Brust stemmte. Dann fiel sein Blick auf Ethan, seine Augen wurden sofort groß, und er reckte die Arme in die Höhe.

„E-ton!“, sagte er in einem Ton, der absolut keinen Zweifel daran ließ, dass es sich tatsächlich um eine Forderung handelte.

„Ja, Kumpel, ich hör dich ja“, murmelte Ethan und trat vor, um die Hände nach ihm auszustrecken. Es war das erste Mal, dass ich sah, wie Ethan Colins Aufmerksamkeit ohne Zögern oder Verwirrung annahm.

Ich zog leicht die Augenbrauen hoch, als ich sah, wie Daryl zögerte, den Jungen herzugeben, und einen Moment lang fragte ich mich, ob wir den Funken gefunden hatten, der alles in Brand setzen würde. Der Moment endete sofort, als Bri ein leises Geräusch machte, das ein Räuspern hätte sein können. Ob es eines war oder nicht, spielte keine Rolle; es genügte, um den Gedanken und einen guten Teil der Spannung aus dem Raum zu vertreiben, als Daryl Colin hochhob und ihn in Ethans wartende Arme legte, sehr zu Colins quietschender Freude.

„Du bist echt schräg, Kumpel“, murmelte Ethan seinem Neffen zu, aber ich musste einfach lächeln, als ich sah, wie er Colin ein wenig fester hielt als sonst. Oder wie er sich nicht beschwerte, als Colin seiner üblichen Angewohnheit nachging, mit Ethans Gesicht zu spielen.

„Also“, begann Bri mit einer Fröhlichkeit, die beeindruckend glaubwürdig klang. „Wie wär’s mit dem Abendessen, das ich euch versprochen habe?“

„Oh, kommt Adam denn noch?“, fragte Barbara munter. „Ich habe ihn ja eine Ewigkeit nicht gesehen.“

„Ich hätte nichts dagegen, zu erfahren, wie es mit seinem Geschäftsvorhaben läuft“, sagte Daryl in einem umgänglicheren Ton als bisher.

„Ja, er und Bennett kommen noch“, sagte Bri und zeigte dann mit dem Finger auf ihren Vater. „Und beim Abendessen gibt es absolut keine unangenehmen Fragen, verstanden?“

„Wie kommst du darauf, dass es welche geben würde?“

„Weil du mir jedes Mal, wenn wir miteinander gesprochen haben, ein paar Dutzend davon gestellt hast, als Adam und ich uns getrennt haben, und dann noch mehr, als du von Bennett erfahren hast.“

„Sich zu fragen, warum dein Ex-Mann mit einem Mann zusammen ist –“

„Geht dich nichts an“, sagte Bri scharf. „Und glaub bloß nicht, dass ich mich beim Abendessen nicht zum Affen mache, um dich wegen aufdringlicher Fragen zurechtzuweisen. Also benimm dich.“

„Er wird sich benehmen“, versicherte Barbara ihrer Tochter, schenkte mir ein kurzes Lächeln und führte ihren Mann und ihre Tochter aus dem Raum.

„Du kommst klar, oder?“, rief Bri über die Schulter.

„Ich werde versuchen, dein Kind nicht auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen“, rief Ethan ihr mit finsterer Miene hinterher.

„Nicht, ohne einen guten Preis rauszuholen“, rief Bri zurück, und dann hörte ich noch ihre genervten Worte, als sie die Tür schloss. „Das war ein Witz, Dad.“

Mit dem Schließen der Tür wich auch der letzte Rest Anspannung aus Ethan, obwohl er das Gesicht verzog, als Colin kräftig an seiner Unterlippe zog. „Kumpel, wenn ich ein Lippenpiercing will, gehe ich zu einem Profi, der dafür nicht etwas so Unhygienisches wie seinen Fingernagel benutzt.“

Was Colin wie üblich nur noch mehr begeisterte, auch wenn sich seine Aufmerksamkeit jetzt auf Ethans Nase richtete. Lächelnd beobachtete ich die beiden, während Ethan halbherzig so tat, als würde er sich beschweren, und Colin fast völlig freie Hand ließ.

„Babysitterdienst?“, fragte ich schließlich mit einem schiefen Grinsen.

„Ja, so sehr vertraut mir meine Schwester. Kannst du dir das vorstellen?“, fragte Ethan schnaubend.

Unter anderen Umständen hätte ich geglaubt, dass Ethan einfach wie üblich den Klugscheißer gab. Nachdem ich aber eines der angespanntesten, wenn auch noch halbwegs höflichen Kräftemessen zwischen ihm und seinen Eltern miterlebt hatte, kaufte ich ihm das nicht ab.

„Ich meinte eher, dass es mich überrascht, dass du überhaupt zugesagt hast.“

„Ich hab’s angeboten.“

„Wow, Colin wächst dir ja richtig ans Herz.“

„Na ja“, sagte Ethan und senkte leicht den Kopf, als Colin anfing, mit seinem dichten Haar zu spielen. „Er hat seine Momente.“

„Willst du … darüber reden, was gerade passiert ist?“, fragte ich und wusste, dass ich an seiner Reaktion abschätzen musste, ob wir das tun sollten oder nicht.

„Worüber reden? Über den Teil, in dem meine Eltern jede Lebensentscheidung infrage stellen, die ich je getroffen habe, und alles anzweifeln, was ich je getan habe, tun kann oder tun werde? Oder darüber, dass ich mich fühle wie ein Teenager in Abwehrhaltung, der früher oder später sowieso wieder für irgendwas Ärger kriegt?“, fragte er trocken. „Ich glaube, das hast du gerade selbst in allen Einzelheiten mitbekommen.“

„Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte es nicht gesehen?“

„Ehrlich gesagt, ja. Ich mag es nicht mal, wenn meine eigene Familie diesen Scheiß mitbekommt. Warum bist du überhaupt hier? Hat Bri dich angerufen?“

„Nein, sie war genauso überrascht, mich zu sehen“, sagte ich schulterzuckend. „Aber du warst heute ungewöhnlich still, und ich habe mir Sorgen gemacht. Mir war nicht klar, dass ich mitten in etwas hineinplatzen würde.“

Er blickte zu mir auf, die blonden Strähnen, die ihm ins Gesicht hingen, gerade fest im Griff seines Neffen. „Wir könnten darüber reden, wie souverän du es weggesteckt hast, dass mein Dad nur noch zwei Schritte davon entfernt war, dich einen Triebtäter zu nennen.“

„Ich glaube, wir wissen beide, dass es in dieser Stadt wahrscheinlich jede Menge Leute gibt, die gemeine Dinge über uns gesagt haben, weil wir zusammen sind“, sagte ich mit einem weiteren Schulterzucken.

„Stört dich das?“

„Sieht es so aus, als würde es mich stören?“

„Es hat dich ein bisschen gestört, auch wenn es sonst keiner sehen konnte.“

Daraufhin lächelte ich wieder. „Es hat mich gestört, weil ich gesehen habe, wie aufgewühlt du warst. Na ja, und es hat mir nicht gerade gefallen, wie man dich behandelt hat.“

Er verdrehte die Augen. „Willkommen in meinem Leben. Alle behandeln mich gern wie ein Problem.“

„Ich nicht.“

„Hast du aber.“

„Stimmt“, gab ich zu und drückte kurz seine Hüfte. „Aber jetzt nicht mehr. Ich habe es geschafft, über meinen Stolz und meine Wut hinwegzukommen und den Mann hinter dem Vorhang zu sehen. Und ich sehe jemanden, der intelligent, witzig, großherzig und voller Leben ist.“

„Das ist eine nette Umschreibung dafür, dass ich eine Nervensäge bin“, sagte er mit einem Lächeln, das eine Spur schüchtern war.

Ich lachte leise und beugte mich hinunter, um seine Lippen mit meinen einzufangen. „Ja, aber was mich betrifft, bist du meine Nervensäge. Auch wenn ich alt genug bin, um deinem Vater Herzrasen zu verschaffen.“

Seine Augen leuchteten auf. „Gott, hast du sein Gesicht gesehen? Ich dachte, er kriegt einen Schlaganfall. Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn er wüsste, was ich früher so getrieben habe.“

„Nicht vor dem Kind“, erinnerte ich ihn mit einem Blick auf Colin.

Ethan verdrehte die Augen. „Als ob ich dir meine Eskapaden in allen Einzelheiten schildern würde.“

„Eskapaden nennen wir das also?“

„Wie würdest du es denn nennen?“

„Ausschweifungen? Laster?“

„Ausschweifungen? Meine Güte, vielleicht hat mein Dad recht und du bist zu alt für mich.“

„Süß“, sagte ich und gab ihm einen Klaps auf den Arsch, sodass er überrascht aufjaulte. „Ich zeig dir nachher, wer hier alt ist. Aber jetzt sorgen wir erst mal dafür, dass wir etwas in den Magen bekommen, und schauen, ob wir es zu zweit nicht schaffen, ein Kleinkind zu beschäftigen.“

„Wie … häuslich“, sagte Ethan, aber ich musste einfach lächeln, weil ich in seiner Stimme keinen Sarkasmus hörte, sondern eine Art Staunen, als hätte er nie in Betracht gezogen, etwas so Normales zu tun. Wer weiß? Vielleicht hatte er seine innere Landkarte anders angelegt, und das hier war eine völlig neue Erfahrung für ihn, anders als alles, was sein abenteuerliches Leben ihm bisher geboten hatte.

Es war ein schöner Gedanke, dass ich ihm helfen konnte, diesen Moment zu erleben.

„E-ton!“, kicherte Colin, als Ethan anfing, ihn kopfüber zu drehen.

Mit etwas Hilfe natürlich.

Anmerkung des Autors

Zum Schluss

Da hast du sie also, zwei Extraszenen, die es nicht ins Buch geschafft haben. Normalerweise gibt es noch viel mehr Szenen, die entweder nie geschrieben oder nur halb geschrieben wurden, bevor sie im Müll gelandet sind. Schreiben ist dem Leben ziemlich ähnlich und kann extrem chaotisch werden.

Ich habe nur diese beiden ausgewählt, weil sie am ehesten zur veröffentlichten Geschichte passen, und auch wenn ich sie gekürzt habe, damit alles ordentlich bleibt, zeigen sie trotzdem mehr von der Beziehung zwischen Ethan und Trevor. Ehrlich gesagt könnte ich mich wahrscheinlich hinsetzen und noch mehr Szenen schreiben, wenn auch nur kleine Schnipsel oder kurze Szenen … so wie bei den meisten meiner Bücher.

Leider muss ich noch andere Bücher schreiben und kann mich nicht nur auf ein Paar konzentrieren. Aber wie bei meinen anderen Reihen heißt das nicht, dass du die beiden zum letzten Mal gesehen hast. Wer gerade erst mit dieser Reihe anfängt, begegnet ihnen schon in den vorherigen Büchern, oder zumindest werden sie dort erwähnt. Und in den nächsten paar Büchern wirst du sie und die anderen Figuren, über die ich schon geschrieben habe, bestimmt wiedersehen.

Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss die Geschichte eines gewissen Sanitäters und eines Neuzugangs bei der Polizei weiterschreiben, damit du den nächsten Band der Reihe bekommst.

Also dann, bis dahin

Romeo Alexander

Danke fürs Lesen!

Haben dir die Szenen gefallen?

Dann würde ich mich riesig über eine kurze Rezension zu Fesseln der Liebe auf Amazon freuen. Schon ein, zwei Sätze helfen anderen Lesern, das Buch zu finden.

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