Das Geheimnis meines besten Freundes

Noch nicht gelesen?
Hier beginnt die Geschichte von Bennett und Adam: Das Geheimnis meines besten Freundes, Band 1 der Männer aus Fairlake.
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Anmerkungen des Autors
Für diese beiden Kapitel gab es in dem Buch „Das Geheimnis meines besten Freundes“ aus der Reihe „Die Männer aus Fairlake“ keinen Platz. Es passiert oft, dass man während des Schreibens merkt, dass Absätze oder, wie in diesem Fall, angefangene Kapitel nicht richtig in die Geschichte passen. Doch das bedeutet nicht, dass der Gedanke, den man beim Schreiben hat, auf magische Weise verschwindet. Also habe ich beschlossen, sie zu Ende zu schreiben, damit du sie lesen kannst.
Wenn du „Das Geheimnis meines besten Freundes“ bereits gelesen hast, sind dies ein paar nette Hintergrundszenen; wenn du das Buch noch nicht kennst, bekommst du auf diese Weise einen kleinen Vorabeindruck der beiden Hauptfiguren sowie der Stadt Fairlake, wo das Buch und die Reihe angesiedelt sind. Beide Kapitel erzählen Ereignisse, die ein paar Jahre vor der eigentlichen Geschichte geschehen sind.
Kapitel 1
Bennett
Chase grinste und tätschelte meinen Bauch. „Ich bin sooo froh, dass ich dich glücklich machen kann, Bennett. Es erfüllt mich mit innerer Zufriedenheit und gibt meinem Leben einen Sinn.“
„Blödmann“, brummte ich, konnte mir ein Lächeln jedoch nicht verkneifen. Sein Sarkasmus war, wie alles andere an diesem Mann, eine Maske.
Ich wusste ganz genau, dass er sich darüber freute, dass ich glücklich war, aber es fiel ihm nicht leicht, Lob oder Anerkennung anzunehmen. Unsere Freundschaft kam vielen Leuten seltsam vor. Was unter anderem daran lag, dass niemand sich die Mühe machte, Chase wirklich kennenzulernen. Sie warfen einen oberflächlichen Blick auf Chase und entschieden, dass man sich besser nicht mit ihm anlegte. Was man ihnen einerseits nicht verdenken konnte. Andererseits entging ihnen dadurch, dass sich hinter seiner Spitzzüngigkeit und Mürrischkeit ein Mann verbarg, der ein gutes Herz besaß und anderen half, ohne es an die große Glocke zu hängen.
„Willst du aufstehen oder den ganzen Tag hier rumliegen?“ Chase gab mir einen Klaps auf den Oberschenkel.
„Wenn es denn sein muss“, stöhnte ich und rollte mich von ihm weg, nur um sofort daran erinnert zu werden, dass wir auf der Couch lagen. „AH!“ Reflexartig streckte ich die Arme aus, um den Sturz abzufangen, und landete dennoch mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden zwischen Couchtisch und Couch. Schmerz durchzuckte mich. „Au.“ Auf dem Boden liegend machte ich eine schnelle Bestandsaufnahme.
„Tja“, grunzte Chase, der es nicht einmal für nötig hielt, nach mir zu sehen. „Dem Gezeter nach zu urteilen, hast du dich wohl nicht verletzt.“
„Nur meinen Stolz“, brummte ich, richtete mich auf und starrte ihn finster an. „Du hättest wenigstens nach mir sehen können.“
„Dir ging es eindeutig gut.“
„Abgesehen davon, dass ich mich fühle, als hätte ich mir gerade die Knie aufgeschürft, geht's mir blendend.“
„Es ist nicht das erste Mal, dass du dir bei jemandem die Knie aufschürfst.“
Ich verdrehte die Augen und schlug ihm so fest auf den Arm, dass ein roter Fleck zurückblieb und er vor Überraschung zusammenzuckte.
„Da du schon mal auf bist, könntest du was zu trinken holen?“
Ich seufzte. „Für einen Filmabend solltest du eigentlich was im Haus haben.“
Er verdrehte die Augen. „Wenn ich vorher wüsste, wann du hier aufkreuzt, hätte ich vielleicht was da.“
Er tat so, als würde er mich ignorieren, als ich selbstzufrieden kicherte. Und ja, vielleicht war ich aus heiterem Himmel aufgetaucht.
Ich stand auf, ging in die Küche, holte zwei Bier aus dem Kühlschrank, schaute für einen Moment aus dem kleinen Fenster, das zur Straße hinausging, und runzelte die Stirn.
„Mir ist ein Gedanke gekommen“, verkündete ich, als ich ins Wohnzimmer zurückkam.
„Gott bewahre uns davor“, murmelte Chase, setzte sich auf und streckte ungeduldig eine Hand nach dem Bier aus.
Ich reichte es ihm. „Arsch.“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass dein Chief angedroht hat, dir für jeden Geistesblitz den Lohn zu kürzen.“ Chase nahm einen Schluck.
Ich verdrehte die Augen und setzte mich auf die Armlehne der Couch. „Ich sollte mal wieder bei den Jensens vorbeischauen. Ich habe Diane und Erik schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen.“
„Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der immer noch bei den Eltern seines ehemaligen besten Freundes vorbeischaut“, schnaubte Chase und fixierte mich mit seinem Blick.
„Adam ist nicht mein ehemaliger bester Freund“, protestierte ich wenig überzeugend mit brüchiger Stimme.
Okay, vielleicht hatte ich seit fast einem Jahr nichts mehr von Adam gehört, der schon eine ganze Weile in Boston lebte. Er hatte sich in den letzten Jahren immer seltener gemeldet. Ich wusste, dass er ziemlich beschäftigt war, und ich vermutete, dass bei ihm viel mehr los war, als er mir mitteilen wollte.
„Wann siehst du endlich ein, dass er das nicht mehr ist?“ Chase sah verärgert zu mir auf.
„Wir sind beste Freunde, seit wir eingeschult wurden“, erinnerte ich Chase. „Es ist nicht einfach, das hinter mir zu lassen und zu vergessen.“
„Scheint für ihn ziemlich einfach zu sein.“
„Wirklich? Und wann hast du das letzte Mal von Devin gehört?“, schoss ich zurück.
Auf Chases ohnehin finsterem Gesicht blitzte Wut auf. Okay, die Bemerkung war vielleicht ein fieser Tiefschlag.
„Das ist nicht das Gleiche.“
„Wirklich?“, fragte ich gereizt. „Denn soweit ich mich erinnere, hast du schon eine ganze Weile nichts mehr von ihm gehört. Und ihr zwei standet euch damals genauso nahe wie Adam und ich.“
„Er … hat seine Gründe.“ Chase wandte den Blick ab, um zu verbergen, wie sehr meine Worte ihn trafen. Doch ich hatte es trotzdem gesehen. Augenblicklich fühlte ich mich schlecht, weil ich es erwähnt hatte, und meine Wut auf Chase verflog. Er redete nicht gern darüber, was mit Devin geschehen war. Vor allem, weil es in der Stadt mehr als genug Leute gab, die gern darüber tratschten. Als Devin spurlos aus Fairlake verschwand, gab es viele Theorien darüber, was mit ihm geschehen war. Einige meinten, er sei wahrscheinlich tot und als namenloser Toter in irgendeiner Stadt beerdigt worden, andere vermuteten, er sei Opfer eines Sexhandelsrings geworden, und wieder andere glaubten, er wäre Stricher in einer heruntergekommenen Gegend.
Ich wusste genauso wenig über den Verbleib von Devin wie alle anderen, und Chase sprach selten über ihn. Soweit ich es mitbekommen hatte, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es für ihn irgendwann irgendwo tödlich enden würde. Ob er sich für seine Drogen prostituierte, darüber hatte Chase nie ein Wort verloren, aber ich vermutete es.
„Vielleicht war die Bemerkung nicht fair“, gab ich schuldbewusst zu.
„Vielleicht?“
„Ja, Chase, vielleicht. Du kannst nicht einfach dasitzen und behaupten, dass Adam und Devin uns beide nicht wie unbedeutende Randfiguren in ihrem Leben behandeln. Nur weil ihre Lebensumstände anders sind, heißt das nicht, dass es nicht auf dasselbe hinausläuft. Wenn ich also damit klarkommen muss, dass mein bester Freund so mit seinem eigenen Scheiß beschäftigt ist, dass er null Zeit für mich hat, dann musst du das mit Devin auch.“
Er erhob sich von der Couch, den Kiefer angespannt. Ich konnte sehen, dass er immer noch sauer war, aber sein Schweigen sagte mir, dass ich zu ihm durchgedrungen war. Chase konnte ein sturer Arsch sein, aber er war nicht uneinsichtig und gab zu, wenn er im Unrecht war. Zumindest sich selbst gegenüber und jedem, der ihn zu durchschauen wusste. Er war nur nicht so gut darin, es offen zu sagen.
„Dein Handy pingt“, brummte er, ohne mich anzusehen.
Erfahrungsgemäß würde er noch gut zwanzig Minuten schmollen, bevor er ein richtiges Gespräch führen konnte. Also war es das Beste, ihn zu ignorieren.
„Oh“, sagte ich und ließ mich auf die Couch plumpsen. „Das ist Diane.“
Chase grunzte und verließ das Wohnzimmer, um in die Küche zu gehen. Dem Klirren nach zu urteilen, das zu mir rüberdrang, war er damit beschäftigt, seinen Biervorrat zu durchforsten. Ich kannte niemanden sonst, der darauf bestand, mehr Biersorten als Flaschen im Haus zu haben.
Diane, Adams Mutter, schrieb mir gelegentlich eine Nachricht, vor allem, wenn sie mich eine Weile nicht gesehen hatte. Sie fragte nie, warum ich mich nicht gemeldet oder vorbeigekommen war. Das war ihre Art, meine Unabhängigkeit zu respektieren. Doch wenn sie mir schrieb, antwortete ich normalerweise zügig. Wobei es manchmal vorkam, dass ich mich wegen einer Spätschicht, oder weil es gerade etwas Wichtiges auf der Arbeit zu erledigen gab, später bei ihr meldete.
Diane war so etwas wie eine zweite Mutter für mich. Meine Eltern und ich stammten nicht aus Fairlake und waren in die Nachbarschaft der Jensens gezogen. Und kurz nach unserem Einzug stand Diane mit einer Flasche Wein und einer riesigen Schüssel mit Auflauf vor unserer Haustür. Meine Mutter erzählte auch heute noch, dass der Auflauf unsere Familie durch die ersten Tage und Nächte mit all dem Stress des Einzugs und der Eingewöhnung gebracht hatte.
„Oh“, murmelte ich, als ich die Nachricht von Diane öffnete.
Sieh dir das Bild an, das ich gefunden habe! Ihr beide wart gerade mal sieben. Ist das nicht süß?
Auf dem Bild waren Adam und ich zu sehen. Adam warf mir einen seltsam erwachsenen, verärgerten Blick zu, wobei er mit einer Hand über sein schmutziges Shirt wischte. Ich stand neben ihm und wo meine Vorderzähne sein sollten, war eine Lücke, und ich war fast vollständig mit Schlamm bedeckt. Ich hatte an diesem Tag die glorreiche Idee gehabt, ein Loch im Garten der Jensens zu buddeln, um zu sehen, ob wir irgendwann auf Sand stoßen würden, weil ich unbedingt eine Sandburg bauen wollte.
Das Ergebnis war vorhersehbar, vor allem nach ein paar Tagen kräftigen Frühlingsregens. Adam hatte versucht, eine Schaufel zu benutzen, die jedoch für uns beide zu groß war, während ich mich damit begnügte, meine Hände zu benutzen. Sein Vater hatte uns entdeckt, als ich die glänzende Idee hatte, einen Schlammball nach Adam zu werfen. Unsere Schreie hatten seine Aufmerksamkeit erregt, und am Ende mussten wir das Loch eigenhändig zuschütten, sehr zum Ärger von Adam.
So war es in unserer Freundschaft immer gewesen. Zugegeben, ich war besser darin geworden, nicht jede meiner lächerlichen Ideen in die Tat umzusetzen. Und Adam war besser darin geworden, mich manchmal zurückzuhalten. Das lag einfach in der Natur unserer Freundschaft, aber Adam hatte geschworen, dass er lieber gemeinsam mit mir Ärger bekommen würde, als sich mit jemand anderem zu langweilen. Rasch tippte ich eine Antwort.
Das war ein denkwürdiger Tag. Hast du es Adam geschickt?
Ja. Aber in Boston ist es schon ziemlich spät. Vielleicht hat er es noch nicht gesehen, weil er schon schläft.
Es war wahrscheinlich die netteste Art zu sagen, dass Adam nicht geantwortet hatte. Adam war noch nie der Typ, der früh ins Bett ging. Er besaß schon immer die absurde Fähigkeit, mit fünf Stunden Schlaf auszukommen.
Obwohl ich wusste, dass es eine schlechte Idee war, öffnete ich meine Bilder-App. Ich war nicht besonders gut darin, alle Dateien oder Bilder auf neue Handys zu übertragen, aber es gab einige Dinge, die ich immer behielt. Und für alle Fälle hatte ich sie zusätzlich auf Festplatten und in der Cloud abgespeichert.
Ich öffnete den Ordner mit dem Namen AJ und sah mir das erste Bild an. Es war direkt nach der Übergabe unserer Abschlusszeugnisse gemacht worden, als wir uns umarmten. Es war eines der wenigen Bilder, auf denen Adam in die Kamera lächelte. Sehr zum Ärger seiner Mutter runzelte Adam meistens die Stirn oder verzog das Gesicht, wenn man ihn fotografierte. An dem Tag waren wir überglücklich, mit der Schule fertig zu sein, und freuten uns, endlich zum Kreis der Erwachsenen zu gehören und unsere Zukunft zu gestalten. Weniger als ein Jahr nach diesem Bild zog Adam nach Boston, um auf eigenen Beinen zu stehen, und ich blieb zurück.
Es gab noch weitere Bilder, einige davon waren eingescannte Kopien älterer Fotos. Adam, mit vierzehn, der mit erschrockenem Gesichtsausdruck einen riesigen Fisch in die Höhe hielt, der wild zappelte, um sich zu befreien. Adam und ich im Alter von zehn Jahren, wir trugen identische Pullover, die seine Mutter und ich geliebt hatten und die Adam nie wieder anziehen wollte. Ein Bild von ihm, wie er mich herzhaft auslachte, als wir fünfzehn waren, nachdem ich bei dem Versuch, ihn in einen kaum aufgetauten Bach zu schubsen, selbst hineingefallen war.
Normalerweise schwelgte ich nicht in der Vergangenheit, vor allem nicht, wenn ich in wehmütiger Stimmung war. Es war zu einfach, sich in den alten Erinnerungen zu verlieren und noch schwermütiger zu werden. Ich hatte Adam seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und nur ein halbes Dutzend Mal mit ihm gesprochen, wobei unsere Gespräche eher oberflächlich waren.
Es fiel mir nicht schwer zuzugeben, dass ich meinen besten Freund manchmal so sehr vermisste, dass es körperlich wehtat. Als Kind waren wir unzertrennlich. Er war wie ein Bruder für mich, und er war der Erste, bei dem ich mich als Teenager outete, und er war dabei, als ich mich zum ersten Mal Hals über Kopf verknallte. Vor einigen Jahren war ich sein Trauzeuge und er war nach Fairlake geeilt, als ich böse gestürzt war. Zum Glück hatte ich mir jedoch nur den Arm gebrochen. Er war derjenige, zu dem ich mit allem gegangen war.
Na ja, fast allem.
Das letzte Bild wurde vor fünf Jahren in Fairlake gemacht. Er war zu Besuch bei seinen Eltern und kurz danach heiratete er Bri und eröffnete seinen eigenen Handwerksbetrieb. Er lag in einer Hängematte im Garten seiner Eltern, nur mit einer Shorts bekleidet. Ich fühlte mich wie ein Perversling, als ich ihn damals betrachtete und das Foto knipste, während er döste.
Wenn sich all die Male, in denen ich mir in der Vergangenheit beim Gedanken an ihn einen runtergeholt hatte, nicht wie eine Verletzung seiner Privatsphäre angefühlt hätten, würde das eher harmlose Bild keine Grenze überschreiten. Aber seit ich mit dreizehn erkannt hatte, dass ich schwul war und mich zu meinem besten Freund hingezogen fühlte, ermahnte ich mich ständig selbst, dass es eine schlechte Idee war, diese Anziehung nicht im Keim zu ersticken. Und über ein Jahrzehnt später gab ich mich immer noch der Fantasie hin, dass aus uns mehr werden könnte. Doch im Gegensatz zu früher hatte ich mich damit abgefunden, dass es nur Wunschdenken war, und der Herzschmerz und die Sehnsucht waren vorbei … zumindest größtenteils.
Doch beim Anblick des Bildes schmerzte mein Herz und all die Gefühle waren wieder zurück. Einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, Adam anzurufen. Vielleicht würde er dieses Mal abheben, und ich könnte wenigstens die Stimme meines Freundes hören. Ich würde ihm nicht den wirklichen Grund meines Anrufs sagen. Wobei … ich könnte den Ton leicht halten, wenn ich ihm sagte, dass ich ihn vermisste, und einen blöden Witz darüber machen, der ihn zum Lachen bringen würde. Ich vermisste sein Lachen und den Anblick seiner kleinen Lachfältchen, die sich in seinen Augenwinkeln bildeten, wenn er sich über mich amüsierte.
Nein, einfach nein. Ich würde ihn nicht anrufen. Nicht, wenn ich so verletzlich und aufgewühlt war, weil er mir so fehlte. Also schrieb ich ihm eine kurze Nachricht, schloss seufzend die Bilder-App, schaltete mein Handy aus, legte es beiseite und zuckte erschrocken zusammen, als ich Chase neben mir bemerkte, der mich mit unergründlichem Blick betrachtete. Wortlos stellte er ein Bier auf den Couchtisch und setzte sich in einen der klapprigen Sessel.
„Wie viel hast du gesehen?“, fragte ich ihn misstrauisch. Es war ja nicht so, dass er es nicht wüsste. Der Bastard war schlau und hatte es herausgefunden.
„Ich habe ein Bild von Devin und mir in meiner Brieftasche.“ Statt mich anzusehen, starrte er auf den ausgeschalteten Fernseher. „Es ist … ach, egal.“
„Schätze, wir tragen beide jemanden mit uns herum … im wahrsten Sinne des Wortes.“ Ich lächelte ihn leicht an, setzte die Bierflasche an die Lippen und nahm einen großen Schluck.
„Du bist so ein kitschiger Mistkerl. So viel Käse, wie du redest, hättest du Cheddar heißen sollen.“
„Meine Eltern haben darüber nachgedacht, aber Cheddar Livington klingt nach teurem Käse, und dafür sind wir zu arm.“
„Idiot.“
„Arschloch.“
Wir kicherten beide und als Chase den Fernseher einschaltete, tröstete ich mich damit, dass es noch einen guten Freund in meinem Leben gab, auch wenn er ein bisschen mürrisch und kompliziert war.
Kapitel 2
Adam
Ich beugte mich vor und drehte die schwenkbare Lampe, die über dem Schreibtisch in meinem Homeoffice hing, so, dass sie die Zeichnung beleuchtete. Jemand hatte eine Bestellung für einen Sekretär aufgegeben. Meine Mitarbeiter hatten sich verwundert gefragt, warum jemand so viele Verstecke und zusätzliche Schließmechanismen in einem Schreibtisch brauchte. Mich persönlich interessierte nur, ob es machbar war und ob die Frau, die ihn bestellt hatte, bereit war, den Aufpreis zu bezahlen.
Und beides traf zu.
Als ich genau das meinen Mitarbeitern mitteilte, sahen sie mich einen Moment komisch an, ehe sie an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten. Es dauerte einige Sekunden, bis ich erkannte, wie schroff ich sie angeschnauzt hatte. Sie waren gute Kerle, die hart arbeiteten und mir keinen Ärger machten, es sei denn, ich verdiente es. Selbst jetzt, Stunden später, fühlte ich mich deswegen noch schlecht. Sie hatten es nicht verdient, mit meiner miesen Laune konfrontiert zu werden, die nicht ihre Schuld war.
Ich atmete tief durch, verdrängte den Gedanken, sah mir die Zeichnung an sowie die Liste der benötigten Materialien. Einige der Teile hatten wir nicht standardmäßig auf Lager, und das Holz musste extra bestellt werden. Als ich vor ein paar Jahren einen kleinen Betrieb eröffnete, der sich auf Renovierungen spezialisierte, war das ein nervenaufreibendes, aber aufregendes Unterfangen. Ihn zu erweitern, indem wir auch Sonderanfertigungen machten, stellte jedoch eine Herausforderung dar, die mich mit gemischten Gefühlen zurückließ.
Einerseits gefiel es mir, Möbel herzustellen, anstatt Böden, Wände oder Schindeldächer zu reparieren. Der kreative Aspekt reizte mich, auch wenn ich zugeben musste, dass ich im Allgemeinen ein ziemlich praktischer und ernsthafter Mensch war. Manchmal war es schön, einen absurd privaten und komplexen Schreibtisch und nicht einen weiteren Schuppen zu bauen.
Mein Handy summte. Kurz war ich versucht, es zu ignorieren, selbst als es erneut summte, was bedeutete, dass es ein Anruf und keine Nachricht war. Ich schaute aufs Display und als ich den Namen des Anrufers sah, ging ich ran.
„Hey, Mom, du bist auf Lautsprecher, aber außer mir kann dich niemand hören.“ Ich legte das Handy auf meinen Schreibtisch.
„Oh, ich hasse das Echo vom Lautsprecher“, beschwerte sie sich seufzend.
„Ich sitze gerade an einer Kalkulation, also sind meine Hände ein wenig beschäftigt.“
„Jedes Mal, wenn ich dich anrufe, bist du beschäftigt.“
„Ein eigenes Unternehmen zu besitzen, zu leiten und aktiv an den Projekten mitzuarbeiten, ist sehr zeitaufwendig.“
Was nicht ganz der Wahrheit entsprach. In den letzten Monaten hatte ich mich mehr und mehr in die Arbeit gestürzt, und meiner stets sehr aufmerksamen Mutter entging dies natürlich nicht. Meine Frau hatte es natürlich auch bemerkt, nur wusste sie, dass es Absicht war, und dass ich nicht der Einzige von uns beiden war, der die Arbeit als Vorwand nutzte, um nicht zu Hause zu sein.
„Schatz, ich weiß, dass deine Arbeit wichtig ist, aber du solltest wirklich darüber nachdenken, jemandem, dem du vertraust, einen Teil der Verantwortung zu übertragen. So viel zu arbeiten ist nicht gut. Was ist, wenn du und Bri Kinder haben wollt? Willst du dann nicht für sie da sein?“ Sie klang ernsthaft besorgt.
Ja, klar, Kinder. Als gäbe es nicht eine lange Liste von Gründen, warum Bri und ich nicht mal darüber nachdenken sollten. Sicher, anfangs hatten wir mehrmals darüber gesprochen und beschlossen, dass wir zwar eines Tages Kinder haben wollten, es jedoch lieber aufschieben sollten, bis wir uns in einer besseren Lebenssituation befanden.
Damals waren wir gerade frisch verheiratet und sie fing in einer neuen Kanzlei an und ich beschloss, mein eigenes Unternehmen zu gründen, was bedeutete, dass ich rund um die Uhr arbeitete. Nachdem sie sich in der neuen Kanzlei etabliert hatte und mein Betrieb schwarze Zahlen schrieb, expandierte ich und Bri machte vermehrt Überstunden. Irgendwie schienen unsere Berufe uns bei der Gründung einer Familie immer in die Quere zu kommen und jetzt, wo wir damit anfangen könnten, standen Bri und ich uns selbst im Weg.
„Ich weiß, dass du und Dad euch viel Zeit für mich genommen habt, und ich weiß das zu schätzen. Doch was Bri und mich angeht, ist es momentan wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um an Kinder zu denken.“ Ich blickte auf meinen Ehering, der auf dem Schreibtisch lag. Ich hatte ihn gedankenverloren abgenommen, als ich in mein Büro gegangen war, und ihn nicht wieder angezogen. Früher konnte ich kaum den Gedanken ertragen, ihn abzunehmen, und zog ihn nach dem Duschen oder dem Abwasch sofort wieder an. Jetzt zog ich ihn aus, wenn ich allein zu Hause oder im Betrieb war.
„Ich weiß, dass die Kinder heutzutage immer später eine Familie gründen“, sagte sie, ohne überzeugt zu klingen.
Das brachte mich zum Lächeln. „Mom, ich werde in ein paar Jahren dreißig. Ich denke nicht, dass man mich noch als Kind bezeichnen kann.“
„Nun, du wirst immer mein kleiner Junge bleiben.“
„Ich nehme an, es ist gut, dass ich nicht mehr in dem Alter bin, in dem ich bei manchen Dingen, die du sagst, zusammenzucke und stattdessen darüber lächeln kann.“
„Es hat mich auch nicht abgehalten, als es dir noch peinlich war, also höre ich jetzt bestimmt nicht damit auf.“
Bei dem Gespräch zog sich mir die Brust zusammen. Ich sehnte mich danach, mit ihr an dem zerkratzten Esszimmertisch zu sitzen, den meine Eltern besaßen, seit ich fünf war … mit ihr einen Kaffee zu trinken und den Nachrichten zu lauschen, die aus dem Fernseher im Wohnzimmer zu uns drangen, während mein Vater auf der Couch saß und ebenfalls Kaffee trank, statt des Feierabendbiers, das er früher immer getrunken hatte. Andernfalls hätte meine Mutter ihm einen Vortrag über seine Leber gehalten.
Ich wollte auf die Veranda hinausgehen, um über den Zaun zu schauen und die Rocky Mountains in der Ferne zu sehen. Vielleicht sogar verweilen und den Sonnenuntergang beobachten, der manchmal die schneebedeckten Berge in einen malerischen Lichtschein tauchte, der sie wie Flammen aussehen ließ. Ich wollte unbedingt den sanften Wind hören und die Ruhe der Gegend genießen, in der ich aufgewachsen war. Wenn ich Glück hätte, würde Bennett direkt neben mir stehen, und ich würde …
„Ist bei euch alles in Ordnung?“, fragte ich plötzlich und verdrängte die wehmütigen Gedanken, bevor ich mich zu sehr darin verlor. Sosehr ich auch nicht an Bennett denken wollte, kam ich nicht dagegen an, mich daran zu erinnern, dass er mir immer vorgeworfen hatte, ich würde viel zu oft über alles grübeln. Damals hatte ich ihm zwar heftig widersprochen, aber als ich älter wurde, erkannte ich, dass es stimmte.
„Oh, es ist alles in Ordnung. Ich habe mich nur vorhin mit deinem Vater gestritten.“
„Du meinst bestimmt gezankt.“
„Was?“
„Das letzte Mal, dass ihr euch richtig gestritten habt, war, als du ihm verboten hast, ein paar fremde Autos in unserer Einfahrt abzustellen.“
„Es war nicht die Einfahrt, sondern der Garten!“, widersprach sie aufgebracht. „Und unser Garten ist kein Schrottplatz.“
„Oh, um Himmels willen … Diane, lass es gut sein!“, hörte ich meinen Vater im Hintergrund rufen.
„Ich lasse es sein, wenn du mit deinen dummen Ideen aufhörst“, schnauzte sie zurück, doch in ihrer Stimme schwang keine Wut mit. Solange ich denken konnte, gab es zwischen ihnen diese kleinen Streitereien und gleichzeitig kannte ich kein anderes Paar, das gerne so viel Zeit miteinander verbrachte und Kurztrips unternahm wie sie. „Wie ich schon sagte, hatten wir einen kleinen Streit über seinen Salzkonsum. Der Arzt ist sehr besorgt über den Blutdruck deines Vaters. Und natürlich hält dein Vater den Arzt für zu jung, um ihm Anweisungen bezüglich seiner Gesundheit zu geben.“
„Zu jung?“, fragte ich verwirrt. „Ist er nicht schon sein ganzes Leben lang bei Doktor Mevin?“
„Schatz, Doktor Mevin ist vor fast sechs Jahren in den Ruhestand gegangen. Dr. Abraham hat seine Praxis übernommen.“
„Er kann doch nicht jünger als dreißig sein, oder?“
„Er ist einundvierzig, obwohl ich sagen muss, dass er eher wie dreißig als wie vierzig aussieht.“
Ich lächelte über den schwärmerischen Tonfall in ihrer Stimme, den sie nur dann anschlug, wenn sie wusste, dass mein Vater sie hören konnte. „Er schaut dich gerade böse an, nicht wahr?“
„Er tut so, als ob er mich nicht hören könnte. Komisch, dass er nur dann Probleme mit dem Gehör hat, wenn ich etwas von ihm will. Jedenfalls findet dein Vater, dass er viel zu jung ist. Und natürlich habe ich ihm gesagt: Erik, du hast kein Medizinstudium absolviert. Du wurdest nicht von Doktor Mevin ausgebildet. Also sei still und hör auf den Arzt. Er kennt sich mit Blutdruckwerten aus. Aber natürlich …“
„… ist er stur und wollte nicht zuhören“, beendete ich den Satz für sie.
„Genau.“
Ich beschloss, die Zeichnung Zeichnung sein zu lassen, stand auf und ging in die Küche, um mir einen Drink einzuschenken. „Nun, du weißt ja, wie er ist, Mom. Aber ich vertraue darauf, dass du ihm das nicht durchgehen lässt und dafür sorgst, dass er seine verdammten Tabletten nimmt.“
„Ausdrucksweise“, schimpfte sie. „Obwohl … du klingst wie er.“
„Ich weiß“, erwiderte ich lächelnd und nahm einen Schluck von dem Bourbon. „Und es ist deine größte Angst, dass ich genauso werde wie er.“
„Nun, zu sagen, dass es mir große Angst macht, ist übertrieben, aber ich hoffe, du hast genug von mir in dir.“
„Ich bin mir sicher, dass ich auch ein oder zwei Eigenschaften von dir geerbt habe.“
Ihre nächsten Worte wurden durch das plötzliche Zuschlagen der Wohnungstür übertönt, was mich zusammenzucken ließ. Warum Bri den Drang verspürte, jede Tür zuzuschlagen, egal ob es sich um die Badezimmertür oder eine Schranktür handelte, war mir ein Rätsel. Ich hatte immer versucht, es als etwas zu betrachten, das mich zwar irritierte, ich jedoch tolerieren konnte, aber die Zeit zeigte, dass ich es nicht konnte. Ich empfand es einfach als störend und nervig.
„Oh, um Gottes willen“, hörte ich Bri laut vor sich hin murmeln. „Als wäre ein Mülleimer so schwer zu finden.“
Sofort wurde mir klar, wovon sie sprach, und ich schnitt eine Grimasse. Ich hatte am Esszimmertisch etwas vom Lieferdienst gegessen, als ich einen Anruf wegen eines Fehlers bei unserer nächsten Materiallieferung bekam, der mir seit Tagen Kopfschmerzen bereitete. Als ich das Telefonat beendet hatte, war ich in mein Büro gegangen und hatte das Essen völlig vergessen, weil ich mich in die Zeichnung vertiefte.
„Warte mal kurz, Mom“, sagte ich, als ich das stakkatoartige Klacken von Bris Absätzen hörte, die sich der Küche näherten.
Bri kam herein, blieb kurz stehen und sah mich finster an, als sie mich am Tresen stehen sah. In diesem Moment besaß sie keinerlei Ähnlichkeit mit der hübschen Frau, in die ich vor einigen Jahren buchstäblich hineingelaufen war, als ich für einen Moment unachtsam war, weil ich an meinem Coffee-to-go nippte. Ihre blauen Augen hatten sich geweitet und im Sonnenlicht gefunkelt. Ich hatte mich von der komplizierten Hochsteckfrisur ablenken lassen, die eigentlich gar nicht zu dem Hosenanzug passte, den sie an diesem Tag trug, und ihn doch irgendwie perfekt ergänzte.
„Ist es so schwer, Dinge wegzuräumen?“, fragte sie mich scharf, öffnete den Mülleimer und warf den Behälter hinein. „Als ob ich nicht ohnehin schon den ganzen Tag damit verbringe, den Scheiß anderer Leute zu regeln.“
„Ich hatte einen Anruf von der Arbeit und habe es vergessen. Ich hätte es schon noch weggeräumt“, sagte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten.
„Ein Anruf von der Arbeit um diese Zeit?“ Sie schaute auf mein Handy.
„Das ist meine Mutter.“ Ich klopfte auf mein Handy, das ich gegen meine Brust drückte, um jedes Geräusch zu dämpfen. „Der Anruf von der Arbeit war davor.“
„Gott, trinkst du schon wieder?“
„Ich hatte bisher sage und schreibe einen Schluck. Vielleicht solltest du dir ebenfalls einen Drink genehmigen. Vielleicht bist du dann weniger zickig.“
Sie starrte mich an. „Ich habe heute Abend keine Zeit für deinen Scheiß, Adam.“
„Von mir aus. Ich bin auch nicht in der Stimmung, mich mit deinem Scheiß zu beschäftigen. Wie wäre es also, wenn du in dein Büro verschwindest, dann hast du deine Ruhe vor mir.“
„Nun, da du eindeutig schlecht drauf bist, werde ich das wohl tun. Warum gehst du nicht in die Kneipe um die Ecke und gönnst dir ein paar richtige Drinks?“
„Das werde ich vielleicht tun.“
„Wunderbar.“
„Perfekt.“
Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu, denn sie hatte es noch nie leiden können, wenn ich ihr gegenüber diesen kühlen, beherrschten Ton anschlug. Bri verschwand, ihre Absätze klackerten, als sie den Flur hinuntermarschierte, um so weit wie möglich von mir wegzukommen.
„Äh … Adam, Schatz?“, zwitscherte die Stimme meiner Mutter aus dem Handylautsprecher.
„Scheiße“, murmelte ich und schaltete den Lautsprecher aus. „Tut mir leid, Mom, das solltest du nicht hören.“
„Nein, ganz sicher nicht“, stimmte sie mir zu, während ich mein Glas leerte und zur Haustür ging. „Ist es zwischen dir und Bri immer noch schwierig?“
„Nein, alles eitel Sonnenschein und voller Liebe.“ Ich bückte mich, um meine Boots anzuziehen.
Ich konnte Bri murmeln hören, und ihre Stimme zerrte an meinen Nerven. Ich schnappte mir meine Schlüssel aus der Schüssel, verließ unsere Wohnung, ignorierte den Aufzug und nahm stattdessen die Treppe.
„Ich wünschte, du würdest mit jemandem darüber reden“, sagte meine Mutter. „Wenigstens mit Bennett. Wir wissen alle, wie beschäftigt du bist, aber ich weiß, dass er sofort ans Handy gehen würde, wenn du ihn anrufst.“
Und das war wohl das Schlimmste an der ganzen Sache. Nicht, dass ich seit über zwei Jahren nicht mehr in Fairlake gewesen war … Nicht, dass ich meine Freundschaft mit Bennett in eine vergessene Ecke meines Gehirns verdrängt hatte … Nein, es war die Tatsache, dass Bennett trotz alledem sofort ans Handy gehen und mir helfen würde, wenn ich ihn darum bat.
In den letzten Jahren hatte ich das Gefühl, dass so ziemlich alles in meinem Leben zu verblassen begann und drohte, mich in den Abgrund zu reißen. Das Geschäft lief gut, aber ich hatte keine Freunde in Boston, die nicht zuerst Bris Freunde waren. Meine Familie und alle moralische Unterstützung, auf die ich jemals zurückgreifen konnte, waren in Fairlake. Durch mein Versagen hatte ich meinen besten Freund in dem Glauben gelassen, dass er mir egal war, und meine Ehe ging rasant den Bach runter.
„Ja“, sagte ich, als ich nach draußen trat und mich auf den Weg zur Bar im nächsten Block machte, genervt davon, dass ich ausgerechnet den ‚Rat‘ meiner Frau befolgte. „Ich weiß, dass er das tun würde, Mom. Aber er hat auch seine eigenen Sachen, um die er sich kümmern muss, und ich bin nicht … Ich komm schon klar.“
„Tust du das? Denn es hört sich nicht so an, als würdest du klarkommen.“ Sie klang besorgt. „Man redet nicht mit einem Menschen, den man liebt, so wie ihr beide es vorhin getan habt. Das waren nicht zwei verheiratete Menschen, die eine schwierige Phase durchmachen. Das waren zwei Menschen, die sich gegenseitig verachten.“
Sie hatte recht. Doch das konnte oder wollte ich ihr nicht sagen. Ich wusste nicht mal, wann wir die Grenze von schwieriger Phase zu aktiver Abneigung überschritten hatten. Doch es war passiert. Bri und ich waren nur dann ein Paar, wenn wir uns in der Öffentlichkeit sehen lassen mussten. Das letzte Mal war das vor drei Monaten der Fall. Seitdem gingen wir immer allein zu Veranstaltungen und erfanden Ausreden, warum der andere verhindert war.
„Äh … bei mir wird es gleich laut, deshalb bin ich mir nicht sicher, ob ich dich gut hören kann.“
„Du gehst in eine Bar, nicht wahr?“
„Nicht wegen dem, was sie gesagt hat“, erklärte ich, obwohl wir beide wussten, dass es eine Lüge war. „Ich treffe mich mit jemandem, um … Was weiß ich, sagen wir, um Kontakte zu knüpfen. Ein paar Drinks, ein paar nette Gespräche, und zack, ist das Geschäft unter Dach und Fach.“
„Na ja, tu, was auch immer du tun musst“, erwiderte sie, und ich hatte das Gefühl, dass sie nicht von dem Networking sprach, das ich gerade erfunden hatte.
„Danke, Mom. Ich werde sehen, ob ich es nächstes Weihnachten schaffe, nach Fairlake zu kommen, okay? Bis dahin sollte sich alles beruhigt haben.“
„Wir hoffen alle, dass wir dich bald sehen. Dein Vater und ich haben dich lieb.“
„Ich habe euch auch lieb“, verabschiedete ich mich und beendete das Gespräch.
Als ich ein paar Stunden später auf mein Handy schaute, wurde mir eine Nachricht von Bennett angezeigt. Offenbar hatte meine Mutter ihm vorhin ein Bild von uns geschickt, und er wollte wissen, ob ich mich an diesen Tag erinnerte. Natürlich erinnerte ich mich. Ich hatte mich so geärgert, dass er mein Lieblingsshirt dreckig gemacht hatte, und das alles nur, weil er ausgerechnet nach Sand graben wollte.
Aber ich war zu betrunken, unglücklich und meines Lebens überdrüssig, als dass ich mich hätte durchringen können, ihm zurückzuschreiben. Das würde die mentalen Schleusen öffnen, und dann würde ich ihn anrufen wollen. Ich würde seine Stimme hören wollen und den sehnsüchtigen Schmerz in meiner Brust spüren, der irgendwie schrecklich und wunderbar zugleich war. Ich würde förmlich darauf brennen, sein albernes Lächeln zu sehen, und ich würde meine Arme um ihn schlingen und ihn fest umarmen wollen.
Aber nichts von alledem hatte ich verdient. Selbst jetzt versuchte Bennett noch, mein bester Freund zu sein, obwohl ich schon lange nicht mehr sein bester Freund war. Vielleicht würde ich eines Tages in der Lage sein, die Dinge in Ordnung zu bringen und wiedergutzumachen, was für ein Mistkerl ich gewesen war.
Aber nicht jetzt, nicht heute.
* * *
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Als Nächstes: die Geschichte von Isaiah und Julian

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